Die USA, Frankreich und einige andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren. Wie der französische Präsidentenpalast mitteilte, einigten sich Staatschef Nicolas Sarkozy und US-Präsident Barack Obama auf eine entsprechende Initiative. Auch Brasilien, Kanada und andere direkt betroffene Länder seien bereits an den Vorbereitungen beteiligt. Sarkozy und Obama stimmten sich nach Angaben des Élysée bereits bei einem Telefonat am Donnerstagabend auch über andere Hilfsmaßnahmen für das Erdbebengebiet ab. Beide Präsidenten hätten beschlossen, die Unterstützung vor Ort zu verstärken, hieß es. Alle Hilfen sollten zudem eng aufeinander abgestimmt werden.

Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet © Juan Barreto/AFP/Getty Images

Die internationale Gemeinschaft hat nach Angaben der UN bislang rund 268,5 Millionen Dollar (186,3 Millionen Euro) an Hilfen zugesagt. Zu den wichtigsten Gebern zählen die Weltbank (100 Millionen Dollar), Großbritannien (zehn Millionen Dollar) und Australien (9,3 Millionen Dollar). Deutschland sagte 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zu. Die Weltbank erwog die Einrichtung eines Fonds, um die Hilfen der Geberländer langfristig besser zu koordinieren. Frankreich setzte sich dafür ein, dem bitterarmen Karibikstaat möglichst schnell alle Schulden zu erlassen und eine langfristige Perspektive zu verschaffen. "Wir müssen ein für alle Mal dafür sorgen, dass dieses Land seinen Fluch loswird." Die spanische EU-Ratspräsidentschaft plant für kommenden Montag ein Sondertreffen der europäischen Entwicklungshilfeminister, um die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat weitere 550 Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt. Er beschrieb die Rettungsaktionen als eine "monumentale Aufgabe". Um die obdachlosen Überlebenden zu versorgen, brauche es zurzeit "Zelte und noch mehr Zelte".

Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) und Weltbankpräsident Robert Zoellick begrüßten den Vorschlag, eine internationale Helferkonferenz einzuberufen. Bei einem Treffen in Berlin sagte Niebel, es müsse allerdings darauf geachtet werden, dass die Hilfen nicht versickerten. Nach den ersten 1,5 Millionen Euro Nothilfe prüft die Bundesregierung, ob nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti weitere Maßnahmen notwendig sind. Zurzeit sei die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Land und kümmere sich um Nahrungsmittelbeschaffung, sagte Niebel. Sein Ministerium wolle mit den zunächst zugesicherten 500.000 Euro 800.000 Lebensmittelrationen zur Verfügung stellen. Eine weitere Million Euro für die Nothilfe kommt vom Auswärtigen Amt.

Das Beben hat die ohnehin schlechte Infrastruktur des ärmsten Landes der westlichen Hemisphäre weitgehend zerstört. So können die Hilfsorganisationen aus 30 Ländern ihre Arbeit nur allmählich aufnehmen. Insbesondere der Flughafen mit seinen begrenzten Entlade- und Lagermöglichkeiten bildet ein Nadelöhr.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat am Freitag mit dem Beladen eines Hilfsgüter-Flugzeuges für das Katastrophengebiet Haiti begonnen. Bis zum Abend sollten am Flughafen Berlin-Schönefeld rund 200 Kisten mit den Bestandteilen einer mobilen Gesundheitsstation auf eine Frachtmaschine geladen werden, sagte DRK-Sprecherin Svenja Koch. Dazu gehörten unter anderem Zelte, Betten, Verbandsmaterial und Medikamente. Hinzu kämen drei Geländewagen. Die Maschine soll am Sonntag in der Krisenregion ankommen. "Das ist ein Einsatz ins Ungewisse", sagte der Leiter des DRK-Katastrophen-Managements, Joachim Müller. Man müsse mit erheblichen Schäden und Verletzten auch außerhalb der Hauptstadt rechnen.

Weiterhin gibt es keine Hinweise darauf, dass Deutsche dem Beben zum Opfer gefallen sind. "Wir haben Gott sei Dank noch keine schlechten Nachrichten, aber leider auch keine guten", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bei seinem Besuch in China. Deutsche Opfer könnten nach dem Erdbeben der Stärke 7,0 nicht ausgeschlossen werden. Drei junge Flensburger haben das Erdbeben in Haiti unverletzt überstanden. Christopher W., 16, sowie die Geschwister Maike, 27, und Timo K., 22, seien etwa 50 Kilometer von der Inselhauptstadt entfernt. 

In Port-au-Prince sind die hygienischen Zustände weiterhin katastrophal. Die Haitianer bedeckten ihre Nasen mit Tüchern, um den Leichengeruch nicht direkt einatmen zu müssen. Viele Tote lagen auf der Straße. Einige wurden auf Kleinlaster gestapelt und zum Allgemeinen Krankenhaus gefahren. "Im Krankenhaus werden die Menschen nach drei Kategorien sortiert: tot, fast tot, bald tot", berichtet ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe.