Schweizer Referendum Mit dem Rücken zur Welt

Das Votum für das Minarett-Verbot widerspricht der Vernunft: Gerade die Schweiz profitiert von ihrer Tradition der Weltoffenheit. Ein Kommentar

Das war kein Ausrutscher, kein Zufallsvotum aufgrund schwacher Wahlbeteiligung. Nein, in der Schweiz hat sich am Sonntag eine große Mehrheit der Bevölkerung gegen den Bau weiterer Moscheen mit Gebetstürmen, mit Minaretten, ausgesprochen.

In traditionell konservativen und gegenüber ausländischen Einflüssen besonders sensiblen Kantonen wie Appenzell-Innerrhoden kamen die Minarettgegner auf über 70 Prozent. Aber auch in den eher als liberal und der Welt zugewandten geltenden Kantonen im Süden der Schweiz erzielte die Initiative der Schweizerischen Volkspartei, SVP, Ergebnisse, die man noch vor einem Jahrzehnt für völlig undenkbar gehalten hätte und die jetzt wie Keulenschläge wirken. Ach ja: Vier Gotteshäuser mit Minarett gibt es gegenwärtig in der ganzen Schweiz.

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Ein Schock, ein politisches Erdbeben, ist es tatsächlich, was am Sonntag ausgelöst wurde. Es ist ein Rückfall hinter die Errungenschaft der Aufklärung, ein Rückschritt in eine Zeit der Ideologien, Glaubensdogmen und Vorurteile, ein krachender Tritt gegen Vernunft und Wissen. Dänische und niederländische Islamhasser haben nun in der Eidgenossenschaft ihre Entsprechung gefunden, das Klima im Land scheint nach dieser Abstimmung genauso vergiftet wie das internationale Ansehen der Schweiz schwer beschädigt.

Kein Land Europas ist so auf weltweite Vernetzung angewiesen wie die Schweiz. Kein Land der Welt hat aber auch so von diesem internationalen Netzwerk profitiert. Neutralität und Weltoffenheit, ehrlicher Makler, redlicher Vermögensverwalter, Drehscheibe der weltweiten Diplomatie, kluge Balance zwischen globaler Solidarität und Wahrung des eigenen Nutzens – das ist die Basis, auf der die Schweiz über Generationen Ansehen und Vermögen gemehrt hat.

Keine zweite Nation hat aber auch so entschlossen wie die Eidgenossenschaft versucht, bei aller Offenheit ihre Identität zu bewahren. Dabei gab es wahrhaftig immer genügend Brüche in diesem Land. Röstigraben nannten die Eidgenossen selbst die Mentalitätskluft zwischen den geistig eher engen deutschsprachigen Kantonen der Innerschweiz und den traditionell weltoffenen der Romandie. Die Tessiner auf der Südseite der Alpen lebten schon immer ihre undemonstrative Eigenständigkeit.

Über Jahrzehnte nutzte die Schweiz ausländische Arbeitskräfte als temporäre Entlastung in Zeiten der Hochkonjunktur und schickte diese Saisoniers wieder heim, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden. Diese Art des Umgangs mit Menschen wie mit anderen Produktionsmitteln, die man an- und abschaltet, hat sich längst, vor allem unter dem Einfluss der Europäischen Union, geändert. Deren Mitglied wollte und will die Schweiz nicht sein, von ihr profitieren jedoch will sie sehr wohl. Die Freizügigkeit war der Preis dafür. Deutsche Ärzte, Architekten und Ingenieure haben den Vorteil davon so wie deutsche Studenten. Viele Schweizer meinen, dass all dies ihren Wohlstand nicht mehre, sondern gefährde.

Das Gegenteil ist wahr. Aber das Abstimmungsergebnis richtet sich nur vordergründig gegen Minarette, tatsächlich nicht einmal nur gegen den Islam, sondern im Kern gegen alles Fremde. Ein Schweizer Sprichwort sagt, man könne nicht den Fünfer haben und das Weckli. Mit der arabischen Welt Milliardengeschäfte machen, aber den Islam aus dem Land halten – das wird nicht funktionieren. Die Schweiz ist keine Insel. Der Versuch, das Land dazu zu machen, wird fatale Folgen haben.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Ein guter Kommentar!

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    • joG
    • 30.11.2009 um 15:16 Uhr

    ...nicht so Weltoffen, wie man hier andeutet: "Gerade die Schweiz profitiert von ihrer Tradition der Weltoffenheit."
    Es war natürlich immer schön im Belle Vue oder Dolder zu wohnen. Die Schweizer waren geschmeidig und wohltuend freundlich. Es war bezaubernd. Der Deal war: Ich zahle und Ihr macht, dass ich mich wohl fühle. Das hatten sie gelernt und das konnten sie. Auch wußten sie wie wichtig es war Stillschweigen zu bewahren und diskret zu sein, wenn man mit Blutgeld handelt.

    Aber Weltoffen im eigentlichen Sinn? Freunde meiner Eltern wohnten 9 Jahre dort. Rr war hoher Diplomat bei der Gattverhandlung und sie reorganisierte die Unibibliothek. Die Beiden hatten viel Erfahrung in fremden Ländern und kamen recht gut zurecht. Nur in Genf nicht. In den 9 Jahren wurden sie nicht ein einziges Mal zu Schweizern nachhause eingeladen.

    Ähnliche Erfahrungen sammelte ein befreundeter Arzt an der Uni Zürich. Das sind Beispiele, deren mehr ich auch hätte. Das Sample ist nicht gross, korrespondiert aber mit meinen eigenen Beobachtungen.

    • joG
    • 30.11.2009 um 15:16 Uhr

    ...nicht so Weltoffen, wie man hier andeutet: "Gerade die Schweiz profitiert von ihrer Tradition der Weltoffenheit."
    Es war natürlich immer schön im Belle Vue oder Dolder zu wohnen. Die Schweizer waren geschmeidig und wohltuend freundlich. Es war bezaubernd. Der Deal war: Ich zahle und Ihr macht, dass ich mich wohl fühle. Das hatten sie gelernt und das konnten sie. Auch wußten sie wie wichtig es war Stillschweigen zu bewahren und diskret zu sein, wenn man mit Blutgeld handelt.

    Aber Weltoffen im eigentlichen Sinn? Freunde meiner Eltern wohnten 9 Jahre dort. Rr war hoher Diplomat bei der Gattverhandlung und sie reorganisierte die Unibibliothek. Die Beiden hatten viel Erfahrung in fremden Ländern und kamen recht gut zurecht. Nur in Genf nicht. In den 9 Jahren wurden sie nicht ein einziges Mal zu Schweizern nachhause eingeladen.

    Ähnliche Erfahrungen sammelte ein befreundeter Arzt an der Uni Zürich. Das sind Beispiele, deren mehr ich auch hätte. Das Sample ist nicht gross, korrespondiert aber mit meinen eigenen Beobachtungen.

  2. Der Schweizer hat ein feines Sensorium, was ihm guttut und was nicht. So stimmt er an der Urne auch ab. Minarette sind nun einmal Machtsymbole und die gehören in einem demokratisch regierten Land verboten. Gegen die Gebetsräume der Muslime hat in der Schweiz (fast) niemand etwas. Der zitierte Spruch heisst richtig: Der Fünfer und das Weggli und nicht Weckli. Der Kommentator ist offenbar ein Deutscher mit Namen Appenzeller. KOMISCH!

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    "Minarette sind nun einmal Machtsymbole und die gehören in einem demokratisch regierten Land verboten." Eben, und so wird es dann bald auch mit anderen religiösen "Machtsymbolen" weiter gehen. Was angeblich so aufgeklärt daher kommt ist in Wirklichkeit der kulturelle Selbstmord.
    Ein guter Kommentar der Redaktion. Unterschreibe ich.

    • pbosch
    • 01.12.2009 um 0:01 Uhr

    Wie kann man nur, zumal wenn man so lange so nah dran war an der Schweiz, so einen Blödsinn schreiben wie Gerd Appenzeller?

    Ich war lange genug in der Schweiz unterwegs, wohnte dort 10 Jahre und jetzt an der Schweiz, kenne alle Landesteile und die unterschiedlichen Mentalitäten, um feststellen zu können, dass die Schweizer nicht Muslim feindlich eingestellt sind

    Worum es lediglich geht ist, dass fundamentalistische Muslimführer und Hassprediger auf Zoff aus sind, was die übergroße Mehrheit der Schweizer Muslime ablehnt. "Kein Hund beißt die Hand, die ihn füttert". Und bei denen, welche beißen muss man hinschauen welche Hand sie nährt.

    Ich lebe in einer badischen Kleinstadt direkt an der Grenze. Etwa 16.000 EW mit einer Muslim-Gemeinde mit etwa 650 Mitgliedern, denen ihr Gebetssaal zu klein wurde.
    Also setzt man sich mit der übrigen Gemeinde zusammen und redet darüber und findet auch eine Lösung. Ein in der Nähe befindlicher ausrangierter Lockschuppen aus der Gründerzeit, etwas heruntergekommen, wird zur Verfügung gestellt, mit der Vereinbarung, Renovierung in Eigenregie (ein Schmuckstück mittlerweile).

    Es ging in den Vorgesprächen nie darum ob es ein Minarett geben soll. Hier hat man z. B. alljährlich in der Woche ausländischer Kulturen (85 Nationen in unserer Gemeinde!) um Gemeinsamkeit zu pflegen und die Muslime mittendrin.

    Die Lörracher Muslime mussten allerdings ihre heimlich installierten Lautsprecher am Gebetshaus sehr schnell wieder entfernen. Noch Fragen?

    "Minarette sind nun einmal Machtsymbole und die gehören in einem demokratisch regierten Land verboten." Eben, und so wird es dann bald auch mit anderen religiösen "Machtsymbolen" weiter gehen. Was angeblich so aufgeklärt daher kommt ist in Wirklichkeit der kulturelle Selbstmord.
    Ein guter Kommentar der Redaktion. Unterschreibe ich.

    • pbosch
    • 01.12.2009 um 0:01 Uhr

    Wie kann man nur, zumal wenn man so lange so nah dran war an der Schweiz, so einen Blödsinn schreiben wie Gerd Appenzeller?

    Ich war lange genug in der Schweiz unterwegs, wohnte dort 10 Jahre und jetzt an der Schweiz, kenne alle Landesteile und die unterschiedlichen Mentalitäten, um feststellen zu können, dass die Schweizer nicht Muslim feindlich eingestellt sind

    Worum es lediglich geht ist, dass fundamentalistische Muslimführer und Hassprediger auf Zoff aus sind, was die übergroße Mehrheit der Schweizer Muslime ablehnt. "Kein Hund beißt die Hand, die ihn füttert". Und bei denen, welche beißen muss man hinschauen welche Hand sie nährt.

    Ich lebe in einer badischen Kleinstadt direkt an der Grenze. Etwa 16.000 EW mit einer Muslim-Gemeinde mit etwa 650 Mitgliedern, denen ihr Gebetssaal zu klein wurde.
    Also setzt man sich mit der übrigen Gemeinde zusammen und redet darüber und findet auch eine Lösung. Ein in der Nähe befindlicher ausrangierter Lockschuppen aus der Gründerzeit, etwas heruntergekommen, wird zur Verfügung gestellt, mit der Vereinbarung, Renovierung in Eigenregie (ein Schmuckstück mittlerweile).

    Es ging in den Vorgesprächen nie darum ob es ein Minarett geben soll. Hier hat man z. B. alljährlich in der Woche ausländischer Kulturen (85 Nationen in unserer Gemeinde!) um Gemeinsamkeit zu pflegen und die Muslime mittendrin.

    Die Lörracher Muslime mussten allerdings ihre heimlich installierten Lautsprecher am Gebetshaus sehr schnell wieder entfernen. Noch Fragen?

  3. Ein Gezeter sondergleichen geht durch die Reihen der Multi-Kulti-Fans und religiösen Vertreter.
    Es geht nicht um das Verbot von Moscheen.
    Es scheint mir ein "Nein" zu sein gegen Demonstratives udn Forderndes, dem man auf vielen Feldern des täglichen Lebens begegnet.
    Man kann auch politisch links stehen, um das nicht zu mögen!

  4. "Ach ja: Vier Gotteshäuser mit Minarett gibt es gegenwärtig in der ganzen Schweiz."

    Ja, aber der Schweizer muss nur einmal nach Deutschland, Frankreich, England und insbesondere nach Brüssel sehen und schon weiss er, wie die Geschichte mit den Muslimen und den Minaretten weitergeht. Aber man kann sich natürlich auch dummstellen ...

  5. "Mit der arabischen Welt Milliardengeschäfte machen, aber den Islam aus dem Land halten – das wird nicht funktionieren."

    Also ist der Preis die Islamisierung der Schweiz? Die Religionsfreiheit ist in der Schweiz übrigens folgendermassen geregelt:

    1. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet.

    2. Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen.

    3. Jede Person hat das Recht, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören und religiösem Unterricht zu folgen.

    4. Niemand darf gezwungen werden, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören, eine religiöse Handlung vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu folgen.

    Man darf bezweifeln, dass der islamische Glaube Punkt 4. respektiert; vermutlich ist das Gegenteil der Fall. In Sachen Glaubensfreiheit ist die Schweiz auf jeden Fall noch Lichtjahre weiter als jedes mehrheitlich muslimische Land in der Welt, insbesondere etwa Aegypten - ein beredtes Beispiel bietet der folgende Link: http://www.news4press.com/Ägypten-Kirche-niedergebranntN_472792.html . Das nun Empörern aus diesen Ländern überhaupt nur Gehör geschenkt wird ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten und dem Wunsch geschuldet, das Messer gegen sich selber zu führen.

  6. Es war eine Volksabstimmung in der Schweiz. Die Menschen haben gesprochen. Der Verfasser spricht von Weltoffenheit,-- wo haben wir das in den islamischen Ländern? Heute einen kleinen Finger und Morgen dröhnt es aus allen Minarettlautsprechern in unseren Landen.
    Halte mich eher für einen Linken als Rechten. Der Islam sollte von seinen Absolutheitsanspruch Abstand nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hier wird mal wieder alles über einen Kamm geschert. Super!
    Muslime sind Extremisten und wenn sie eine Kirchen bauen wollen, bedeutet das, sie wollen Europa islamisieren. Islamisieren? Wie geht das? Gutmütig christliche Kinder werden mit Schokolade in die Moschee gelockt und dort ismalisch umerzogen. Gemein, in die christlichen Kirchen will in unserem schönen christlichen Abendland niemand mehr gehen. Minarette sind ja auch fiese Machtsymbole: In der Regel aber schmal und weit mickriger als jeder gut gebaute deutsche Kirchtum. Ich fordere also für unsere freiheitsliebende Gesellschaft: Sprengt den Kölner Dom - das Machtsymbol der katholischen Kirche in Deutschland!

    • wutzi
    • 06.12.2009 um 17:22 Uhr

    'Der Islam sollte von seinen Absolutheitsanspruch Abstand nehmen.'
    Dann sollte das Christentum das aber auch tun!

    Hier wird mal wieder alles über einen Kamm geschert. Super!
    Muslime sind Extremisten und wenn sie eine Kirchen bauen wollen, bedeutet das, sie wollen Europa islamisieren. Islamisieren? Wie geht das? Gutmütig christliche Kinder werden mit Schokolade in die Moschee gelockt und dort ismalisch umerzogen. Gemein, in die christlichen Kirchen will in unserem schönen christlichen Abendland niemand mehr gehen. Minarette sind ja auch fiese Machtsymbole: In der Regel aber schmal und weit mickriger als jeder gut gebaute deutsche Kirchtum. Ich fordere also für unsere freiheitsliebende Gesellschaft: Sprengt den Kölner Dom - das Machtsymbol der katholischen Kirche in Deutschland!

    • wutzi
    • 06.12.2009 um 17:22 Uhr

    'Der Islam sollte von seinen Absolutheitsanspruch Abstand nehmen.'
    Dann sollte das Christentum das aber auch tun!

    • IllI
    • 30.11.2009 um 13:45 Uhr

    deutsche Volk in einer Abstimmung sich so entscheidet ... wieso nicht ?? den bauplatz werden die Kölner bestimmt los ...

    Antwort auf "Gemeine Minarette"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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  • Schlagworte Europäische Union | Schweiz | Minarett | MIT | Islam | Europa | Alpen
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