Der Ernstfall scheint eingetreten: In Haiti sind nach Informationen des UN-Kinderhilfswerks Unicef 15 Kinder aus Krankenhäusern verschwunden. Wie Unicef in Genf mitteilte, besteht der Verdacht, dass die Kinder verschleppt wurden. Sie sollen mit Personen, die nicht ihre Eltern oder Verwandte sind, die Krankenhäuser verlassen haben. Netzwerke von Kinderhändlern, die den illegalen "Adoptionsmarkt" bedienten, seien nach Naturkatastrophen besonders aktiv, teilte Unicef mit. Daher hatte Unicef bereits am Donnerstagabend eine Aussetzung jeglicher Adoptionen gefordert.

Nach dem schweren Erdbeben der vergangenen Woche hatten viele Regierungen weltweit Adoptionsverfahren beschleunigt, um Waisenkinder aus dem Katastrophengebiet zu retten. Auch die USA hatten Anfang der Woche unter innenpolitischem Druck die Visabestimmungen gelockert und erlauben nun auch Kindern, die noch nicht endgültig von den haitischen Behörden freigegeben wurden, die Einreise. Die Ankunft von 53 Waisenkindern in Pittsburgh markierte den Anfang der geplanten Evakuierung von Hunderten haitischen Kindern in die USA.

Der erste Transport zeigte aber auch die Machtlosigkeit der haitischen Behörden. Nach Angaben der New York Times hatten diese zunächst nur die Ausreise von 28 der insgesamt 54 Waisen aus einem Waisenhaus genehmigt, in dem zwei amerikanische Schwestern arbeiten, die die Ausreise vorantrieben. Der Gouverneur von Pittsburgh, Edward Rendell, übte sogar Druck auf das Weiße Haus aus, das wiederum in Haiti tätig wurde. Rednells Ehefrau, Richterin an einem Berufungsgericht, reiste nach Port-au-Prince und traf sich dort mit amerikanischen Diplomaten und haitischen Verantwortlichen. Schließlich stimmten die haitischen Behörden der Ausreise aller 54 Kinder zu. Insgesamt 900 Kinder, die von den Behörden als Waisen deklariert sind und für die Agenturen bereits Adoptiveltern in den USA gefunden haben, sollen ausgeflogen werden. Möglicherweise mehr.

Hilfsorganisationen sehen allerdings die amerikanischen Adoptionsmethoden insgesamt kritisch. "Dort kann man Kinder ja sogar aus dem Katalog aussuchen", kritisiert Michael Heuer von der Organisation Terre des Hommes. Aufgrund der geografischen Nähe sei es auch wahrscheinlicher, dass illegal ausgereiste Kinder in den USA als in Europa landen, glaubt Heuer. Die vorübergehende Evakuierung von Kindern ins Ausland, wo ihr Status dann geklärt werden soll, hält er für einen "tollkühnen Ansatz". Das Erzbistum Miami hat die Regierungen in Washington und in Port-au-Prince bereits bedrängt, anscheinend verwaiste Kinder in temporäre Gruppenheime in Südflorida auszufliegen. Laut US-Medienberichten sollen bis zu 14.000 Kinder aufgenommen werden.

Vorhersehbar sind Erdbeben nicht, Doch der Mensch kann lernen, sich anzupassen. Von Rüdiger Schacht © Jewel Samad/AFP/Getty Images


Die Entwicklungsdirektorin der Organisation SOS Children, Kathie Neal, kritisierte auch den Fall der neun in die Niederlande ausgeflogenen Kinder, für die noch keine Adoptiveltern gefunden waren und die zunächst in Pflegefamilien unterkommen. "Es ist besser für diese Kinder, mit anderen Waisen zusammen zu sein, die ihre Erfahrungen teilen", meint Neal. Das mehrfache Herausreißen aus ihrer gewohnten Umgebung könne zu einer noch größeren psychischen Belastung führen.

Der Sprecher von Unicef Deutschland, Rudi Tarneden, weist außerdem darauf hin, dass viele der sogenannten Waisenkinder gar keine Vollwaisen sind. In den UN-Statistiken, in denen von bis zu 350.000 Waisenkindern schon vor dem Beben die Rede ist, würden alle Kinder gezählt, die ein Elternteil verloren hätten, aber damit keineswegs Vollwaisen seien. Unicef hat in Haiti starke Kontrollen an Grenzen und an Flughäfen angeregt, um die Papiere ausreisender Kinder zu prüfen. Im Land besucht die Organisation Lazarette, Kinderheime und Lager, um unbegleitete Kinder zu identifizieren und zu registrieren. Die Angaben werden in einer Datenbank gespeichert. Eine Hotline für Eltern, die ihre Kinder suchen, wurde eingerichtet. Und nach Angaben Tarnedens soll am Freitag ein erstes Schutzzentrum eröffnet werden, in dem etwa 1000 Kinder unterkommen können.

Auch die Organisation SOS Kinderdorf hat eine ihrer Schulen in Haiti zu einem Auffanglager umfunktioniert, in dem bis zu 500 Kinder unterkommen können. Sprecherin Doris Kirchebner betont, dass viele Kinder in haitischen Heimen sogenannte Sozialwaisen sind, die aus zerrütteten Familien kommen oder von ihnen nicht ernährt werden können. Und damit keine Kandidaten für eine Adoption ins Ausland sind. Kirchebner rät Menschen, die helfen wollen, Patenschaften für Kinder in Haiti zu übernehmen.

Erschienen im Tagesspiegel