Zerstörung in Haiti Nachbeben gefährden Wiederaufbau

Die Situation für die Erdbebenopfer bessert sich langsam. Der Wiederaufbau Haitis dürfte jedoch sehr viel länger dauern – und von vielen Nachbeben beeinträchtigt werden.

Kleine Hoffnungsschimmer: Die Versorgung der Überlebenden in Haiti wird langsam besser

Kleine Hoffnungsschimmer: Die Versorgung der Überlebenden in Haiti wird langsam besser

Seit Tagen wird Haiti immer wieder von kleineren Erdstößen erschüttert – und diese Serie von Nachbeben wird nach Ansicht amerikanischer Experten noch Monate, vielleicht sogar Jahre andauern. Zwar würden die Abstände zwischen den einzelnen Beben mit der Zeit größer. Nach wie vor drohten in den kommenden Monaten aber auch Erschütterungen mit großem Zerstörungspotenzial, heißt es in einer Lage-Einschätzung der Erdbebenbehörde USGS.

Demnach wird es in der Region in den nächsten 30 Tagen mit einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit zu einem oder mehr Beben der Stärke 5,0 oder darüber kommen. Jedes Beben dieser Stärke könne weitere Schäden anrichten, vor allem an bereits beschädigten Gebäuden. Die Bewohner Haitis und die dort arbeitenden Rettungs- und Hilfskräfte sollten sich jederzeit der Gefahr bewusst sein und wissen, "was zu tun ist, wenn der Boden zu schwanken beginnt", heißt es in dem USGS-Bericht. Die Gefahr starker Erdbeben müsse auch langfristig in Betracht gezogen werden, so etwa beim Wiederaufbau der zerstörten Häuser und Infrastruktur in Haiti.

Anzeige
Warten auf das nächste Beben
Vorhersehbar sind Erdbeben nicht, Doch der Mensch kann lernen, sich anzupassen. Von Rüdiger Schacht

Vorhersehbar sind Erdbeben nicht, Doch der Mensch kann lernen, sich anzupassen. Von Rüdiger Schacht

Nach Ansicht von Hilfsorganisationen wird der Wiederaufbau äußerst langwierig sein. "Die Menschen müssen in einem Zeitrahmen von zehn Jahren denken", sagte der Leiter der Organisation Habitat for Humanity, Jonathan Reckford. Deshalb sei eine nachhaltige internationale Hilfe erforderlich. Reckford, der sich in Haiti ein Bild von der Lage gemacht hatte, sprach von "einer der schlimmsten Zerstörungen, die ich jemals gesehen habe".

Die Diskussion über den Wiederaufbau des schwer zerstörten Karibikstaates ist in vollem Gang. Nach Ansicht des UN-Sondergesandten Bill Clinton sind dafür vor allem Jobs notwendig. "Die USA haben mit solchen Programmen große Erfahrung in Nahost und in Afghanistan", sagte der frühere US-Präsident. Den Haitianern müsse wieder ein Grund zur Hoffnung gegeben werden. "Es ist wichtig, den jungen Leuten etwas Positives zu geben, an dem sie sich festhalten können. Viele Haitianer wollen mitmachen beim Aufbau ihres Landes. Geben wir ihnen diese Chance!" Clinton begrüßte das Programm Cash for Work der Vereinten Nationen (UN), bei dem die Haitianer, die Trümmer räumen oder Straßen ausbessern, mit 5 Dollar (3,50 Euro) am Tag entlohnt werden.

Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, forderte für Haiti Wiederaufbauhilfen nach dem Vorbild des Marshall-Plans. "Ich bin überzeugt, dass Haiti – das auf unglaubliche Weise von vielerlei getroffen wurde – etwas Großes braucht", sagte er und kündigte an, dass der IWF von der haitianischen Regierung für einen geplanten Kredit in Höhe von 100 Millionen Dollar zumindest bis Ende kommenden Jahres keine Zinsen verlangen will.

Die Weltbank kündigte ähnliche Schritte an und wird Haiti für fünf Jahre den Schuldendienst erlassen. Außerdem sucht die Organisation nach Möglichkeiten, ganz auf die Rückzahlung der gegenwärtigen Schulden von 38 Millionen Dollar verzichten zu können. Haiti bekäme dann vier Prozent seiner gesamten Auslandsschulden erlassen. Zuvor hatte die Weltbank angekündigt, zusätzlich 100 Millionen Dollar Nothilfe für den bitterarmen Karibikstaat einzuplanen.

Angst vor den Toten
Die Haitianer verscharren ihre Toten. Es droht ein nationales Trauma. Von Sven Stockrahm

Die Haitianer verscharren ihre Toten. Es droht ein nationales Trauma. Von Sven Stockrahm

Die Soforthilfe erreicht inzwischen immer mehr Bedürftige. Allerdings ist nach Angaben des Roten Kreuz die Verteilung der Hilfsgüter vielerorts immer noch äußerst schwierig. Die Deutsche Welthungerhilfe berichtet von Tumulten, als ihre Helfer versucht hätten, Bohnen, Reis und Salz zu verteilen. Junge Männer hätten Frauen und Kinder abgedrängt und die Hilfsgüter geraubt.

Nach Ansicht von Präsident René Préval übernehmen nun die haitianischen Behörden selbst wieder die Kontrolle über die Lage. "Es ist schwer, so zu arbeiten wie vorher, aber wir sind dabei, wieder die Kontrolle zu übernehmen", sagte Präsident René Préval. Glücklich zeigte sich Préval über die Bergung von Paul Dennis. Der schon totgesagte haitianische Justizminister hat die Katastrophe überlebt.

 
Leser-Kommentare
    • Freddo
    • 23.01.2010 um 0:44 Uhr

    Im französischen Fernsehen war immerhin von 20 Dollar pro Tag die Rede. Wo liegt der Irrtum? Jedenfalls schiene mir die Höhe der angebotenen Entlohnung wohl eine Diskussion wert, wenn man die Leute am (Wieder)aufbau ihrer Heimat interessieren will. Wobei man auch wissen müsste, was man in Haîti (oder in diesem oder jenem Teil des Landes) mit 20 oder eben 5 (!!) Dollar pro Tag bezahlen kann. Könnte dieser Punkt nicht entscheidend sein auf dem Weg von der totalen Unsicherheit zu so etwas wie good douvernance?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service