Schwarz-Gelb Die neuen ZeitgeistpredigerSeite 3/3

Wenn Leistung und Erfolg angeblich nur Produkt des eigenen Willens und nicht auch von strukturellen Faktoren abhängig sind, wie Norbert Bolz mit seinen "Leistungsträger"-Anrufungen nahelegt, dann dürfen im Gegenzug auch die sozialen Leistungen kein Recht, sondern nur eine Gabe sein. Da ist es nur konsequent, wenn Sloterdijk wieder ins 19. Jahrhundert zurückgehen möchte – vor Bismarcks wegweisende Sozialgesetze (1883-1891), als die Versorgung der Alten, Kranken und Bedürftigen noch ein Akt der Barmherzigkeit darstellte. Sloterdijks provokantes Plädoyer für eine Abschaffung der obligaten Steuer zugunsten einer Zahlung auf freiwilliger Basis entspricht diesem vorbürgerlich-idealistischen Weltbild, auch wenn sich der Karlsruher Philosoph, wie stets, einer originellen Sprache bedient, die seinen abwegigen Thesen auf den ersten Blick einen modernen Touch gibt.

Tanja Dückers,
Tanja Dückers,
1968 geboren in West-Berlin,
Studium der Kunstgeschichte, Amerikanistik und Germanistik
1999 veröffentlicht sie ihren ersten Roman "Spielzone"
2000 erhält sie den Förderpreis des "Literaturpreises Ruhrgebiet"
Zuletzt erschienen 2006 ihr Roman "Der längste Tag des Jahres" und 2007 der Essayband "Morgen nach Utopia"

Erstaunlich an diesen Thesen ist weniger ihr reichlich altbackener Inhalt als der Umstand, dass derzeit ernsthaft über sie debattiert wird. Tatsächlich beginnen bereits Geistesgrößen in namhaften Zeitungen über das Wesen der Barmherzigkeit herumzugrübeln und Sloterdijks "Aufbruch der Leistungsträger" in eine Genealogie mit Hegel und Humboldt zu setzen – womit ihm wirklich zuviel Ehre zuteil wird.

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Dem Karlsruher Enfant terrible ist es mit seinen ach so utopistischen Ideen gelungen, eine ganze Debatte loszutreten, und zwar über das absurde Sujet der "geknechteten" Elite, der beraubten Leistungsträger. Doch über Hartz-IV-Empfänger, über die kontinuierliche Reallohnsenkung, die gewachsene und nicht geschrumpfte Diskrepanz zwischen Arm und Reich, über die Tatsache, dass in Deutschland mehr als jedes fünfte Kind in Armut aufwächst – das heißt, über wirkliche und nicht eingebildete Probleme - darüber spricht derzeit niemand.

 
Leser-Kommentare
  1. ...als Geist!

    Armes Deutschland.

    • WPitz
    • 20.11.2009 um 12:08 Uhr

    das waren schon fast immer Spinner, die in einer Wunschwelt leben, aber die wahren Verhältnisse nicht kennen. Der letzte Absatz des Zeit-Artikels dazu sagt wirklich alles deutlich aus. Ich fürchte allerdings, daß auch kein aktueller Politiker der Regierung dies wirklich begreift. Das Foto zum Artikel ist mehr als bezeichnend. Doch wie die Geschichte bereits öfter lehrte, irgendwann schlägt das Imperium der ignorierten Schichten erbarmungslos zurück, auch diesmal.

    • Buker
    • 20.11.2009 um 12:09 Uhr
    3.

    So sehr es mich freut, dass die Presse die elitäre fast schon menschenverachtende Attitüde von schwarz/gelb nun endlich erkennt un beim Namen nennt,

    frage ich mich doch...

    Warum erst nach der Wahl???

    • Taha
    • 20.11.2009 um 12:10 Uhr
    4. Danke

    Vielen Dank für diesen Kommentar!
    Er spricht mir aus der Seele.
    Gerade das über das Sloterdijksche Pamphlet so intensiv diskutiert wird / werden muss, sagt viel über den Zustand dieser Gesellschaft aus.
    Wo Individualisierung nur noch als mehr Egoismus, Egozentrik und mehr Ellbogen begriffen wird, da blubbern eben auch solch anachronistischen Forderungen wie giftige Gasblasen an die Oberfläche eines Sees.

  2. wie eine Gesellschaft zu egalitaer sein kann? Ist es nicht das angestrebte Ziel jeder Gesellschaft (abgesehen von dem, was so vor 60 Jahren hier war) eine Egalitaet herzustellen, d.h. jeden Menschen gleich zu behandeln und anzusehen?

    "Nirgendwo in Europa, außer in Lettland, sind die sozialen Schichten so wenig durchlässig wie hier, dennoch wird stur behauptet, unsere Gesellschaft sei zu egalitär geworden, bei uns würde dem Gleichheitsgedanken zuviel Bedeutung beigemessen."

    ...Und als naechstes wird der Gutmnesch eingefuehert oder wir besinnen uns auf Gesellschaftsklassiker, wie schoene neue Welt. Huxlex hatte doch Recht. Hooray wir kommen, Klassengesellschaft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Gesellschaft ist dann zu egalitär, wenn der "Elite", die, wie hier, aus einem quasi-aristokratischen Zirkel besteht, zu viele Außenseiter Konkurrenz machen. Das haben Schröder und Fischer nicht kapiert: Es reicht nicht, sich in Worten und Taten anzubiedern (in der Hinsicht haben die zwei ja nichts falsch gemacht: Umverteilung von unten nach oben war auch schon unter Rot-Grün Programm), sondern man muss eben aus einem guten Stall sein - von der Leyen und zu Guttenberg sind es auf jeden Fall, deshalb sind das ja laut Bild und Bunte die Stars der Manege.

    Es ist eben wie bei der letzten großen Krise: In der Krise wählt der Deutsche reaktionär, wird sie schlimmer, wählt er faschistisch. Na, mal sehen, wohin uns Schwarz-Geld diesmal reiten.

    Die Gesellschaft ist dann zu egalitär, wenn der "Elite", die, wie hier, aus einem quasi-aristokratischen Zirkel besteht, zu viele Außenseiter Konkurrenz machen. Das haben Schröder und Fischer nicht kapiert: Es reicht nicht, sich in Worten und Taten anzubiedern (in der Hinsicht haben die zwei ja nichts falsch gemacht: Umverteilung von unten nach oben war auch schon unter Rot-Grün Programm), sondern man muss eben aus einem guten Stall sein - von der Leyen und zu Guttenberg sind es auf jeden Fall, deshalb sind das ja laut Bild und Bunte die Stars der Manege.

    Es ist eben wie bei der letzten großen Krise: In der Krise wählt der Deutsche reaktionär, wird sie schlimmer, wählt er faschistisch. Na, mal sehen, wohin uns Schwarz-Geld diesmal reiten.

    • TDU
    • 20.11.2009 um 12:21 Uhr

    Das war ja wieder mal mit der Brechstnge. Im Kultur- einschließlich Design und Outfit der Frauen können Sie doch alle Farben einsetzen. Und im Sozialbereich ist vielleicht wieder Redeerlaubnis ausser bei denen, dei Hartz IV gebastelt haben.

    Und ob die ehemalige Apoleute Scharz gelb gewählt haben? Im Moment bleibt als Zeitgeist nur der Appell an die Leistungsbereitschaft. Ja was denn sonst, wenn Kurzform sein soll. Wir haben 30 Jahr linken Zeitgeist ertragen. jetzt schaffen wir das auch noch.

    Ohne so was kommt der Deutsche eh nicht aus, seit dem die Religionen als Sinnstifer abgesetzt wurden.

    • alkyl
    • 20.11.2009 um 12:22 Uhr

    Lauter bitte! Damit es niemand überhören kann!

  3. es scheint als wäre die Autorin beleidigt, dass Sie nicht zu dieser Elite gehören darf.
    Aber wer will das?
    Wer will schon mit diesen Steuerhinterziehern, selbsterklärten Superleistungsträgern mit aus Steuergeldern bezahlten Professorenstühlen, Egoisten und ImmerIch's in einem Atemzug genannt werden?
    Wäre ich auf einem Fest geladen auf dem Herr Westerwelle den Raum betritt wäre zur Gewissheit geworden was mir den Schlaf in dunklen Nächten raubt.
    Mein Leben ist verfehlt, es bleibt nur noch Selbstmord.

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