Irrwitz der Woche Musik ist doch kein Lärm, oder?

Mark Spörrle denkt über das aktuelle Urteil des Bundesverfassungsgerichts nach. Er stellt sich vor wie Mutter, Vater und sechs Kinder täglich im Reihenhaus Klavier üben.

Hut ab vor dem Bundesverfassungsgericht! Eben erst hatten die Richter noch ehrbaren Geschäftemachern verboten, den Sonntag zu Lasten weniger Kirchensektierer zum größten verkaufsoffenen Werktag überhaupt zu machen. Doch nun geben sich die Richter alle Mühe, ihr Spiel- und Spaßgesellschaftsverderber-Image zu korrigieren: Das aktuelle Urteil beschäftigt sich mit Musik.

Musik, das weiß jeder, ist nicht nur banale Unterhaltung, sie ist Ausdruck der eigenen Aura und Persönlichkeit. Also etwas, an dem auch andere teilhaben sollten, ob man dazu in der U-Bahn den MP3-Player so laut aufdreht, dass sich die umliegenden Sitzplätze leeren oder ob man mit dem Auto nachts durch Wohngebiete cruist und mit einer einzigen Salve aus 16 tief tönenden Lautsprechern sämtliche Spießer aus dem Bett holt.

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Am zeitsparendsten ist es natürlich, seine Nachbarn teilhaben zu lassen. Der Autor persönlich durfte derlei Glückserfahrungen gleich mehrfach erleben. Am einprägsamsten geschah dies in einer schlecht schallisolierten Altbau-Wohnung, die unter der eines Art Directors lag. Dieser pflegte werktags gegen ein, zwei Uhr nachts nach Hause zu kommen und russische Independence-Musik aufzudrehen, bis die letzte kreative Koksdosis soweit nachließ, dass er schlafen konnte.

Die Kommunikation war schwierig bis bedrohlich, und nachdem der Autor nicht mehr anders konnte als die Polizei zu rufen, hämmerte der Art Director bis zum Morgengrauen veitstanzend seine Küchenstühle auf den Fußboden. Leider nicht ganz im Takt der Musik, weswegen der Autor schnell auszog.

Die jetzige, nagelneue Wohnung bietet dank einer fehlerhaft eingezogenen Wand im Wohnzimmer ganz anderen Musikgenuss: Der Autor und seine Familie bekommen von der Nachbarsfamilie völlig gratis und in gut hörbarer Qualität Kinderlieder vorgespielt, ganz egal, ob Eltern und Kinder essend am Tisch sitzen oder lesend auf dem Sofa. Auch wenn der Vater volltönend und schief "Happy Birthday" íntoniert ist das ein unerwarteter aber ganz eindeutig musikalischer Genuss.

Mark Spörrle
Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den  ; .

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den ; .

Und genau hier setzen nun die Richter mit einem neuen Sonntagsurteil an: Hausmusik ist nicht automatisch Lärmbelästigung, wie unverbesserliche Kulturignoranten glauben. Auch nicht am siebten Tag der Woche, nicht einmal in Berlin. Hausmusik ist irgendetwas anderes, und was und wie genau man es ausüben darf, muss die Politik erst klären.

Eine achtköpfige Familie aus einer Spandauer Reihenhaussiedlung darf also vorerst weiterhin sonntags Musik machen. Ursprünglich hatte das Berliner Amtsgericht dies der 16jährigen Tochter verboten. Die hatte sich, wie jeden anderen Tag auch, am Sonntag, zum Üben ans Klavier gesetzt. Zum Entsetzen der neu zugezogenen Nachbarn.

Leser-Kommentare
    • Gafra
    • 11.12.2009 um 19:02 Uhr

    haben Sie schon gegen Rasenmäher, Laubsauger, Heckenscheren, Kettensägen und sommerliche Grillabende unter Nachbars Balkon (nicht nur des Lärms, auch des Gestanks wegen!) angeschrieben oder tun sie das alles etwa selbst gerne?
    Nämlich, der eigene Lärm ist ja immer notwendig und insofern hat das natürlich jedem einsichtig zu sein, denn der deutsche Rasen.........! So ganz ohne Emissionen werden auch Sie nicht auskommen.
    Ich jedenfalls fühle mich vorwiegend dadurch genervt; eine sommerlich Cello-übende Nachbarin fand ich eigentlich ganz gut, sie war keine Anfängerin.
    Ach ja, und die Kirchenhanseln und der verkaufsoffene Sonntag: Auch wieder solch ein blödes Klischee: Denken Sie auch mal an die Leute, die dann dafür arbeiten müssen, dass Sie sonntags das kaufen, was Sie auch samstags und sonst an jedem Tag kaufen können?

  1. vor dem Bundesverfassungsgericht, dieses Urteil fand ich doch sehr merkwürdig.
    Bin sogar ein Befürworter der Sonntags-Nicht-Einkaufs-Entscheidung, aber das...

  2. Wenn mir Nachbarn lästig sind (egal ob sie laut sind oder ihren Tabkqualm in mein Schlafzimmer blasen), muß ich umziehen.
    Es hat doch keinen Sinn, sich zu ärgern, oder um den Schlaf bringen zu lassen. Lebenserfahrung ist, daß laute Menschen nicht anders können als laut sein. Bitten, mahnen, flehen bringt da langfristig gar nichts.

    Wenn meine Haltung schule macht, mag eine gewisse Ghettobildung die Folge sein -- aber auch weniger Nachbarschaftszank. Dann gibt es eben die Hausmusikerviertel, die Raucher- und Grillviertel und (jetzt hochaktuell) die muezzinbeschallten Minarettviertel.

  3. Musiker müssen üben. Und fragen Sie mal Musiklehrer, wenn der Sonntag als Übetag ausfällt, merkt man das.
    Bei einer achtköpfigen Musikerfamilie übt zwangsläufig dauernd jemand... aber Kindern verbieten, ein Musikinstrument (konsequent) zu üben, nur weil sie zu viele musikalische Geschwister haben, oder weil der Nachbar lärmempfindlich ist? Das kann doch wohl nicht sein?! Kinder, die ein Instrument spielen können, lernen nicht nur, dieses Instrument zu spielen, sondern auch, zu üben, konsequent und verlässlich zu sein, Musik zu schätzen, und je nach Instrument, mit anderen zusammen zu spielen, zusammen zu arbeiten.
    Auch der Vorschlag, das Klavier durch ein E-Piano zu ersetzen erscheint mir unangebracht. Ein gutes E-Piano ist (vielleicht vor allem für eine achtköpfige Familie?!) sehr teuer, und ein Keyboard-Verschnitt kann kein Klavier ersetzen.
    Nachts um drei Schlagzeug zu üben, ist etwas anderes, aber nachmittags (und sei's Sonntag, sprach die sich zu den freundlicherweise "Kirchensektierern" genannten zählende) in der eigenen Wohnung Klavier zu üben, darf nicht verboten werden.

  4. überflüssiger und peinlicher Kommentar. Mit völlig überspitzten Beispielen eines drogengetränkten Künstlers, der bis spät in die Nacht die Musik laut aufdreht daher kommen, wenn es um Hausmusik (am TAG!) geht...

    Ich leide auch unter meinen Nachbarn. Unter den ständigen Beschwerden, weil ich einen Nagel in die Wand haue oder mein Leben anderweitig bemerkbar wird. Dabei höre ich ab morgens um 7 (ist ja laut Ordnungsamt erlaubt) den Fernseher von oben oder die Rentner, die unbedingt in Pantoffeln durch die Wohnung stapfen müssen.
    So what!! So ist das Städter-Altbauwohnungs-Leben eben und sowas gehört dazu! Ich höre meine Nachbarn dauernd, beim Musizieren, wenn die Enkel zu Besuch sind, beim Streiten. Warum muss man sich da jedes Mal beschweren? Ich habe immer das Gefühl, dass solche deutschen Meckerer einfach unzufrieden mit ihrem eigenen Leben sind ( gelangweilt) und es nicht leiden können, wenn sie so unmittelbar miterleben dürfen, wie andere ihr Leben leben.

    Warum ziehen solche empfindsamen soziophoben Wesen nicht raus aufs Land? Ins Moor am besten, wo wirklich niemand sie belästigen kann.

    Get a life!

    • quirtz
    • 11.12.2009 um 21:27 Uhr

    dass der Autor kein Musikinstrument spielt.

  5. Na dann erlauben wir doch unseren Kindern auch das Fußballspielen in der Wohnung im Winter. Natürlich rein zu Trainingszwecken. Die kleinen wollen doch nur üben.

    Kindern zu verbieten Sonntags in der Wohnung zu tribbeln und Freistöße zu üben, nur weil der Nachbar so empfindlich ist und keine eigenen Kinder hat? Das kann doch wohl nicht sein!? Schließlich soll man ihnen den Traum vom Fußballprofi ja nicht vorzeitig nehmen, außerdem lernt man besonders gut auf engem Raum den Ball zu beherrschen, um dann im Sommer den großen weiten Fußballpaltz wieder zu schätzen.. Auch einen Vorschlag den Fußball mit einem Softball auszutauschen, erscheint mir unangebracht.

    Ein qualitativer Fußball ( zum Beispiel der akutelle WM-Ball Jubilani ) hat ein ganz anderes Flugverhalten, und der Klang erst, wenn er den Pforsten ( in der Wohnung den Türrahmen ) knutscht. Das ist eben nicht das gleiche und total anwendungsfremd.

    Also ich bin auch dafür, dass wir in unserer Wohnung alles machen dürfen, was wir wollen, ohne jegliche Rücksicht auf unsere Mitmenschen. Schließlich schlafen ja alle Nachts, insbesondere in einer Vorzeigefamilie mit 5 Kindern und alle haben ein geregeltes Arbeitsleben bzw. Vorzeigeleben, insbesondere Familien mit 5 Kindern. Die bereits morgens um 7 Uhr vorzeigepflichtig am Frühstückstisch sitzen, wo ja alle Vorzeigefamilien auch sitzen und alle gemeinsam Krach machen dürfen. Den ganzen Tag bis man selbst vorzeigmäßig wieder gemeinsam das Lichtlein ausmacht.

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    Eben WEIL es dieses Vorzeige-Leben nicht bei Jedermann gibt könnte doch von nachbarschaftliche Seite auf ein wenig Verständnis gehofft werden als dieses andauernde Gemecker und den-Zeigefinger-Heben weil - oh schreck - Altbauwände eben nicht so zuverlässig schalldicht sind?

    Es kann nicht wahr sein, es gibt wirklich nur Pro oder Kontra wie bei den angeblichen Hunde- oder Katzenliebhabern.

    Es geht hier aber um etwas ganz anderes, es geht hier um einen normale zwischenmenschlichen Umgang miteinander. Es sollte möglich sein, dass man sich auf Spielregeln sprich Spielzeiten einigt.

    Aber das geht nicht, da der Familienvorstand immer für die Rechte seiner Kinder bis zum letzten kämpft. Da die Situation aber hier in Berlin durch das LImSchg scheinbar wirklich nicht eindeutig geregelt ist, gründe ich eine Bürgerinitiative um den Sonn- und Feiertag störungsfrei regeln zu lassen.

    In meinem Profil kann man sich die Adresse meiner Homepage ansehen und dort einiges über den Familienvorstand erfahren.

    Eben WEIL es dieses Vorzeige-Leben nicht bei Jedermann gibt könnte doch von nachbarschaftliche Seite auf ein wenig Verständnis gehofft werden als dieses andauernde Gemecker und den-Zeigefinger-Heben weil - oh schreck - Altbauwände eben nicht so zuverlässig schalldicht sind?

    Es kann nicht wahr sein, es gibt wirklich nur Pro oder Kontra wie bei den angeblichen Hunde- oder Katzenliebhabern.

    Es geht hier aber um etwas ganz anderes, es geht hier um einen normale zwischenmenschlichen Umgang miteinander. Es sollte möglich sein, dass man sich auf Spielregeln sprich Spielzeiten einigt.

    Aber das geht nicht, da der Familienvorstand immer für die Rechte seiner Kinder bis zum letzten kämpft. Da die Situation aber hier in Berlin durch das LImSchg scheinbar wirklich nicht eindeutig geregelt ist, gründe ich eine Bürgerinitiative um den Sonn- und Feiertag störungsfrei regeln zu lassen.

    In meinem Profil kann man sich die Adresse meiner Homepage ansehen und dort einiges über den Familienvorstand erfahren.

    • luccas
    • 11.12.2009 um 22:11 Uhr

    Spörrle schrieb:
    "....in einer schlecht schallisolierten Altbau-Wohnung.... Die jetzige, nagelneue Wohnung bietet dank einer fehlerhaft eingezogenen Wand im Wohnzimmer..."

    Gebens halt ein paar Euro mehr aus, als nen Hunni warm für ne Hinterhofklitsche, dann kriegens auch was Gescheites.

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