Die Schuld am Tod des Afrikaners Oury Jalloh muss möglicherweise neu verhandelt werden: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat deutliche Zweifel am Urteil des Dessauer Landgerichts durchblicken lassen, das im Dezember 2008 zwei diensthabende Polizisten vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen hatte. Einer der Beamten muss sich nun aber wohl erneut verantworten.

Der Fall hatte für heftige Kritik von Menschenrechtlern gesorgt; die Entscheidung provozierte damals Tumulte im Gerichtssaal. Das Landgericht kritisierte seinerzeit in der mündlichen Urteilsverkündung Falschaussagen von Polizisten harsch. "Davon findet sich im schriftlichen Urteil kaum etwas", sagte die Senatsvorsitzende Ingeborg Tepperwien. Der BGH müsse sich jedoch allein ans schriftliche Urteil halten.

Doch auch dort fanden die Richter des 4. Strafsenats offenbar Lücken in den Feststellungen des Landgerichts. Den Dessauer Richtern zufolge soll Jalloh – obwohl auf einer Liege festgebunden – mit einem Feuerzeug den Bezug der Pritsche aufgeschmort und den Schaumstoff im Inneren angezündet haben, was das Alarmsignal des Rauchmelders auslöste. Der angeklagte Polizist habe den Alarm zunächst mehrfach abgestellt und sei schließlich erst mit Verzögerung zu der Zelle gegangen.

"Es ist die Frage, ob dieser Sachverhalt vorstellbar ist", sagte jetzt die BGH-Richterin Tepperwien. Denn die Flammen hätten Jalloh eigentlich starke Schmerzen an der Hand zufügen müssen: "Wenn das Opfer geschrien hat, hätte man das hören müssen."

Zudem ist der BGH skeptisch, was den vom Landgericht geschilderten Zeitablauf vom Anzünden der Liege bis zur Öffnung der Zelle angeht. Demnach hätte der Dienstgruppenleiter den Asylbewerber gut 140 Sekunden nach der "Zündung" erreichen können, wenn er pflichtgemäß nach dem ersten Alarmsignal zur Zelle gerannt wäre. Nach einem medizinischen Gutachten ist Jalloh aber wahrscheinlich schon 120 Sekunden nach "Brandausbruch" durch Einatmen der 800 Grad heißen Dämpfe gestorben. Daraus schlussfolgerten die Dessauer Richter, dass der Beamte auch bei ordnungsgemäßem Verhalten zu spät gekommen wäre.

Der Senat des BGH scheint jedoch zu bezweifeln, dass mit "Zündung" und "Brandausbruch" wirklich dasselbe gemeint ist. Denn falls der Rauchmelder nicht erst auf die lodernden Flammen, sondern bereits auf die ersten Zündversuche reagiert habe, dann verlängere sich die Zeitspanne einer möglichen Rettung, sagte Tepperwien. Die im Urteil enthaltenen Angaben der Sachverständigen seien unklar, merkte auch Richter Gerhard Athing an: "Wie die Versuchsanordnung war, worauf da abgestellt wurde, kann ich den Ausführungen nicht entnehmen."

Sein endgültiges Urteil über eine Neuauflage des Prozesses wird der BGH jedoch erst am 7. Januar verkünden. Die Bundesanwaltschaft fordert eine Bestätigung des Freispruchs, die Vertreter der Nebenklage dessen Aufhebung. Der Termin fällt dem fünften Todestag des aus Sierra Leone stammenden Mannes zusammen.

Eine Gruppe von Freunden Jallohs reagierte im Gerichtssaal mit Unmutsäußerungen. "Das ist kein bewusstes Zusammentreffen", versuchte Tepperwien zu beschwichtigen. Das Datum ergebe sich aus der Terminlage des Senats und habe keinerlei Symbolwert.