Abgewiesene Flugzeuge voller Hilfsgüter, Hunderte Flüchtlinge, die auf ihre Evakuierung warten, tonnenweise Nahrungsmittel, die keiner verteilt: Auf dem Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince herrscht nach Medienberichten noch immer das blanke Chaos. Vor allem die US-Truppen, die in Absprache mit der haitianischen Regierung die Kontrolle über den beim Erdbeben beschädigten Flugplatz Toussaint L´Ouverture übernommen hatten, stehen in der Kritik.

"Sie fliegen nur die Amerikaner aus und nicht die anderen", sagte ein Franzose gegenüber Reportern der Nachrichtenagentur AFP. "Das amerikanische Monopol muss aufhören. Sie lassen uns nicht nach Hause." Inzwischen drängen sich Hunderte ausländische Flüchtlinge am Eingang des Flughafens. Allerdings dürften nur US-Bürger die Kontrollen passieren. Nach Beobachtung der Reporter sollen Diplomaten anderer Staaten versuchen, eigene Landsleute zu wartenden Flugzeugen zu führen.

Nach dem Schock kommt die Wut: Bilder aus dem Erdbebengebiet in Haiti © Thony Belizaire/AFP/Getty Images

Bereits am Samstag hatten rund 200 französische Staatsbürger auf der Landebahn verbracht, nachdem ihre Evakuierung auf die französische Karibikinsel Guadeloupe gescheitert war. In letzter Minute war einem Flugzeug, das sie dorthin bringen sollte, die Landeerlaubnis entzogen worden. Schließlich wurden sie doch ausgeflogen.

Den USA wird vorgeworfen, die einzige Landebahn des kleinen Flughafens für die Evakuierung von US-Bürgern zu beanspruchen – und dadurch Hilfsmaßnahmen zu blockieren. Der französische Staatssekretär für Zusammenarbeit, Alain Joyandet, teilte mit, er habe bei der US-Botschaft offiziell Protest eingereicht, nachdem ein französisches Flugzeug mit einem Feldlazarett an Bord abgewiesen wurde. Auch dieses Flugzeug durfte schließlich doch noch landen.

Kritik kommt auch von der haitianischen Regierung: "Es gibt große Koordinierungsprobleme am Flughafen" sagte Regierungsvertreter Michel Chancy. "Die Haitianer werden über die Ankunft von Flugzeugen nicht unterrichtet. Wenn sie dann landen, dann übernimmt niemand die Ware und große Mengen von Gütern kommen ohne Koordination an." Flüge mit medizinischer Ausrüstung und Nahrungsmitteln aus Argentinien, Mexiko und Peru wurden nach Angaben von Vertretern der USA und der Vereinten Nationen in die Dominikanische Republik und auf benachbarte Inseln umgeleitet.

US-Außenministerin Hillary Clinton wies die Kritik als "nicht zutreffend" zurück. Der US-Botschafter in Haiti, Kenneth Merten, räumte hingegen Schwierigkeiten ein. "Es ist normal, dass es Frustrationen gibt", sagte er. Dafür seien vor allem Kommunikationsprobleme verantwortlich: "Sobald es Handy-Empfang gibt, wird es viel besser funktionieren."

Hoffnung auf eine schnelle Besserung ihrer Lage haben viele haitianische Erdbebenopfer schon aufgegeben. Nach wie vor herrschen große Versorgungsengpässe, immer mehr kommt es zu Unruhen und Plünderungen. Inzwischen hat die Regierung den Notstand ausgerufen, der bis Ende des Monats andauern soll. "Da draußen tobt ein Krieg", sagte ein Arzt nach israelischen Medienberichten zu den chaotischen Zuständen. "Wir entlassen Patienten, aber wir wissen nicht, was sie erwartet."

Medienberichten zufolge ging die Polizei auf einem Marktplatz im Stadtzentrum mit Tränengas gegen Hunderte von Steine werfenden Plünderern vor. Augenzeugen berichten von einzelnen Schüssen und Schusswechseln in vielen Straßen von Port-au-Prince. Vereinzelt wurden vermummte junge Männer gesehen, die mit Macheten durch die Stadtviertel gezogen seien sollen. Zudem sollen mindestens zwei Plünderer von Anwohnern zusammengeschlagen und erschossen worden sein.

Haitis Regierung ist derzeit nicht in der Lage, die Sicherheit ihrer Bürger zu garantieren. Viele Minister sind tot, Staatspräsident René Préval hat sich mit seinem Stab auf dem Flughafen von Port-au-Prince zurückgezogen. Trotz der Kritik an ihrem Krisenmanagement bauen die Hilfsorganisationen auf die Präsenz und Hilfe des US-Militärs. Anfang der Woche werden 12.000 weitere US-Soldaten im Karibikstaat erwartet.