Kaum zu glauben. Ausgerechnet jene Partei, die wie kaum eine zweite für ihre Menschenrechtspolitik gerügt wird, gab sich einst als Verteidigerin der Menschenrechte. Vor allem in den Jahren des chinesischen Bügerkriegs von 1945 bis 1949, als sich Kommunisten und Nationalisten erbittert bekämpften, warf die Kommunistische Partei Chinas (KPC) ihren Gegnern vor, die Menschenrechte mit Füßen zu treten. Und versprach: In den Gebieten, die wir beherrschen, werden wir sie achten.

Menschenrechte waren zu jener Zeit kein unbekanntes Thema in China. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatten Intellektuelle begonnen, sie zu diskutieren, ja, die Debatte galt als reichhaltigste und intensivste außerhalb Europas und den USA. Das hatte viel mit Chinas Geschichte zu tun. Die Mandschu-Kaiser der Qing-Dynastie behandelten Han-Chinesen und alle anderen Völker des Reiches als Menschen zweiter Klasse, die fremden Kolonialherren diskriminierten die Chinesen ebenso.

"Ich werde euch Stolz und Würde zurückgeben", versprach Mao Tse-tung, der Gründer er kommunistischen Volksrepublik, seinem Volk, doch meinte er damit längst nicht alle Bürger. Als er 1949 an die Macht kam, scherte er sich nicht um die Menschenrechte. Er teilte das Volk in Freund und Klassenfeind, und wer immer das Pech hatte, zu Letzteren gezählt zu werden, den erwartete ein kurzer Prozess. Unzählige Großgrundbesitzer, Intellektuelle, Querköpfe und Pechvögel wurden auf Volkstribunalen geschlagen, gedemütigt, gehängt, erschossen.

Insgesamt wurden zwischen 1949 und 1979 wahrscheinlich bis zu 50 Millionen Menschen als Konterrevolutionäre verurteilt, davon kamen vermutlich 10 bis 15 Millionen ums Leben. Und dabei handelt es sich noch um vorsichtige Schätzungen der Opfer der Kriminaljustiz. Mao-Biografin Chang Jung etwa spricht gar von 70 Millionen Opfern, wobei sie die Hungertoten von Maos verfehlter Wirtschaftspolitik mit einrechnet. Tatsache ist: China ignorierte die Menschenrechte nicht einfach nur, es war Schauplatz einer der schlimmsten Menschenrechtskatastrophen des 20. Jahrhunderts.

Und die Welt blieb außen vor. Jahrzehntelang war China in das Korsett internationaler Menschenrechtskonventionen gar nicht eingebunden. Bis Anfang der siebziger Jahre nämlich galt die Republik China auf der Insel Taiwan, auf die sich die geschlagenen Nationalisten 1949 zurückgezogen hatten, als rechtmäßige Vertreterin Chinas. 1971 aber wurde China in die UN aufgenommen und Taiwan ausgestoßen. Doch erst Ende der siebziger Jahre begann China, Menschenrechtsabkommen zu unterzeichnen.

Es waren die Jahre des Aufbruchs. 1979 begann Maos Nachfolger Deng Xiaoping Wirtschaftsreformen, das Volk schmeckte ein wenig Wohlstand und Freiheit. Studenten beklebten eine Mauer in Peking mit selbst gemalten Postern, darauf geschrieben ihre Träume von Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechten. Die Bewegung wurde zerschlagen, und doch waren die achtziger Jahre in China eine Zeit relativer Freiheit. Studenten diskutierten in selbst gegründeten Salons der Demokratie, und viele glaubten, es würde nicht lang dauern, bis China ein freies Land sei.

In der Führung beharkten sich Reformer und Hardliner. Doch wann immer sich Letztere durchsetzten, peitschten sie eine Kampagne durchs Land, gegen bürgerliche Liberalisierung und geistige Verschmutzung, und immer war damit auch die in ihren Augen so vermessene Idee universell einklagbarer Menschenrechte gemeint.