"Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagt Loris de Filippi, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen in einer Klinik in Cité Soleil, einem Elendsviertel in Port-au-Prince. "Jedes Mal, wenn ich den Operationssaal verlasse, sehe ich Menschen, die verzweifelt um eine Operation bitten. Am Dienstag brauchten zwölf Patienten lebensrettende Amputationen. Wir mussten auf dem Markt eine Säge kaufen, um sie durchführen zu können."

Zwar sind verlässliche Daten aus dem Erdbebengebiet nicht zu bekommen. Doch es dürften Tausende sein, wenn nicht gar Zehntausende, die dringend medizinische Hilfe benötigen, schätzt Christiane Winje, Sprecherin der Hilfsorganisation in Deutschland. "Unsere Mitarbeiter dort sehen Menschen mit offenen Brüchen, die ohne Behandlung zur Amputation führen, infizierte Wunden, Kopfverletzungen", sagt sie.

Nach sieben Tagen ohne medizinische Versorgung haben sich viele Verletzungen entzündet. Ärzte berichten von Wunden voller Larven. Gefährlich sind auch schwere Muskelquetschungen, warnt Ärzte ohne Grenzen. Denn verletzte Muskeln geben Giftstoffe ab, die ohne Behandlung Nierenversagen auslösen und zum Tod führen können.

"Aus der Ferne wirkt das wie auf dem Schlachtfeld vor 150 Jahren", sagt Svenja Koch, Sprecherin des Roten Kreuzes in Deutschland. "Auch damals sind die Soldaten am Wundbrand gestorben, weil sie nicht versorgt wurden. Dass man Gliedmaßen amputieren muss, weil eine Wunde nicht versorgt wird, wo gibt es denn so etwas? Im Krieg, oder in Haiti."

"Wir haben kein Morphin mehr, um unseren Patienten den Schmerz zu nehmen", sagt Rosa Crestani, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Cité Soleil. Es fehle an Operationsmaterial und Dialysegeräten. "Die Bestände, die wir vor dem Beben in Haiti hatten, sind aufgebraucht", sagt Sprecherin Winje. "Wir brauchen dringend Nachschub." Die Weltgesundheitsorganisation in Genf bestätigt: Chirurgisches Gerät werde in Haiti dringend benötigt (s. Infobox).

Dennoch durfte in der Nacht zum Mittwoch eine Maschine von Ärzte ohne Grenzen, die chirurgisches Material, Medikamente und Dialysegeräte ins Notstandsgebiet bringen sollte, erneut nicht in Port-au-Prince landen, obwohl der Organisation zufolge zuvor die Genehmigung erteilt worden war. Seit Sonntag warte man auf die Möglichkeit, die Ausrüstung zu den Helfern zu bringen, dreimal sei das Flugzeug seither umgeleitet worden. "Fünf unserer Patienten sind gestorben, weil medizinische Hilfsgüter fehlten, die diese Maschine an Bord hatte", sagt Loris de Filippi.