Erdbeben in HaitiSchreie und Schutt

In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince gibt es keine Rettungsdienste. Elektrizität fehlt, Telefonleitungen sind gekappt. Vorerst sind die Menschen auf sich gestellt. von 

Kaum jemand in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince weiß im Moment, ob seine Freunde und Verwandten noch am Leben sind. Es gibt keine Elektrizität, die Telefonverbindungen sind unterbrochen. Den Menschen bleibt nur, was sie selbst sehen und hören. Immer wieder gab es kurze Nachbeben, die die Einwohner der Stadt in Panik stürzten. Besonders in den ärmeren Stadtteilen sind viele der an Hängen gebauten Hütten unter Schutt begraben, berichtet die Internetausgabe der New York Times. Hier dürfte das Beben die meisten Menschen getötet haben.

Reuters-Reporter Joseph Guyler Delva war während des Bebens am Ort. "Alles begann zu wackeln, Menschen schrien, Häuser brachen zusammen. […] Ich sah Menschen unter dem Schutt, ich sah Menschen, die starben. Leute schrien "Jesus, Jesus" und rannten in alle Richtungen." Die 15-jährige Bewohnerin Valerie Moliere sagte der BBC: "Überall sind Menschen, die sich umarmen und weinen. Ich sehe zerstörte Häuser; die Menschen, die an mir vorbeilaufen, sind voller Blut." Wie ein AFP-Korrespondent aus einem Vorort der Hauptstadt berichtete, dauerte das Beben länger als eine Minute. Die Stöße hätten Autos regelrecht in die Höhe gehoben. Viele Einwohner seien in Panik auf die Straßen gerannt.

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This image obtained from Twitter purportedly shows Haitians standing amid rubble on January 12, 2010 in Port-au-Prince after a huge quake measuring 7.0 rocked the impoverished Caribbean nation of Haiti, toppling buildings and causing widespread damage and panic, officials and AFP witnesses said. A tsunami alert was immediately issued for the Caribbean region after the earthquake struck at 2153 GMT. AFP PHOTO / TWITTER == RESTRICTED TO EDITORIAL USE / NO SALES == (Photo credit should read -/AFP/Getty Images)

Hilfsorganisationen befürchten, dass Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen unter den Trümmern verschüttet sind. Karel Zelenka, Repräsentant eines katholischen Hilfsdienstes in Port-au-Prince, konnte noch mit seinen Kollegen in den USA telefonieren, bevor die Telefonleitungen zusammenbrachen. Er sagte, das Erdbeben habe möglicherweise Tausende getötet. Die Hilfsorganisation Oxfam übermittelte der New York Times die Berichte einer ehemaligen Mitarbeiterin. "Ein Staubteppich liegt über der Stadt. Wir hören Menschen um Hilfe schreien. Die Nachbeben gehen weiter und machen die Menschen sehr nervös."

Der Präsidentenpalast, ein Kinderkrankenhaus, zwei Ministerien und zahlreiche weitere Gebäude in Port-au-Prince liegen in Trümmern. Auch das Hauptquartier der 9000 Mann starken UN-Friedensmission in Haiti wurde zerstört. Zahlreiche Mitarbeiter würden derzeit am Ort vermisst, sagte ein UN-Sprecher in New York. "Die Verbindung zu den Männern und Frauen in Haiti ist sehr dünn. Das Erdbeben hat alle Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen", sagte Alain Le Roy, Untergeneralsekretär für friedenserhaltende Maßnahmen. Immerhin hat Präsident Réné Préval das Unglück überlebt.


Haiti Erdbeben 2010 auf einer größeren Karte anzeigen

Hilfsmaßnahmen laufen an

Eine koordinierte Verwaltung der Hilfs- und Rettungsmaßnahmen dürfte aber noch eine ganze Weile unmöglich sein. Auf rasche Hilfe der eigenen Behörden können die Menschen dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) zufolge nicht hoffen. "Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben", sagte eine Sprecherin. Zudem gebe es keinerlei Katastrophenvorsorge, die Menschen seien auf sich gestellt. Carel Pedre, ein Radiomoderator in Port-au-Prince, hat das selbst gesehen. Er durchquerte nach dem Beben die Stadt. "Die Menschen schrien um Hilfe, viele Häuser waren zerstört. Jede Menge Autounfälle. Da waren Menschen, die bluteten und denen niemand half", schilderte er der BBC. Die Menschen versuchten sich gegenseitig zu helfen. "Aber sie wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen."

Aus anderen Landesteilen gab es überhaupt keine Informationen, weil die Telefonleitungen gekappt waren. Sofort nach dem Beben noch per Internet verbreitete Bilder zeigten eingestürzte Häuser und zerquetschte Autos.

US-Präsident Barack Obama versicherte derweil in Washington, die USA ständen bereit, um Hilfe zu leisten. Die USA schickten Rettungsmannschaften mit Spürhunden los. Außerdem sollten 48 Tonnen Hilfsmaterial in den Karibikstaat gebracht werden. Frankreich entsendet zwei Flugzeuge mit Hilfsgütern und je etwa 60 Rettungskräften an Bord nach Haiti. Auch Kanada und mehrere Länder Lateinamerikas boten ihre Hilfe an. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) gab ihrerseits 200.000 Dollar (140.000 Euro) Soforthilfe für Wasser, Lebensmittel und Medikamente frei.

Haiti, ohnehin das ärmste Land Lateinamerikas, hatte in der Vergangenheit mehrfach mit schweren Naturkatastrophen zu kämpfen. Erst 2008 waren beim Durchzug von vier heftigen Stürmen fast 800 Menschen gestorben. Das Erdbeben war nach Angaben des Geologischen Instituts der USA das schwerste seit 200 Jahren. Es habe zwei schwere Beben im Jahr 1751 und 1770 gegeben, sagte der Geophysiker Dale Grant zu Reuters. "Aber seit damals hat es kein Erdbeben dieses Ausmaßes gegeben."

Aktuelle Twitter-Einträge zum Thema "Haiti"

Der Online-Kurzinformationsdienst Twitter ermöglicht es jedem, Updates über das Internet oder ein Mobilgerät zu senden. Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben kann Twitter unter Umständen als Quelle eine schnelle und authentische Ergänzung zu den Meldungen klassischer Medien darstellen; vor allem aber ermöglicht es einen Überblick in Echtzeit, wie die Netz-Community die neuesten Entwicklungen einschätzt und kommentiert:

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Leserkommentare
  1. Die Menschen im Katastrophengebiet kann man am schnellsten mit einer SMS unterstützen, z.B. über die Aktion Deutschland Hilft. Eine SMS mit dem Wort HAITI an die Nummer 81190 reicht aus um 5 Euro zu senden. (zzgl. Transport, 4.83 Euro kommen an)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
  • Schlagworte BBC | Barack Obama | Erdbeben | Haiti | Jesus | Hilfsorganisation
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