Das Auswärtige Amt in Berlin kann keine sichere Auskunft über die Zahl der Deutschen in Haiti geben. Von bis zu 100 war im Amt die Rede. Ein Sprecher erklärte allerdings auf Nachfrage, es sei unklar, wie viele der Deutschen, die bei der Botschaft registriert seien, sich zum Zeitpunkt des Bebens im Land aufgehalten hätten. Zudem gebe es keine Registrierungspflicht, es könnten sich also auch mehr Deutsche im Land befunden haben. Das Amt macht bisher keine Angaben darüber, ob Deutsche unter den Verletzten oder Toten sind. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) schloss dies jedoch nicht aus.

Viele Haitianer, die versuchten, Verschüttete frei zu bekommen, fürchteten unterdessen weiterhin Nachbeben. Das wäre für viele der unter den Trümmern liegenden Verletzten der sichere Tod. Auch in der zweiten Nacht nach dem Erbeben schliefen Tausende Menschen auf den Straßen. Dort liegen noch immer notdürftig mit weißen Laken bedeckte Leichen. Für die Verletzten gab es keine ausreichende medizinische Versorgung. Die internationale Hilfewelle läuft zwar an, der Weg in das Katastrophengebiet ist aber schwierig.

Der Flughafen der schwer getroffenen Hauptstadt Port-au-Prince ist durch Maßnahmen der US-Luftwaffe zumindest wieder teilweise nutzbar. Auf dem Flughafen der Hauptstadt trafen erste Flugzeuge mit Hilfsgütern ein. Im Flughafengebäude tagt seit Mittwoch zudem die Notstandskommission. Sie besteht aus Mitgliedern der haitianischen Regierung, Mitarbeitern der internationalen Organisationen und vor allem aus Experten der UN-Mission Minustah.

Die Kommission wird vom lateinamerikanischen Desaster Response Team dabei unterstützt, auf dem Flughafen in aller Eile ein Logistikzentrum aufzubauen, das die erwarteten riesigen Mengen von Hilfsgütern aufnehmen, lagern und verteilen soll. Das Team besteht aus amerikanischen Freiwilligen des deutschen Logistikunternehmens DHL. Sie werden von der Bonner Firma freigestellt, um die Hilfslogistik sicherzustellen. Der Panamaer Virgilio Mora sagt: "Wenn der Tower am Flughafen wieder steht, brauchen wir noch 24 Stunden, um die Infrastruktur herzurichten. Dann können die Hilfslieferungen im großen Stil beginnen."

Drehkreuz für Hilfsgüter ist derweil noch immer die Hauptstadt des Nachbarstaates, Santo Domingo. Dort sammelten sich Hilfsteams aus aller Welt. Nahrungsmittel, Medikamente, Zelte und Suchhunde wurden auf den Weg nach Port-au-Prince gebracht. Doch der Weg ist mühsam. Haiti ist weiterhin so gut wie von der Außenwelt abgeschnitten. Die Infrastruktur ist weitgehend zerstört. Auch telefonisch war am Donnerstag kaum ein Durchkommen möglich.

Das haitianische Rote Kreuz sah sich angesichts der Schwere der Katastrophe überfordert. "Es gibt einfach zu viele Menschen, die Hilfe benötigen", sagte ein Sprecher. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzenmuss Verletzte in Notunterkünften behandeln, da ihre drei Krankenhäuser auf Haiti stark beschädigt sind. Das Rote Kreuz erklärte, seine Organisation sei zwar gewohnt, mit Katastrophen in derart verarmten Ländern umzugehen. Die Situation in Haiti habe die Organisation jedoch überwältigt. "Es gibt einfach zu viele Menschen, die Hilfe benötigen", sagte ein Sprecher. Außerdem gebe es nicht ausreichend Ärzte und keine Medikamente mehr.

Das Beben der Stärke 7,0 hatte in Port-au-Prince Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, das Parlament und andere Gebäude einstürzen lassen. Tausende Menschen sind noch unter den Trümmern verschüttet. Die vor Ort ansässigen Hilfsorganisationen warten auf die dringend benötigte Unterstützung aus dem Ausland. "Das hier ist eine unmögliche Aufgabe", sagt ein freiwilliger Helfer, der Dutzende auf der Straße liegende Verletzte versorgt. Von organisierter Arbeit gab es keine Spur. In Teilen der Hauptstadt waren Plünderer unterwegs, die seelenruhig Lebensmittel und elektronisches Gerät aus Läden schleppten. "Alle Polizisten sind damit beschäftigt, ihre Angehörigen zu retten und zu beerdigen. Sie haben keine Zeit zum Streife gehen", sagte ein Arbeiter.

Wie viele Tote zu beklagen sind, kann noch niemand sagen. Präsident Réné Préval schätzt, dass möglicherweise bis zu 50.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Allerdings wisse er nichts Genaues. Ministerpräsident Jean-Max Bellerive sprach sogar von bis zu 100.000 Toten. Der Botschafter Haitis bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) trat diesen Angaben jedoch entgegen. Er gehe von nicht mehr als 30.000 Toten aus, sagte Duly Brutus.

Die internationale Staatengemeinschaft mobilisierte bereits wenige Stunden nach dem Beben ihre Hilfsteams. Die USA sagten 100 Millionen US-Dollar Soforthilfe zu. Außerdem schickten sie einen Flugzeugträger, weitere Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber für die Rettungsarbeiten. Mehrere Tausend US-Soldaten bereiteten sich auf ihren Einsatz in Haiti vor. Die haitianische Regierung könne nicht funktionieren, da Ministerien und der Präsidentenpalast zerstört wurden und zahlreiche Regierungsmitarbeiter vermisst würden, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. Mit Bill Clinton und George W. Bush übernahmen zwei ehemalige US-Präsidenten die Koordination der Hilfsmaßnahmen.

Zahlreiche weitere Länder – darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Spanien und Italien sowie Russland, Kuba und Brasilien –  entsandten Such- und Bergungsteams, Spürhunde sowie Notärzte. Deutschland sagte 1,5 Millionen Euro zu, die EU gewährte drei Millionen Euro. Die Weltbank und der IWF stellten je 100 Millionen Dollar (knapp 69 Millionen Euro) an Soforthilfe in Aussicht. Australien sagte neun Millionen US-Dollar zu, Brasilien zehn Millionen Soforthilfe.

Die Internationale Föderation vom Roten Kreuz und Rotem Halbmond bereitete sich auf Hilfe für "ein Maximum von drei Millionen Menschen" vor. Weltweit wurden laut UNO 40 Rettungsteams mobilisiert, von denen 16 bereits in Haiti eintrafen. Das UN-Welternährungsprogramm teilte mit, noch am Donnerstag würden Flugzeuge mit rund 90 Tonnen Fertignahrung in Haiti erwartet.

Zehn Experten des Technischen Hilfsdienstes sollten am Donnerstagabend nach Haiti aufbrechen. Sie bringen unter anderem Trinkwasseraufbereitungsanlagen in die Region. Das Deutsche Rote Kreuz will am Freitag eine mobile Klinik mitsamt Ärzten und Krankenschwestern in die Region fliegen. In dem Hospital sollen rund 250 Menschen ambulant versorgt werden können.

Das Erdbeben hatte den Inselstaat am Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr MEZ) erschüttert, das Epizentrum lag etwa 15 Kilometer von Port-au-Prince entfernt und nur 10 Kilometer unter der Oberfläche, was die Erde umso heftiger erzittern ließ. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und wurde in den vergangenen Jahren mehrfach von Naturkatastrophen heimgesucht.

Weitere Informationen aus der Netcommunity finden Sie bei Twitter.