Erdbeben in Haiti "Irgendwann habe ich aufgehört, die Toten zu zählen"
Ein Bewohner schafft es grade noch aus dem Haus, doch zwei bleiben drin – ein deutscher Helfer berichtet vom Beben und dem pragmatischen Umgang mit dem Tod.
© Frederic Dupoux/Getty Images

Nur noch Schutt und Zerstörung: Blick über ein Wohnviertel in Port-au-Prince, das jetzt nur noch aus Ruinen besteht
Hopital du Canapé Vert heißt das Krankenhaus in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince: Hospital zum grünen Sofa. Doch grün ist in dem Viertel um die Klinik seit dem verheerenden Erdbeben vom Dienstagabend nichts mehr. Michael Kühn, Regionalkoordinator der Welthungerhilfe in Haiti, ringt um Worte: "Da sind, wie soll ich das beschreiben? Beton, Trümmer, Staub." Kühn selbst, der in Port-au-Prince lebt, hatte Glück: Er hat die Katastrophe unversehrt überstanden, ebenso wie viele andere deutschsprachige Helfer, die sich im Land aufhalten. Auch sein Büro ist nicht beschädigt. "Wir befinden uns in einem eher bergigen Viertel der Stadt", sagt Kühn, "das bot ein wenig Schutz".
Große Teile von Port-au-Prince aber sind zerstört. "Alle nicht besonders stabil gebauten Gebäude sind zusammengebrochen", sagt Kühn, darunter auch viele wichtige Bauten: der Nationalpalast, mehrere Ministerien, das Justizgebäude, das Finanzamt, das UN-Hauptquartier. Das Hotel Montana, Heimat auf Zeit für viele offizielle Gäste aus dem Ausland, sei ebenfalls "komplett weg". Die Besitzerin, verheiratet mit einem Deutschen, werde vermisst; die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Katastrophe nicht überlebt habe, sei hoch. "Das Montana war wie eine Insel, es galt als sicher", erinnert sich Kühn. "Jeder Minister und jede UN-Delegation, die Haiti besucht haben, haben dort übernachtet." Auch eine seiner Mitarbeiterinnen war dort untergekommen. Sie überlebte, aber verlor im Beben ihre gesamte Habe.
Anderthalb Tage nachdem schwere Erdstöße die Häuser in Haiti zum Einsturz brachten, herrscht noch immer Chaos in der Hauptstadt. Wie viele Menschen umgekommen oder noch unter den Trümmern begraben sind, ist völlig unklar. Die Überlebenden graben mit bloßen Händen nach Verschütteten. Es fehlt an Trinkwasser, Leichen können nicht geborgen werden, die Krankenhäuser sind völlig überlastet. Weil auch der Flughafen von Port-au-Prince durch das Beben schwer beschädigt wurde, warten derzeit zahlreiche Nothilfeteams aus dem Ausland in der benachbarten Dominikanischen Republik auf die Möglichkeit, einzureisen.
"Wir waren am Mittwoch in der Stadt unterwegs", sagt Kühn. "Irgendwann habe ich aufgehört, die Toten zu zählen. Wir waren nicht in den Slums, auch nicht in den am stärksten betroffenen Vierteln. Da liegen die Häuser übereinander, weil ganze Hänge abgerutscht sind. Die Bewohner hatten mit mickrigsten Mitteln ihre Häuser gebaut. Das ist alles ins Tal gerutscht, auf einer Länge von schätzungsweisen zwei Kilometern. Sicher gibt es dort auch Überlebende. Aber ich vermute, die meisten haben es nicht geschafft." Wer sich aus seinem einstürzenden Haus retten konnte, kampiert jetzt in vielen Fällen auf dem Bürgersteig vor den Trümmern. Die Menschen können nirgendwo sonst hin.
Viele Tote liegen immer noch in den Straßen, notdürftig mit Tüchern bedeckt. Es fehle an Leichensäcken, sagt Kühn. "Man müsste Sterbeurkunden ausstellen, Begräbnisse organisieren. Stattdessen fahren Geländewagen durch die Straßen, die Tote oder Verletzte auf ihrer Ladefläche transportieren. Nur weiß niemand, wohin mit ihnen." Immerhin: Die öffentliche Sicherheit scheint noch gewährleistet.
Auch die Regionen um Port-au-Prince wurden vom Beben getroffen. Doch aus ihnen dringen noch weniger Informationen nach außen als aus der Hauptstadt. Südlich der Hauptstadt liegt Jacmel, wo die Hilfsorganisation Plan International ein Büro unterhält. "Per Telefon haben wir erfahren, dass es zerstört wurde", sagt Roger Yates, Koordinator für humanitäre Hilfe bei Plan, der von London aus Kontakt zu seinen Mitarbeitern in Haiti hält. "Aber dann riss die Verbindung ab. Wir glauben, dass die Situation dort sehr schlecht ist, wenngleich die größten Schäden in der Hauptstadt angerichtet wurden." Selbst innerhalb Haitis funktioniert die Kommunikation nicht. Viele Plan-Mitarbeiter wüssten nicht, was mit ihren Freunden und Verwandten geschehen sei, berichtet Yates.
Am dringendsten, so sagen die beiden Helfer übereinstimmend, sei jetzt die medizinische Nothilfe. Auch Trinkwasser werde dringend benötigt. Zwar gebe es noch ausreichend Nahrungsmittel, hat Yates von seinen Kontaktpersonen in Haiti erfahren. Doch es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch das Essen knapp werde.

Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet
Viele Kliniken in Port-au-Prince existieren nicht mehr. Die noch stehen, verfügen nicht über ausreichend Kapazitäten, um allen zu helfen. Es fehle an Medikamenten, sagt Kühn. Patienten mit offenen Wunden oder fehlenden Gliedmaßen könnten nicht immer versorgt werden. Im Canapé Vert hat er gesehen, wie Ärzte und Pfleger in der Not versuchen, die Versorgung der Patienten zu priorisieren: "Es gibt dort drei Gruppen: Jene, die es nicht mehr geschafft haben, die schwer Verletzten und die weniger schwer Verletzten. Manchmal stirbt jemand, dann werden die Gruppen wieder neu sortiert. Es ist ein ganz pragmatischer Umgang mit dem Tod."
Die in Haiti ansässigen Hilfsorganisationen wurden selbst schwer vom Beben getroffen. Der Chef der örtlichen UN-Mission sei ums Leben gekommen, sein Stellvertreter ebenfalls, berichtet Kühn. Der Leiter des UN-Büros für die Koordination der humanitären Hilfe im Land habe Frau und Kinder verloren. "Sie waren im Supermarkt einkaufen, als der eingestürzt ist." Viele andere hätten ebenfalls Angehörige verloren. "Eine Frau konnte sich und ihre Kinder in letzter Sekunde aus dem Haus ziehen. Ihre Eltern haben es nicht geschafft. Das zu wissen: Man schafft es gerade noch, aber zwei bleiben im Gebäude!" sagt Kühn. "Solche Fälle gibt es zu Hunderten." Über den Verbleib vieler haitianischer Kollegen wisse die Welthungerhilfe nichts Genaues.
Viele Davongekommene brauchen selbst Unterstützung, bevor sie helfen können. Viele seien schwer traumatisiert, erklärt Kühn, der in seinem Büro und in seiner Wohnung Überlebende beherbergt. "Man braucht da nur an einen Tisch zu stoßen, schon sind sie in Panik, schreien und weinen." Andere organisierten sich, um Verschüttete zu befreien, berichtet Yates, und fänden darin vielleicht auch etwas Trost.
Noch am Donnerstag sollen die ersten internationalen Helfer in Haiti ankommen. Doch bis die Aufgaben verteilt sind und die Arbeiten in vollem Umfang beginnen, werde es noch zwei bis drei Tage dauern, schätzt Kühn, wenngleich die dringendste Nothilfe sofort geleistet werde. "Sobald unser Team hier ist, werde ich die Ärzte in die Hospitäler schicken, um zu sehen, woran es am meisten fehlt", sagt er. Doch eigentlich fehlt es an allem: an Medikamenten, Wasser, Nahrungsmittel, hygienischen Einrichtungen, schwerem Räumgerät, Notunterkünften. "Ein, zwei Tage können die Menschen vielleicht auf der Straße leben", sagt Kühn. "Aber mittelfristig? Sie müssen waschen, kochen, brauchen eine Toilette." Er fürchtet, dass viele Obdachlose zu Flüchtlingen werden.
Plan-Koordinator Yates erwartet weitere Schwierigkeiten. "Die Erdbebenopfer haben auch all ihre Dokumente verloren: Geburtsurkunden, Besitzurkunden, Schulzeugnisse", sagt Yates. Diese Papiere wiederzubeschaffen, sei in einem Staat wie Haiti sehr schwer. "Der Kampf um ihre Identität kann für die Erdbebenopfer noch viel härter sein als der Kampf ums Überleben", sagt Yates.
Der Helfer ist sicher: Der Wiederaufbau wird sich noch lange hinziehen. "Er muss transparent sein. Korruption muss vermieden werden. Das ist schwierig, denn es fließt viel Geld", sagt Yates. Er rechnet damit, dass die Obdachlosen von Port-au-Prince noch länger als ein Jahr in Notunterkünften leben müssen. Schneller, das habe man aus dem Tsunami und dem schweren Erdbeben in Pakistan vor einigen Jahren gelernt, könne man ihre Häuser nicht wieder aufbauen – auch, weil Ungeduld mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen könne.
Wer beispielsweise ein Unternehmen beauftrage, 10.000 Häuser zu errichten, erhalte die Unterkünfte vermutlich vergleichsweise schnell. Doch die Gefahr bestehe, dass die Qualität der Gebäude erneut mangelhaft sei. Viel besser sei es, die Bewohner einzubeziehen. "Wenn man ihnen hilft, sich ihr Heim selbst zu bauen, bekommt man sichere Gebäude, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen", so Yates. Doch solche Hilfe zur Selbsthilfe braucht viel Zeit.
- Datum 14.01.2010 - 20:32 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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"'Stattdessen fahren Geländewagen durch die Straßen, die Tote oder Verletzte auf ihrer Ladefläche transportieren. Nur weiß niemand, wohin mit ihnen.' Damit steigt die Seuchengefahr."
Dieser Irrglaube, dass durch Tote die Seuchengefahr stiege, lässt sich einfach nicht ausrotten.
Wieso ist es ein Unsinn: Seuchengefahr durch Leichen, können Sie mich mal bitte aufklären
Wieso ist es ein Unsinn: Seuchengefahr durch Leichen, können Sie mich mal bitte aufklären
Wieso ist es ein Unsinn: Seuchengefahr durch Leichen, können Sie mich mal bitte aufklären
http://www.wissenschaft.d...
Liebe Leser,
vielen Dank für den Hinweis! Tatsächlich bestätigen sowohl die WHO als auch das Robert-Koch-Institut, dass von Leichen keine besondere Infektionsgefahr ausgeht. Viel höher ist den Experten zufolge das Risiko durch verunreinigtes Essen und Trinkwasser. Wir haben das korrigiert.
Beste Grüße,
Alexandra Endres
Redaktion ZEIT ONLINE
Liebe Leser,
vielen Dank für den Hinweis! Tatsächlich bestätigen sowohl die WHO als auch das Robert-Koch-Institut, dass von Leichen keine besondere Infektionsgefahr ausgeht. Viel höher ist den Experten zufolge das Risiko durch verunreinigtes Essen und Trinkwasser. Wir haben das korrigiert.
Beste Grüße,
Alexandra Endres
Redaktion ZEIT ONLINE
Liebe Leser,
vielen Dank für den Hinweis! Tatsächlich bestätigen sowohl die WHO als auch das Robert-Koch-Institut, dass von Leichen keine besondere Infektionsgefahr ausgeht. Viel höher ist den Experten zufolge das Risiko durch verunreinigtes Essen und Trinkwasser. Wir haben das korrigiert.
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Alexandra Endres
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