ZEIT ONLINE: Herr Sohn, Sie arbeiten als Fotograf für die Nachrichtenagentur AP. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Fotografen und Prominenten verändert?

Michael Sohn: Es gibt einen wesentlich stärkeren Bedarf an "menschlichen" Bildern. In den Bonner Zeiten zählte das Offizielle und Inhaltliche noch viel mehr. Staatsgast A trifft Staatsgast B. Das war das Thema.

ZEIT ONLINE: Wer ist schuld an dieser Entwicklung? Die Medien oder die Fotografen selbst?

Sohn: Man kann lange darüber streiten, wer damit angefangen hat, das ist eine Frage wie mit dem Huhn und dem Ei. Ich weiß nicht, ob erst die Fotografen die Zeitungen und Online-Medien mit solchen Bildern beliefert und damit einen Bedarf geschaffen haben. Oder ob die Boulevardmedien Druck auf die Nachrichtenagenturen ausgeübt haben, die diese Themen normalerweise nicht behandeln, indem sie für "menschliche" Bilder mehr Geld bezahlten.
Natürlich hat auch das veränderte Fotografierverhalten etwas mit dieser Entwicklung zu tun. Wenn sich Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher das Brandenburger Tor anschauen, ist man als Profifotograf inzwischen einer unter vielen und wird von den Handyamateuren zur Seite geschubst. Es wird insgesamt viel mehr fotografiert. Also es gibt es auch viel mehr solcher Paparazzi-Fotos.

ZEIT ONLINE: Unter welchem Druck stehen Sie als Fotograf einer Nachrichtenagentur, ebenfalls solche Bilder zu liefern?

Sohn: Natürlich sind auch die Nachrichtenagenturen Firmen, die Gewinn machen müssen. Wenn ich nur Bilder liefere, wie Frau Merkel dem Staatsgast X die Hand schüttelt, dann wollen die Kunden irgendwann auch mal etwas anderes haben. Letzte Woche habe ich das wieder gemerkt, da war der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu Gast bei Frau Merkel. Es gab ein Foto, auf dem hat sie ihn angesehen wie ein 10-jähriges Schulmädchen, das sich freut. Das war eine halbe Sekunde in einem Zwei-Stunden-Termin, in dem sie absolut menschlich aussah. Dieses Foto war das einzige, das von den ganzen offiziellen Fotos gedruckt wurde, weil es einfach lustig war. Alle anderen Bilder, auf denen Merkel eine staatstragende Geste machte, landeten im Abfalleimer.

ZEIT ONLINE: Wo ziehen Sie als Fotograf die Grenze zwischen lustig und peinlich?

 

Sohn: Für uns Fotografen ist es schwierig, den Spagat zu schaffen. Ich mache keine Hofberichtserstattung, aber wenn es ein Bild gibt, auf dem Frau Merkel wirklich sehr schlecht getroffen ist, dann lasse ich es weg. Natürlich ist es nicht Sinn der Berichterstattung, nur freundliche Fotos zu machen. Ich gebe auch Bilder heraus, wo die Kanzlerin mal komisch aussieht - aber es darf nicht ehrverletzend sein. Wenn ich mir selbst bei einem Foto sage: So möchte ich nicht in der Zeitung zu sehen sein, dann gebe ich es nicht an die Öffentlichkeit.

ZEIT ONLINE: In welchen Situationen würden Sie die Kamera in der Tasche lassen?

Sohn: Zum Beispiel, wenn Frau Merkel und Herr Sauer sich abends streiten, und ich würde das gerade am Fenster beobachten. Das ist so, als würden sich meine Frau und ich streiten. Ein normales Ehepaar. Das ist privat.

ZEIT ONLINE: Einige Prominente scheinen diesen privaten Einblick aber durchaus zu wollen.

Sohn: Zwischen vielen Prominenten und Fotografen sind inzwischen sämtliche Grenzen gefallen. Aber wer den Medien Einblicke in sein Privatleben gibt, darf sich auch nicht wundern, wenn sie einem in schlechten Zeiten vor der Wohnung auflauern. Wer mit der Bild-Zeitung in den 10. Stock fährt, fährt mit ihr auch wieder in den Keller.
Als Rudolf Scharping damals mit seiner Freundin im Pool rumgesprungen ist, war das für ihn ein Mediendesaster. Ich glaube, seitdem haben zumindest Politiker dazugelernt und sind vorsichtiger.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von dem zunehmenden Stilmittel des "Durch-die-Fensterscheibe"-Fotografierens?

Sohn: Solche Fotos, die ein bisschen unscharf und körnig sind, geben einem Bild einen konspirativen Charakter. Viele Medien wollen durch diese Schlüsselloch-Perspektive das Gefühl vermitteln: Wir waren dabei, aber unbemerkt.
Man will sehen, was hinter den Kulissen passiert. Gerade in der Politik sind viele Vorgänge so technokratisch und die Abläufe so komplex, dass wir natürlich auch gerne wissen möchten, was die Abgeordneten eigentlich genau machen. Wenn man sieht, dass Frank-Walter Steinmeier oder Peer Steinbrück abends nach einer stundenlangen Kabinettssitzung noch eine Tasse Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen, um sich zu entspannen, denkt man sich: Sie machen die gleichen Sachen wie wir selbst. Man hat das Gefühl, die Menschen besser einordnen zu können, die für uns Entscheidungen treffen.

ZEIT ONLINE: Bekommt man durch solche Bilder tatsächlich mehr "Einblick"?

Sohn: Inzwischen habe ich das Gefühl, dass auch vermeintliche Paparazzi-Fotos inszeniert sind. Zum Beispiel die Bilder der Politiker, die während der Opelverhandlungen oben am Fenster des Kanzleramts standen. Damit schien man den Eindruck erwecken zu wollen: Wir arbeiten bis tief in die Nacht für euch.

Die Fragen stellte Julia Mayer.