Katastrophen Warten auf die Katharsis - doch Daisy enttäuschte
Das Sturmtief Daisy sollte das Chaos bringen, doch es blieb aus. Georg Etscheit ist frustriert, denn die Hoffnung auf eine alles reinigende Katastrophe war vergebens.
© David Gannon/AFP/Getty Images

Nein! Schnee! Mitten in Berlin! Aber die Wetter-Apokalypse blieb dann doch aus.
"Daisy" war da. "Daisy", das Schneesturmtief. Schon Tage zuvor raunte Sven Plöger vor den rasenden und wirbelnden Pfeilen des "ARD-Strömungsfilms", dass sich zum Wochenende mit großer Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe anbahne. Es drohe nämlich der meteorologische Super-Gau, eine Vb-Wetterlage. Vb, das Schreckenskürzel. Wir erinnern uns: eine ähnliche Wetterkonstellation ließ 2002 beim "Jahrhunderthochwasser" der Elbe halb Sachsen und 2005 Teile der Alpen absaufen. Diesmal sollte sich ein solches Ungeheuer mit der über Deutschland lagernden Eiskeller-Luft vereinigen. Das bringe, wie Plöger mit rudernden Armen orakelte, "anhaltende", "ergiebige" Schneefälle und, wegen des gleichfalls zu erwartenden Sturmes, massive Schneeverwehungen mit entsprechenden, möglicherweise katastrophalen Auswirkungen auf das öffentliche Leben. Der ADAC rief bereits dazu auf, unnötige Fahrten zu verschieben. Falls man sich doch auf die Straßen traue, solle man zuvor voll auftanken und warme Decken und Getränke einpacken.
In mir machte sich ein wohliges Gefühl der Erwartung breit. Ich liebe nämlich Katastrophen. Ich bin geradezu ein Katastrophenfan. Nicht, weil ich selbst gerne leide oder scharf auf Entbehrungen bin. Sondern weil ich der Überzeugung bin, dass wohl nur eine Katastrophe den vom Konsumrausch benebelten und vom Wachstumsfetisch gegängelten Menschen die Augen öffnet und ihnen klarmacht, dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann. Spätestens seit Staatsführer aus aller Welt in Kopenhagen nach einem beispiellosen politischen und medialen Marathon den Klimagipfel grandios versemmelten, glaube ich nicht mehr an die Kraft der Aufklärung und der Einsicht. Nur noch an den großen Hammer. Nur eine echte Katastrophe kann bewirken, dass aus gehetzten Konsumsklaven vielleicht wieder Menschen werden. Menschen! Es muss ja nicht gleich ein Meteorit einschlagen und drei Viertel der Erde verwüsten. Aber zumindest ein kräftiger Warnschuss sollte schon drin sein.
"Daisy" schien in dieser Hinsicht recht vielversprechend. Vb-Tiefs sind heimtückisch. Sie saugen sich über dem Mittelmeer mit Wasser voll und fallen dann mit sintflutartigem Regen, sozusagen durch den Hintereingang, von Osten – normalerweise kommen bei uns die Tiefs von Westen – über Deutschland, Österreich und Osteuropa her. Dazu die Eisluft eines, wie allenthalben zu hören war, lange nicht erlebten Ausnahmewinters. So etwas birgt Potenzial!
Überhaupt sind Wetterkatastrophen im Sinne des ökosozialen Bewusstseinswandels besser als von Menschen gemachte, wie etwa ein Chemieunfall, ein explodierendes Kernkraftwerk oder ein Selbstmordanschlag. Da kann der Mensch im Zweifel ja noch handeln, neue Techniken entwickeln, strengere Gesetze erlassen, Nacktscanner anschaffen. Doch gegen, wie es heute heißt, "Extremwetterereignisse", ist der Mensch mit seiner komplizierten, hochsensiblen Infrastruktur immer noch ziemlich machtlos, auch wenn ein paar abgefahrene Wissenschaftler vom "Geo-Engineering" träumen. "Daisy", so schien es, könnte zumindest für ein paar Tage die hyperaktive Gesellschaft des Turbokapitalismus unter einer dicken Decke aus Schnee und Eis zur Bewegungslosigkeit verurteilen. Und den Menschen ihre existenzielle Geworfenheit endlich wieder ins Bewusstsein rufen. Sie wieder ein wenig Demut lehren vor der Natur und ihren Mitgeschöpfen. Oder meinetwillen auch vor Gott, wenn man an ihn glaubt.
Das Unheil sollte Freitagnacht über Deutschland hereinbrechen. Ich verschob einen länger geplanten Wochenend-Kurzurlaub in der Fränkischen Schweiz, weil ich nicht unterwegs in meterhohen Schneewehen stecken bleiben und bei Eiseskälte im Auto übernachten wollte. Man kennt ja die Bilder aus den USA: verschneite Freeways, Geländewagen umgekippt am Straßenrand, umherirrende Menschen in dicken Daunenjacken - alles gespenstisch beleuchtet von flackernden Warnlichtern überforderter Räumdienste. Die Wetter-Apokalypse.
Der Blick aus dem Fenster am Freitagmorgen war allerdings ernüchternd. "Daisy" enttäuschte die hohen Erwartungen ins drohende Chaos, jedenfalls vorläufig. Straße und Nachbarhäuser waren nur leicht überzuckert. Und es hatte bereits aufgehört zu schneien. Von Chaos keine Spur. Aber noch war ja nicht aller Tage Abend. Schließlich verhieß der aktuelle Wetterbericht immer noch die ersehnte Katastrophe. Jörg Kachelmanns Unwetterzentrale im Internet warnte vor "Starkfrost" und "Starkschnee" und zwar nicht nur in bekannten Bibber-Löchern wie dem Funtensee oder Morgenröthe-Rautenkranz, wo die privaten Wetterdienste gerne ihre Messgeräte stationieren, um schöne Rekorde präsentieren zu können. Wetteronline hatte sogar einen "Live-Ticker" zum Schneechaos aufgelegt.
Eine echte Katastrophe habe ich selbst noch nicht erlebt. Wenn alte Menschen von der "Katastrophe" des Zweiten Weltkrieges erzählten, schien mir das so weit weg wie der Einfall der Barbaren in Rom, die Pestzüge im Mittelalter oder die Französische Revolution. Ganz Europa ein Trümmerfeld! Kaum vorstellbar für ein Kind der Sechziger, das in der Vollkaskowohlstandsgesellschaft aufwuchs.
Wie sich das anfühlt, wenn nichts mehr geht? Schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass ich schon in Panik gerate, wenn mal das Internet ausfällt, die Heizung nicht richtig läuft oder das Auto nicht anspringt. Immer ist aber jemand zur Stelle, der das Problem in angemessener Zeit behebt. Was wäre aber, wenn der Hausmeister auch nicht mehr weiter weiß? Oder es gar keinen mehr gibt?
- Datum 11.01.2010 - 20:36 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Statt einer solch unnützen Scheinsatire wüßte ich gerne anhand von Zahlen, wieviel Personal heute im Vergleich mit z.B. 1996 oder gar 1969 im Winterdienst tätig ist und wieviele Räumgeräte im Einsatz sind. Mir fiel nämlich auf, daß es hier in Schleswig-Holstein am Wochenende tatsächlich erhebliche Behinderungen gab, obwohl es nicht gerade kräftig schneite und schon gar nicht kalt war dabei. Es wehte halt ein bißchen.
Ich kann daraus nur den Schluß ziehen, daß an Ausrüstung, Management und Personal gespart wird, obwohl die KFZ-Steuer kräftig angestiegen ist.
Aus anderen Ländern, z.B. Canada, kenne ich es so: es herrscht Blizzard, auf der Transcanada-Highway fahren soviele Räumgeräte, wie man benötigt, um die Straße frei zu halten. Fertig. Alles funktioniert.
In der Schweiz ist es ebenso, da fallen mal eben über Nacht bis zu 2Meter Neuschnee auf 1600 Meter, und der wird ganz ruhig, aber bestimmt einfach so weggeräumt.
Als ich Schüler war, hatten wir mit ganz wenigen Ausnahmen jedes Jahr richtigen Winter (etwa bis 1971 ging das noch so, dann ließen die Winter nach). Ich war Fahrschüler mit 20km Anfahrt zur Realschule. Ein einziges Mal in 6 Jahren fuhr der Bus nicht, und sogar der erste um 6:20h, den ich wegen Französisch-Unterricht 4 Tage die Woche nehmen mußte, fuhr bei wirklich jedem Wetter.
Es wurde eben geräumt, basta.
Das könnte man heute auch, es muß nur organisiert werden. Tiefbaufirmen freuen sich, ein paar Euro im Winter hinzu zu verdienen!
Was soll die Beleidigung mit der "unnützen Scheinsatire". Lassen sie das Lesen und das Lachen, wenns Ihnen nicht gefällt. Wie ich diesen Foren-ton hasse.
Das Räumen der Straßen in Städten und Gemeinden ist Aufgabe der Kommune und auch diese ist Sachaufwandsträger für ihre Straßen. D.h. Kreis- und Gemeindestraßen werden vom Kreis-bzw. Gemeindebauhof gestreut und eben diese Kommune ist auch für das Streusalz, sowie für das Personal verantwortlich und zahlt dafür auch. Von einer KFZ-Steuer sehen diese Behörden reichlich wenig.
Da in den meisten Kommunen gespart werden muss, ist eben auch der Winterdienst davon betroffen.
"Eben mal schnell" eine Tiefbaufirma zu engagieren ist aus zeitlichen und bürokratischen Gründen nicht machbar. So ist Demokratie nun mal.
Was soll die Beleidigung mit der "unnützen Scheinsatire". Lassen sie das Lesen und das Lachen, wenns Ihnen nicht gefällt. Wie ich diesen Foren-ton hasse.
Das Räumen der Straßen in Städten und Gemeinden ist Aufgabe der Kommune und auch diese ist Sachaufwandsträger für ihre Straßen. D.h. Kreis- und Gemeindestraßen werden vom Kreis-bzw. Gemeindebauhof gestreut und eben diese Kommune ist auch für das Streusalz, sowie für das Personal verantwortlich und zahlt dafür auch. Von einer KFZ-Steuer sehen diese Behörden reichlich wenig.
Da in den meisten Kommunen gespart werden muss, ist eben auch der Winterdienst davon betroffen.
"Eben mal schnell" eine Tiefbaufirma zu engagieren ist aus zeitlichen und bürokratischen Gründen nicht machbar. So ist Demokratie nun mal.
man konnte auf dem N24 News-ticker förmlich ablesen, wie sehnlich der Wunsch nach Katastrophenbericht stand. Von Schneechaos war da die rede, wobei es in Flensburg nicht einmal schneite. Sicher waren viele Menschen benachteiligt, doch 1978 war das wirklich nicht.
... hatte, als er Daisy ankündigte, richtiggehend ein erwartungsvolles Beben in der Stimme. Ich dachte mir noch "wie verkommen kann ein Nachrichtenmann sein, dass ihn drohende Katastrophen dermaßen in erhöhte Stimmung versetzen?" Und gleichzeitig war ich ebenso erschrocken, über die Entgleisung, den Vaux Pas so offen und ungeniert vor den Kameras zu zelebrieren.
Da lag natürlich der Verdacht nahe, dass die gesamte Redaktion des heute journals inzwischen so dermaßen vom Slomka-Gefühlsfieber befallen ist, dass es übermenschliches erwartend wäre, wenn man bei solchen Ankündigungen Neutralität fordern würde.
Als Claus Kleber - war's Sammstag oder Sonntag? - dann aber kund tat, dass Daisy tatsächlich viel harmloser war, als angekündigt, konnte man schon wieder diese, ich würde sagen, ungute, diesmal leicht enttäuschte Sehnsucht nach Katastrophensituation erahnen.
Sehr befremdlich. Vielleicht solle man den Nachrichten-Sprechern der öffentlich rechtlichen Sender, den Tom Buhrow will ich da gar nicht ausnehmen, ab und an, immer mal wieder und deutlich den Unterschied zwischen Nachrichten und Boulevard erklären. Wäre dringend nötig und könnte den ö. r. Nachrichtenkonsum wieder deutlich erträglicher machen.
die Katastrophengeilheit ist weit verbreitet und ansonsten weder witzig noch neu - man lese nur mal Naomi Kleins "Shock doctrine" von 2007.
... mich schon so gefreut!
Nachdem die religiöse Überzeugung von der menschenverursachten Klimakatastrophe den nüchternen Tatsachen weichen musste, hatte ich auf ein Wunder alttestamentarischer glaubensfestigender Grössenordnung gehofft.
Aber das "Klima" hat kein Wunder gewirkt - wir hatten einfach nur ganz normales winterliches Sauwetter.
Aber vielleicht wird ja der Februar ein halbes Grad wärmer als letztes Jahr, dann könnte man wieder auf Siedetemperatur im Jahr 2200 extrapolieren.
finde ich das, was der Autor da geschrieben hat. Wenn er so katastrofengeil ist - warum hat er dann nicht Kurzurlaub auf Fehmarn gemacht statt den geplanten und dann abgesagten in der fränkischen Schweiz?
Gruss aus dem Norden, wo es doch einen recht heftigen Sturm gab. Und Sturmfut. Und keinen Verkehr mehr. Und Stromausfall. Ziemlich ungemütlich war das.
aj
Sie Armer, sie haben es ja überlebt nicht wahr?! ;-)
Sie Armer, sie haben es ja überlebt nicht wahr?! ;-)
Vielen Dank für diesen genialen Artikel. So sollte Satire sein.
Ich kann die negativen Kommentare nicht verstehen - es ging doch gar nicht um die Katastrophe an sich, sondern wie der Deutsche damit umgeht. Und wirklich - wir haben uns nicht über Katastrophen zu beklagen noch vermeintliche so zu benennen. Das meckern über Streudienste und die früher-war-alles besser-Mentalität ergänzt das vom Autor gezeichnete Bild doch nur auf ironische Weise.
kann auch nur jemand schreiben, der sich keine Gedanken machen muss, wie zur Hölle er das vom Sturm abgedeckte Dach wieder erneuern soll, wo er das Geld für die kaputten Gegenstände herbekommen soll, die der Sturm oder was weiß ich zerstört hat.
Wir haben uns ein kleines Häuschen gekauft, als es uns noch relativ gut ging. Nun leben wir von der Hand in den Mund. Eine echte Katastrophe wäre unser Untergang- und unsere Garantie für (noch größere) Armut und ein Leben auf der Straße.
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