Drei Tage nach dem schweren Erdbeben wachsen im Katastrophengebiet in Haiti Unmut und Verzweiflung. Die internationale Hilfe, die am Flughafen in Port-au Prince im Minutentakt eintrifft, dringt bislang kaum zu den Menschen in der besonders zerstörten Hauptstadt durch. Zwar hat das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen (UN) bereits mit der Verteilung von Nahrungsmitteln begonnen, doch der Großteil der Überlebenden ist bislang noch auf sich allein gestellt. Insbesondere Kinder sind nach Angaben von UNICEF von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht.
 

Die UN selbst sollen Opfer von Plünderungen geworden sein. Wie die Weltorganisation in Genf zunächst mitteilte, wurde ein WFP-Lagerhaus geplündert. Dies hat ein Sprecher des WFP gegenüber ZEIT ONLINE inzwischen dementiert. Das Gebäude sei zwar beschädigt, aber nicht geplündert worden. Vor dem Beben seien dort Lebensmittelvorräte im Umfang von 15.000 Tonnen angelegt worden.

Tod, Verwüstung – und bislang keine Hilfe: Die Menschen in Haiti sind auf sich allein gestellt © Juan Barreto/AFP/Getty Images

Reporter berichten von Plünderungen und von bewaffneten Banditen, die die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen zusätzlich erschweren würden. Immer wieder waren in den Straßen von Port-au-Prince auch Schüsse zu hören. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Tumulte ausbrachen, als ein Helikopter Nahrungsmittel über der Stadt abwarf. Wie Mitarbeiter des Internationalen Komittee vom Roten Kreuz (IKRK) berichten, sind alle 4000 Insassen des größten Gefängnisses der haitianischen Hauptstadt nach dem Erdbeben aus den Trümmern der Haftanstalt geflüchtet.

Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP zitiert den Chef des Zivilschutzes der Dominikanischen Republik: "Das größte Problem ist die Unsicherheit", sagte demnach Delfin Antonio Rodriguez. "Gestern wäre uns fast ein Lastwagen gestohlen worden". Deswegen hätten die Helfer aus Haitis Nachbarland an bestimmten Orten nicht mehr arbeiten können. "Es gibt Plünderungen und bewaffnete Menschen, weil Haiti ein sehr armes Land ist und die Menschen verzweifelt sind", beschreibt Rodriguez die Situation.

Weil die wichtigsten Krankenhäuser zerstört oder beschädigt sind, müssten die Helfer ein Feldlazarett unter freiem Himmel aufbauen. Doch wegen der schlechten Sicherheitslage und möglicher Plünderungen sei das momentan unmöglich, sagt Rodriguez: "Wenn wir das Lazarett in der Nacht aufbauten, wäre es am nächsten Morgen nicht mehr da", befürchtet er. Um die Masse der Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die Vereinten Nationen das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett verwandeln. Dringend gebraucht würden auch Leichensäcke, teilte Paul Garwood von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf mit. «Das Ausmaß der Katastrophe hat alle Vorräte aufgebraucht», sagte der WHO-Sprecher.

Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet © Juan Barreto/AFP/Getty Images

Die Anweisungen für die Helfer sind sehr strikt. Die Rettungskräfte müssen unbewaffnet sein und können daher aus Angst vor Angriffen nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr arbeiten. Das dominikanische Team wird von bolivianischen Soldaten der UN-Blauhelmmission in Haiti (Minustah) geschützt. Die Blauhelmsoldaten verhinderten auch, dass bestimmte Häuser oder gar Leichen geplündert würden, sagt ein Blauhelmsoldat.

Unter widrigen Umständen bergen die Helfer Überlebende aus den Trümmern, viele Opfer könnten jedoch nur noch tot herausgezogen werden. Sobald die Helfer auftauchen, werden sie sofort von verzweifelten Männer und Frauen umringt, die Verletzte zu ihnen bringen, beschreibt der Reuters-Reporter die Situation. Andere wollen sie zu einer eingestürzten Schule führen, wo sie Hilferufe aus den Trümmern gehört haben.

Wie Reporter weiter berichten, wüssten sich die Menschen in Port-au-Prince nicht mehr zu helfen, sie fühlten sich alleingelassen. Und diese Verzweiflung schlüge auch zunehmend in Wut um. So hätten aufgebrachte Haitianer aus Protest gegen die bislang ausbleibende Hilfe Straßensperren aus Leichen errichtet "Sie haben angefangen, die Straßen mit Leichen zu blockieren", sagte der Fotograf Shaul Schwarz, der für das Time-Magazin aus dem Katastrophengebiet berichtete. Er habe in der Hauptstadt an mindestens zwei Stellen Barrikaden aus Toten und Steinen gesehen. "Es wird langsam hässlich da draußen", wird er von der BBC und der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. "Die Leute haben es satt, dass ihnen nicht geholfen wird."

"Wenn die internationale Hilfe nicht kommt, wird sich die Lage schnell verschlimmern", sagte ein Überlebender. "Wir brauchen dringend Wasser und Lebensmittel." Ein andere klagte:" Wir hören im Radio, dass Rettungsteams von außen kommen, aber nichts kommt. Wir haben nur unsere Finger zum Graben". Verärgert rief ein Mann: "Mehr Ärzte, weniger Journalisten!"

Während es einige Hilfsteams schafften, sehr schnell nach Port-au-Prince zu kommen, hängt ein Großteil der internationalen Helfer derzeit am Flughafen der Hauptstadt fest. Der Luftraum über Haiti ist angesichts der vielen Hilfslieferungen überfüllt. Frachtmaschinen aus allen Ländern konnten zeitweise nicht landen, da die Landebahnen blockiert waren – erst von Schuttbergen, dann von den vielen anderen Flugzeugen. Die Infrastruktur und das Kommunikationsnetz wurden beinahe völlig zerstört, es gab kaum Ansprechpartner und viele Rettungsteams hingen am Flughafen oder auf dem Weg nach Haiti fest.

Eine Beschleunigung der Rettungsarbeiten erhoffen sich die Hilfsorganisationen vom US-Flugzeugträger Carl Vinson, der in den Gewässern vor Haiti gelandet ist und als alternativer Landeplatz dienen kann. Kuba hat den USA erlaubt, für Hilfsaktionen in der Erdbebenregion Haiti den kubanischen Luftraum zu nutzen. Um Verletzte auszufliegen, dürften US-Flugzeuge auf dem Weg vom Stützpunkt Guantanamo auf Kuba nach Miami kubanischen Luftraum kreuzen, sagte ein US-Regierungsvertreter am Freitag. Dadurch würden etwa 90 Minuten gewonnen.