ZEIT ONLINE: Was wissen Sie über die Situation in Haiti?

Paul Bendix: Es ist schwer, detaillierte Informationen zu bekommen. Wir wissen, dass es ein sehr ernsthaftes Erdbeben gegeben hat, kurz vor Sonnenuntergang gestern. Wasser und Strom sind sofort ausgefallen, die Rettungsarbeiten begannen deshalb in völliger Dunkelheit. Wegen des Stromausfalls funktionieren die Telekommunikationsverbindungen nach Haiti immer noch nicht. Unseren Zahlen zufolge ist knapp unter eine Million Menschen betroffen, Tausende sind verschüttet. Wie viele Menschen tot oder verletzt sind, wissen wir noch nicht. Aber klar ist, dass es sich um eine sehr gravierende Katastrophe handelt.

ZEIT ONLINE: Welche Regionen sind neben der Hauptstadt Port-au-Prince betroffen?

Bendix: Das Beben traf vor allem die Hauptstadt. Der Präsidentenpalast und das örtliche UN-Büro sind stark beschädigt. Insgesamt dürften die Schäden besonders schwer sein, weil das Gebiet so dicht besiedelt ist. Wenn zehnstöckige Hochhäuser zusammenbrechen, ist den Menschen im Erdgeschoss kaum zu helfen. Hätte sich das Beben auf dem Land ereignet, wo die Besiedelung dünner ist, wäre die Zahl der Opfer wohl deutlich niedriger gewesen. Andererseits ist die Hauptstadtregion für Hilfsorganisationen leichter zugänglich.

ZEIT ONLINE: Was unternehmen Sie jetzt, um zu helfen?

Bendix: Zunächst versuchen wir, so schnell wie möglich detailliertere Informationen zu bekommen. Der Kollege aus dem New Yorker Büro ist schon unterwegs nach Port-au-Prince. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es dort auf dem Flughafen aussieht.

ZEIT ONLINE: Ist der Flughafen derzeit überhaupt in Betrieb?

Bendix: Auch das wissen wir nicht. Jedenfalls wird der Kollege auf allen zur Verfügung stehenden Wegen versuchen, so nah wie möglich an das Bebengebiet heranzukommen. Oxfam hatte noch Glück: Unsere Mitarbeiter haben die Katastrophe wohlbehalten überstanden, unser Büro ist intakt geblieben. Weil unser Nothilfezentrum für die ganze Region in Port-au-Prince ist, sind wir in Haiti sehr gut ausgestattet. In Panama haben wir Lager für Trinkwasser und weiteres Material, das wir für Hygienemaßnahmen benötigen, etwa zum Bau von Latrinen und Waschgelegenheiten. Das wird schon bereitgestellt. So können wir viel schneller am Ort sein, als wenn sich das Beben beispielsweise in Südchile ereignet hätte.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Hilfe für die Verschütteten, Nahrungsmitteln, Decken?

Bendix: Vor allem anderen muss man natürlich versuchen, die Verschütteten zu retten. Doch dazu können wir nichts beitragen, unser Part beginnt erst danach. Wir konzentrieren uns auf Hygiene und Trinkwasser, und es ist wichtig, beides bereitzustellen. Andere helfen mit Lebensmitteln, geben medizinische Hilfe, bauen Lager, sogar Schulen für die obdachlosen Kinder und Jugendlichen, wenn die Familien langfristig nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Die UN sorgt dafür, dass alles koordiniert wird.