Erdbeben in Haiti "Irgendwann habe ich aufgehört, die Toten zu zählen"Seite 2/2

Haiti in Trümmern
Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet

Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet

Viele Kliniken in Port-au-Prince existieren nicht mehr. Die noch stehen, verfügen nicht über ausreichend Kapazitäten, um allen zu helfen. Es fehle an Medikamenten, sagt Kühn. Patienten mit offenen Wunden oder fehlenden Gliedmaßen könnten nicht immer versorgt werden. Im Canapé Vert hat er gesehen, wie Ärzte und Pfleger in der Not versuchen, die Versorgung der Patienten zu priorisieren: "Es gibt dort drei Gruppen: Jene, die es nicht mehr geschafft haben, die schwer Verletzten und die weniger schwer Verletzten. Manchmal stirbt jemand, dann werden die Gruppen wieder neu sortiert. Es ist ein ganz pragmatischer Umgang mit dem Tod."

Die in Haiti ansässigen Hilfsorganisationen wurden selbst schwer vom Beben getroffen. Der Chef der örtlichen UN-Mission sei ums Leben gekommen, sein Stellvertreter ebenfalls, berichtet Kühn. Der Leiter des UN-Büros für die Koordination der humanitären Hilfe im Land habe Frau und Kinder verloren. "Sie waren im Supermarkt einkaufen, als der eingestürzt ist." Viele andere hätten ebenfalls Angehörige verloren. "Eine Frau konnte sich und ihre Kinder in letzter Sekunde aus dem Haus ziehen. Ihre Eltern haben es nicht geschafft. Das zu wissen: Man schafft es gerade noch, aber zwei bleiben im Gebäude!" sagt Kühn. "Solche Fälle gibt es zu Hunderten." Über den Verbleib vieler haitianischer Kollegen wisse die Welthungerhilfe nichts Genaues.

Viele Davongekommene brauchen selbst Unterstützung, bevor sie helfen können. Viele seien schwer traumatisiert, erklärt Kühn, der in seinem Büro und in seiner Wohnung Überlebende beherbergt. "Man braucht da nur an einen Tisch zu stoßen, schon sind sie in Panik, schreien und weinen." Andere organisierten sich, um Verschüttete zu befreien, berichtet Yates, und fänden darin vielleicht auch etwas Trost.

Noch am Donnerstag sollen die ersten internationalen Helfer in Haiti ankommen. Doch bis die Aufgaben verteilt sind und die Arbeiten in vollem Umfang beginnen, werde es noch zwei bis drei Tage dauern, schätzt Kühn, wenngleich die dringendste Nothilfe sofort geleistet werde. "Sobald unser Team hier ist, werde ich die Ärzte in die Hospitäler schicken, um zu sehen, woran es am meisten fehlt", sagt er. Doch eigentlich fehlt es an allem: an Medikamenten, Wasser, Nahrungsmittel, hygienischen Einrichtungen, schwerem Räumgerät, Notunterkünften. "Ein, zwei Tage können die Menschen vielleicht auf der Straße leben", sagt Kühn. "Aber mittelfristig? Sie müssen waschen, kochen, brauchen eine Toilette." Er fürchtet, dass viele Obdachlose zu Flüchtlingen werden.

Plan-Koordinator Yates erwartet weitere Schwierigkeiten. "Die Erdbebenopfer haben auch all ihre Dokumente verloren: Geburtsurkunden, Besitzurkunden, Schulzeugnisse", sagt Yates. Diese Papiere wiederzubeschaffen, sei in einem Staat wie Haiti sehr schwer. "Der Kampf um ihre Identität kann für die Erdbebenopfer noch viel härter sein als der Kampf ums Überleben", sagt Yates.

Der Helfer ist sicher: Der Wiederaufbau wird sich noch lange hinziehen. "Er muss transparent sein. Korruption muss vermieden werden. Das ist schwierig, denn es fließt viel Geld", sagt Yates. Er rechnet damit, dass die Obdachlosen von Port-au-Prince noch länger als ein Jahr in Notunterkünften leben müssen. Schneller, das habe man aus dem Tsunami und dem schweren Erdbeben in Pakistan vor einigen Jahren gelernt, könne man ihre Häuser nicht wieder aufbauen – auch, weil Ungeduld mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen könne.

Wer beispielsweise ein Unternehmen beauftrage, 10.000 Häuser zu errichten, erhalte die Unterkünfte vermutlich vergleichsweise schnell. Doch die Gefahr bestehe, dass die Qualität der Gebäude erneut mangelhaft sei. Viel besser sei es, die Bewohner einzubeziehen. "Wenn man ihnen hilft, sich ihr Heim selbst zu bauen, bekommt man sichere Gebäude, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen", so Yates. Doch solche Hilfe zur Selbsthilfe braucht viel Zeit.

 
Leser-Kommentare
  1. "'Stattdessen fahren Geländewagen durch die Straßen, die Tote oder Verletzte auf ihrer Ladefläche transportieren. Nur weiß niemand, wohin mit ihnen.' Damit steigt die Seuchengefahr."

    Dieser Irrglaube, dass durch Tote die Seuchengefahr stiege, lässt sich einfach nicht ausrotten.

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    Wieso ist es ein Unsinn: Seuchengefahr durch Leichen, können Sie mich mal bitte aufklären

    Wieso ist es ein Unsinn: Seuchengefahr durch Leichen, können Sie mich mal bitte aufklären

  2. Wieso ist es ein Unsinn: Seuchengefahr durch Leichen, können Sie mich mal bitte aufklären

    • AB1968
    • 15.01.2010 um 10:37 Uhr
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    Redaktion

    Liebe Leser,

    vielen Dank für den Hinweis! Tatsächlich bestätigen sowohl die WHO als auch das Robert-Koch-Institut, dass von Leichen keine besondere Infektionsgefahr ausgeht. Viel höher ist den Experten zufolge das Risiko durch verunreinigtes Essen und Trinkwasser. Wir haben das korrigiert.

    Beste Grüße,
    Alexandra Endres
    Redaktion ZEIT ONLINE

    Redaktion

    Liebe Leser,

    vielen Dank für den Hinweis! Tatsächlich bestätigen sowohl die WHO als auch das Robert-Koch-Institut, dass von Leichen keine besondere Infektionsgefahr ausgeht. Viel höher ist den Experten zufolge das Risiko durch verunreinigtes Essen und Trinkwasser. Wir haben das korrigiert.

    Beste Grüße,
    Alexandra Endres
    Redaktion ZEIT ONLINE

  3. Redaktion

    Liebe Leser,

    vielen Dank für den Hinweis! Tatsächlich bestätigen sowohl die WHO als auch das Robert-Koch-Institut, dass von Leichen keine besondere Infektionsgefahr ausgeht. Viel höher ist den Experten zufolge das Risiko durch verunreinigtes Essen und Trinkwasser. Wir haben das korrigiert.

    Beste Grüße,
    Alexandra Endres
    Redaktion ZEIT ONLINE

    Antwort auf "Seuchengefahr zu 2."

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