Chaos in Haiti Kampf gegen die Anarchie

Die internationale Gemeinschaft hat mehrere Hundert Millionen Dollar für Nothilfe und Wiederaufbau in Haiti zugesagt. Doch dort kommt noch immer zu wenig Hilfe an. In Port-au-Prince bahnt sich die Wut ihren Weg.

Blauhelmsoldaten in Port-au-Prince. Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist nach wie vor nicht überschaubar. Hilfsorganisationen gehen von bis zu 100.000 Toten und drei Millionen Verletzten und Obdachlosen aus.

Blauhelmsoldaten in Port-au-Prince. Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist nach wie vor nicht überschaubar. Hilfsorganisationen gehen von bis zu 100.000 Toten und drei Millionen Verletzten und Obdachlosen aus.

Die USA, Frankreich und einige andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren. Wie der französische Präsidentenpalast mitteilte, einigten sich Staatschef Nicolas Sarkozy und US-Präsident Barack Obama auf eine entsprechende Initiative. Auch Brasilien, Kanada und andere direkt betroffene Länder seien bereits an den Vorbereitungen beteiligt. Sarkozy und Obama stimmten sich nach Angaben des Élysée bereits bei einem Telefonat am Donnerstagabend auch über andere Hilfsmaßnahmen für das Erdbebengebiet ab. Beide Präsidenten hätten beschlossen, die Unterstützung vor Ort zu verstärken, hieß es. Alle Hilfen sollten zudem eng aufeinander abgestimmt werden.

Haiti in Trümmern
Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet

Tod, Schrecken, Verzweiflung: Bilder aus dem Katastrophengebiet

Die internationale Gemeinschaft hat nach Angaben der UN bislang rund 268,5 Millionen Dollar (186,3 Millionen Euro) an Hilfen zugesagt. Zu den wichtigsten Gebern zählen die Weltbank (100 Millionen Dollar), Großbritannien (zehn Millionen Dollar) und Australien (9,3 Millionen Dollar). Deutschland sagte 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zu. Die Weltbank erwog die Einrichtung eines Fonds, um die Hilfen der Geberländer langfristig besser zu koordinieren. Frankreich setzte sich dafür ein, dem bitterarmen Karibikstaat möglichst schnell alle Schulden zu erlassen und eine langfristige Perspektive zu verschaffen. "Wir müssen ein für alle Mal dafür sorgen, dass dieses Land seinen Fluch loswird." Die spanische EU-Ratspräsidentschaft plant für kommenden Montag ein Sondertreffen der europäischen Entwicklungshilfeminister, um die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat weitere 550 Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt. Er beschrieb die Rettungsaktionen als eine "monumentale Aufgabe". Um die obdachlosen Überlebenden zu versorgen, brauche es zurzeit "Zelte und noch mehr Zelte".

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Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) und Weltbankpräsident Robert Zoellick begrüßten den Vorschlag, eine internationale Helferkonferenz einzuberufen. Bei einem Treffen in Berlin sagte Niebel, es müsse allerdings darauf geachtet werden, dass die Hilfen nicht versickerten. Nach den ersten 1,5 Millionen Euro Nothilfe prüft die Bundesregierung, ob nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti weitere Maßnahmen notwendig sind. Zurzeit sei die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Land und kümmere sich um Nahrungsmittelbeschaffung, sagte Niebel. Sein Ministerium wolle mit den zunächst zugesicherten 500.000 Euro 800.000 Lebensmittelrationen zur Verfügung stellen. Eine weitere Million Euro für die Nothilfe kommt vom Auswärtigen Amt.

Das Beben hat die ohnehin schlechte Infrastruktur des ärmsten Landes der westlichen Hemisphäre weitgehend zerstört. So können die Hilfsorganisationen aus 30 Ländern ihre Arbeit nur allmählich aufnehmen. Insbesondere der Flughafen mit seinen begrenzten Entlade- und Lagermöglichkeiten bildet ein Nadelöhr.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat am Freitag mit dem Beladen eines Hilfsgüter-Flugzeuges für das Katastrophengebiet Haiti begonnen. Bis zum Abend sollten am Flughafen Berlin-Schönefeld rund 200 Kisten mit den Bestandteilen einer mobilen Gesundheitsstation auf eine Frachtmaschine geladen werden, sagte DRK-Sprecherin Svenja Koch. Dazu gehörten unter anderem Zelte, Betten, Verbandsmaterial und Medikamente. Hinzu kämen drei Geländewagen. Die Maschine soll am Sonntag in der Krisenregion ankommen. "Das ist ein Einsatz ins Ungewisse", sagte der Leiter des DRK-Katastrophen-Managements, Joachim Müller. Man müsse mit erheblichen Schäden und Verletzten auch außerhalb der Hauptstadt rechnen.

Weiterhin gibt es keine Hinweise darauf, dass Deutsche dem Beben zum Opfer gefallen sind. "Wir haben Gott sei Dank noch keine schlechten Nachrichten, aber leider auch keine guten", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bei seinem Besuch in China. Deutsche Opfer könnten nach dem Erdbeben der Stärke 7,0 nicht ausgeschlossen werden. Drei junge Flensburger haben das Erdbeben in Haiti unverletzt überstanden. Christopher W., 16, sowie die Geschwister Maike, 27, und Timo K., 22, seien etwa 50 Kilometer von der Inselhauptstadt entfernt. 

In Port-au-Prince sind die hygienischen Zustände weiterhin katastrophal. Die Haitianer bedeckten ihre Nasen mit Tüchern, um den Leichengeruch nicht direkt einatmen zu müssen. Viele Tote lagen auf der Straße. Einige wurden auf Kleinlaster gestapelt und zum Allgemeinen Krankenhaus gefahren. "Im Krankenhaus werden die Menschen nach drei Kategorien sortiert: tot, fast tot, bald tot", berichtet ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe.

Leser-Kommentare
  1. Die geschilderten Zustände bezeichnet man als Anomie (=Zustand fehlender oder geringer sozialer Normen, Regeln, Ordnung und Gesetze).
    Du liebe ZEIT, bitte nicht so flach!

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    • Krizzz
    • 16.01.2010 um 11:56 Uhr

    Von Anomie kann in diesem Land kaum die Rede sein, setzt dieser Begriff doch funktionierende und legitimierte zentrale Institutionen voraus. Tatsächlich ist es nicht möglich, das eine Gesellschaft keine Ordnung hat, auch die Unordnung ist eine Ordnung, somit trifft die Bezeichnung Anarchie durchaus zu.
    Merton`s Anomie Begriff bezieht sich auf die Perspektive eines herrschenden Staates.

    ...in diesem Kontext den Begriff Anarchie zu nutzen ist wirklich sehr flach - Chaos was auch immer, dazu muss ich keine sozialwissenschaftliche Analyse nach Merton betreiben, das weiss jedes politikbewusste Kind.

    • Krizzz
    • 16.01.2010 um 11:56 Uhr

    Von Anomie kann in diesem Land kaum die Rede sein, setzt dieser Begriff doch funktionierende und legitimierte zentrale Institutionen voraus. Tatsächlich ist es nicht möglich, das eine Gesellschaft keine Ordnung hat, auch die Unordnung ist eine Ordnung, somit trifft die Bezeichnung Anarchie durchaus zu.
    Merton`s Anomie Begriff bezieht sich auf die Perspektive eines herrschenden Staates.

    ...in diesem Kontext den Begriff Anarchie zu nutzen ist wirklich sehr flach - Chaos was auch immer, dazu muss ich keine sozialwissenschaftliche Analyse nach Merton betreiben, das weiss jedes politikbewusste Kind.

    • Fokko
    • 15.01.2010 um 20:18 Uhr

    Hier sieht man nun, was passiert, wenn Menschen, die mit Globalisierung und Neuer Weltordnung bereits bis aufs Blut ausgebeutet wurden, auch noch von einer Katastrophe getroffen werden.

    Es bleibt abzuwarten, ob etwaige dort ausbrechende Unruhen nicht noch auf andere Länder übergreifen. Es gibt viele, viele Menschen auf diesem Planeten, denen nicht nur das Wasser, sondern auch die Galle bis zum Hals steht.

    Fokko vom Selbstversorger-Blog/Fantasy-Blog
    -------------------------------------------
    http://selbstversorger-bl...
    http://fokko.wordpress.com

  2. Man sollte doch wissen das dieser zustand der dort vor dem Beben herrschte nicht unbedingt der westlich welt angerechnet werden kann. Sie sind dafür zum teil selbst verantwortlich. Sie holzen ihre welder ab und waren nicht in der Lage ein Funktionierendes System aufzubauen. Die Dominikanische Republik hat es besser gemacht und aus ihren Ressourcen das richtige gemacht. Haiti war nur auf das schnelle geld aus und die Machthaber des landes habens es kaputt gemacht sonst könnte es heute genau so schön sein wie sein Nachbarland...

  3. meine natürlich ihre Wälder :)

    • tuxman
    • 15.01.2010 um 20:41 Uhr

    Um das, was der erste hier schon richtig geschildert hat nochmal zu bekräftigen, haben Anomie(die hier gemeint ist) und Anarchie nichts miteinander zu tun. Anomie ist das Recht des Stärken, Anarchie ist Ordnung ohne Regeln, außerdem gehört noch ein kommunistisches Wirtschaftssystem zur Basis des Anarchismus.

    @3: Natürlich ist der Westen Schuld an der Lage dieser Menschen. Sie haben das Land schamlos ausgebeutet, und ihm ein Regierungssystem und Wirtschaftssystem aufgezwungen, für das die Gesellschaft nicht bereit war. Außerdem haben sie den Eliten noch fleißig beim ausplündern geholfen. Das es der dominikanischen Republik besser geht ist reiner Zufall, das wirtschaftlich stärkste Land dieser Region ist übrigens Kuba...

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    • Hugo_P
    • 15.01.2010 um 22:50 Uhr

    =Abwesenheit von Herrschaft.
    Regeln und Ordnung widersprechen nicht einander!
    Ansonsten danke für die zwei Widerlegungen der Überschrift, war aber primär ned die Zeit sondern dpa!

    Kuba ist das wirtschaftlich stärkste Land der Region. Das hätte ich nicht gedacht, weil es ja auch zu hohem Anteil (wohl 43% der Wirtschaftsleistung) vom Tourismus lebt. Die wahren Errungenschaften Kubas sind jedoch in der Gesundheitsfürsorge und im Schulwesen zu sehen. Castro hat sein Land immer in den Schlagzteilen halten können, sonst wäre es wahrscheinlich schon längst wieder das größte Freuden-und Spielparadies der Amerikaner geworden.Aber fürm die gut ausgebildeten Leute dort gibt es leider keine Jobs, weil die Investitionen fehlen. Vielleicht hilft da China nach.

    • Hugo_P
    • 15.01.2010 um 22:50 Uhr

    =Abwesenheit von Herrschaft.
    Regeln und Ordnung widersprechen nicht einander!
    Ansonsten danke für die zwei Widerlegungen der Überschrift, war aber primär ned die Zeit sondern dpa!

    Kuba ist das wirtschaftlich stärkste Land der Region. Das hätte ich nicht gedacht, weil es ja auch zu hohem Anteil (wohl 43% der Wirtschaftsleistung) vom Tourismus lebt. Die wahren Errungenschaften Kubas sind jedoch in der Gesundheitsfürsorge und im Schulwesen zu sehen. Castro hat sein Land immer in den Schlagzteilen halten können, sonst wäre es wahrscheinlich schon längst wieder das größte Freuden-und Spielparadies der Amerikaner geworden.Aber fürm die gut ausgebildeten Leute dort gibt es leider keine Jobs, weil die Investitionen fehlen. Vielleicht hilft da China nach.

  4. das ist so nicht richtig. Das kann man so nicht stehen lassen. Der westen hat nicht viel damit zu tuen. Das Land ist und war nie in der Lage ein funktionierendes system aufzubauen. Und daran sind sie nun wirklich selber schuld. und es ist gewiss kein Zufall das die dominikanischen Republik besser dasteht. Sie wussten wie sie es machen mussten nämlich auf lange Sicht planen und wirtschaften mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Das ist an Haiti voll vorbei gegangen!!! Keine Planung

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    zu #3, #4 und #6: ja klar, die Machthaber von Haiti haben ja im Gegensatz zu Kuba auch nach dem westlichen Modell regiert. Planung ? Natürlich nicht, denn der Westen und die Weltbank haben seit 20 Jahren die "Entwicklungshilfe" an neoliberale Bedingungen geknüpft, wie Öffnung der Märkte, Freiheit (von Steuern) für Investoren, bla, bla ...
    Planung kam doch vor der Finanzkrise im G7-Wortschatz gar nicht mehr vor, sondern nur die Standard-Leier: "der Markt wird es schon richten". Planung und Regeln wurden quasi mit Kommunismus gleichgesetzt. Und jetzt mangelnde Planung beweinen? Die DomRep lebt nebenbei heute auch nicht wegen ihrer Weitsicht besser, sondern sehr stark vom Tourismus und allem, was dazugehört.

    zu #3, #4 und #6: ja klar, die Machthaber von Haiti haben ja im Gegensatz zu Kuba auch nach dem westlichen Modell regiert. Planung ? Natürlich nicht, denn der Westen und die Weltbank haben seit 20 Jahren die "Entwicklungshilfe" an neoliberale Bedingungen geknüpft, wie Öffnung der Märkte, Freiheit (von Steuern) für Investoren, bla, bla ...
    Planung kam doch vor der Finanzkrise im G7-Wortschatz gar nicht mehr vor, sondern nur die Standard-Leier: "der Markt wird es schon richten". Planung und Regeln wurden quasi mit Kommunismus gleichgesetzt. Und jetzt mangelnde Planung beweinen? Die DomRep lebt nebenbei heute auch nicht wegen ihrer Weitsicht besser, sondern sehr stark vom Tourismus und allem, was dazugehört.

  5. 7. Beben?

    Den jetzigen Zustand mit dem Beben zu erklären ist ebenso feige wie erbärmlich...

    • Hugo_P
    • 15.01.2010 um 22:50 Uhr

    =Abwesenheit von Herrschaft.
    Regeln und Ordnung widersprechen nicht einander!
    Ansonsten danke für die zwei Widerlegungen der Überschrift, war aber primär ned die Zeit sondern dpa!

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