Erdbeben in Haiti "Auch im Chaos sind Menschen ungeheuer hilfsbereit"
Aus Haiti wird von Ausschreitungen berichtet. Ein Reflex der Medien, sagt der Katastrophenforscher Streitz. Und er stellt die Frage: Ist es Plünderung, wenn Hungernde Essen aus Kaufhäusern holen?
© Jewel Samad/AFP/Getty Images

Erdbebenopfer stehen in Port-au-Prince an, um Wasser zu holen
ZEIT ONLINE: Herr Streitz, aus Haiti wird von Gewalt und Plünderungen berichtet. Terre des Hommes warnt vor Kindesentführungen. Ist das der normale Horror nach Katastrophen? Oder muss man davon ausgehen, dass die Gewalt schnell in die Medien gelangt, aber gar nicht die Regel ist?
Willi Streitz: Man muss sehr aufpassen mit solchen Meldungen. Die Situation ist chaotisch. Wenn man mehr Abstand und genauere Zahlen hat, dann hat man vielleicht in einem Jahr ein klareres Bild, was wirklich abgelaufen ist. Jetzt kann man nur sagen: Die Abweichungen von der Regel sind immer interessanter, deshalb erfahren wir von einzelnen Gewaltausbrüchen und Plünderungen schneller als von dem, was unbeobachtet stattfindet und weniger aufregend ist. Denn Menschen sind erfahrungsgemäß selbst in einem solchen Chaos ungeheuer hilfsbereit, improvisieren, um ihre Situation selbst zu verbessern, suchen sich Hilfe. Sie suchen aber auch nach Gerechtigkeit und nach den Schuldigen
ZEIT ONLINE: Was dann wirklich zu Aufruhr und Plünderungen führen kann?
Streitz: Auch damit muss man vorsichtig sein. Wenn Menschen in dieser Situation improvisieren, ist das nicht erstaunlich. Wenn die Hungernden sich Lebensmittel aus Kaufhäusern holen, soll man dann von Plünderung reden? Und soll man wirklich in jedem Fall das übliche Recht durchsetzen? Sicher kann es auch vorkommen, dass Menschen sich bereichern wollen. Nur weil wir von hier aus im Nebel stochern, heißt das nicht, dass da gar nichts ist. Echte Plünderung ist aber viel seltener, als man meint.
ZEIT ONLINE: Sind wir also von Vorurteilen getrieben?
Streitz: In Extremsituationen wird von Menschen häufig ein bestimmtes Verhalten erwartet: Panik, Instabilität, Egoismus, Schwarzmarkt, Plünderung. Deshalb schauen wir dort zuerst hin und übersehen die häufigeren Situationen der Nachbarschaftshilfe und gegenseitigen Unterstützung. Außerdem gibt es starke Wahrnehmungsunterschiede, verschiedene Bedürfnisse und Handlungsanreize der einzelnen Gruppen in solchen Situationen. Die Medien sehen das Ereignis aus dem Blickwinkel der Quote. Die Helfer stehen extrem unter Stress, sie werden nicht nur mit unendlichem Leid konfrontiert, sondern in eine andere Kultur geworfen. Und die sogenannten Experten äußern sich, ohne wissen zu können. Später in der Erinnerung, kann es sein, dass wir das Ereignis komplett umbewerten.
ZEIT ONLINE: Wie das?
Streitz: Wenn lange nach dem Ereignis ritualisierte Handlungen einsetzen, Trauer- und Gedenkfeiern beispielsweise, findet vielleicht eine Verzerrung in die andere Richtung statt. Hilfsbereitschaft und Improvisationsgabe der Menschen werden dann überhöht, während jetzt diese Eigenschaften noch von Panik und Unordnung überschattet werden.
ZEIT ONLINE: Gibt es eine bestimmte Dynamik, wie Menschen nach einem solchen Erdbeben überleben?
Streitz: Direkt nach der Katastrophe findet ein Verlust der Kultur statt. Denn sie sind ganz aufs Körperliche, auf ihre Grundbedürfnisse zurückgeworfen: Ich will nicht verbluten, nicht verdursten, nicht verhungern. Die Kultur sagt uns im Alltag, wie wir uns verhalten sollen. Das geht schlagartig verloren. Die Regeln des Alltags greifen desto schneller wieder, je schneller es gelingt, die Grundbedürfnisse wieder zu befriedigen. Dann kann die Kultur zurückkehren.
- Datum 20.01.2010 - 14:49 Uhr
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Die Leute dort können natürlich nicht 6 Tage ohne Wasser und Nahrung auskommen. Niemand würde tatenlos zusehen wie seine Kinder verhungern und verdursten, egal ob auf Haiti oder hier.
Haiti, Haiti, Haiti...
Ist ja interessant, wie Themen ausgeschlachtet werden können.
Das vor zwei,drei Jahren, als die Nahrungsmittelpreise enrom gestiegen sind, die Menschen in Haiti aus Lehm "Lehmplätzchen" zum essen gemacht haben, da sich kaum jemand etwas anderes richtiges zu essen leisten konnte, war nur eine Randnotiz wert.
Jetzt wo, es den Menschen noch ein bischen schlechter geht, tut man so, als würde den ihr Schicksal auf einmal alle interesssieren. Davor hat es das wohl nicht getan? Oder ist es ein großer Unterschied nichts zu essen oder getrockneten Erdboden?
Eigentlich müsste man meinen ist es ja schon eh ein Fortschritt, das inzwischen darüber berichtet wird. Liegt wohl aber auch nur an der Nähe zu den USA und dem Interesse weiterer Ländern daran, ansonsten wäre es ohne westlichen Zusammenhang doch auch egal gewesen.
Die Katastrophen-Spenden-Sache ist doch auch eine rießige Geldmachinerie um nicht zu sagen Geldmacherei. Schön für die gebeutelte Frachtfliegerbranche! Wie viel kommt den letztendlich dort aber an?
Wer kann sich eigentlich noch an das Erdbeben in Pakistan vor paar Jahren erinnern? Da sind auch viele gestorben. Über 30.000 Menschen. Aber da es ja wohl alle eh "Terroristen" waren, ist das doch gleich wieder untergeangen
Diese Heuchlerei tue ich mir nicht mehr an!
Der Vergleich der Atommacht Pakistan mit Haiti ist etwas gewagt.
Haiti:
BIP (2007) ca. 0,005435 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 9 Mio
http://de.wikipedia.org/w...
Pakistan:
BIP (2006) ca. 97,608 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 172.8 Mio.(Mitte 2008)
http://de.wikipedia.org/w...
Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten.
Der Vergleich der Atommacht Pakistan mit Haiti ist etwas gewagt.
Haiti:
BIP (2007) ca. 0,005435 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 9 Mio
http://de.wikipedia.org/w...
Pakistan:
BIP (2006) ca. 97,608 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 172.8 Mio.(Mitte 2008)
http://de.wikipedia.org/w...
Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten.
Der Vergleich der Atommacht Pakistan mit Haiti ist etwas gewagt.
Haiti:
BIP (2007) ca. 0,005435 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 9 Mio
http://de.wikipedia.org/w...
Pakistan:
BIP (2006) ca. 97,608 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 172.8 Mio.(Mitte 2008)
http://de.wikipedia.org/w...
Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten.
"Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten."
sicherlich "soll" sie das nicht. tut sie aber realiter, wenn jede woche eine neue sau durchs mediendorf getrieben wird. so verliert nämlich politik die motivation, langfristig probleme anzugehen.
helden sind in so einem umfeld dann nicht mehr diejenigen, die in mühsamem kleinklein versuchen, machtgefälle und strukturen der unterentwicklung aufzubrechen, sondern diejenigen, die die meisten softdrinks aus hubschraubern schmeißen und dabei hübsch in die kamera gucken.
"Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten."
sicherlich "soll" sie das nicht. tut sie aber realiter, wenn jede woche eine neue sau durchs mediendorf getrieben wird. so verliert nämlich politik die motivation, langfristig probleme anzugehen.
helden sind in so einem umfeld dann nicht mehr diejenigen, die in mühsamem kleinklein versuchen, machtgefälle und strukturen der unterentwicklung aufzubrechen, sondern diejenigen, die die meisten softdrinks aus hubschraubern schmeißen und dabei hübsch in die kamera gucken.
"Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten."
sicherlich "soll" sie das nicht. tut sie aber realiter, wenn jede woche eine neue sau durchs mediendorf getrieben wird. so verliert nämlich politik die motivation, langfristig probleme anzugehen.
helden sind in so einem umfeld dann nicht mehr diejenigen, die in mühsamem kleinklein versuchen, machtgefälle und strukturen der unterentwicklung aufzubrechen, sondern diejenigen, die die meisten softdrinks aus hubschraubern schmeißen und dabei hübsch in die kamera gucken.
Sie haben Recht! Die Haitianer wollen bestimmt weniger Rettungsmannschaften und Nahrungsmittel verteilender Hilfer sehen, dafuer aber mehr hochdotierten linken Konferenzgaenger, die tapfer die "Strukturen der Unterentwicklung" in Angriff nehmen...
Sie haben Recht! Die Haitianer wollen bestimmt weniger Rettungsmannschaften und Nahrungsmittel verteilender Hilfer sehen, dafuer aber mehr hochdotierten linken Konferenzgaenger, die tapfer die "Strukturen der Unterentwicklung" in Angriff nehmen...
holt sich jemand in der Not Mundraub um seinen knurrenden Magen zu füllen unter diesen Umständen, ist das verständlich.
Endlich mal ein Artikel mit Durchblick. Danke Hr. Dr. Streitz.
Ich finde es unverantwortlich, wenn in Anbetracht der Lage
in den Medien immer wieder von Anarchie
und Pluenderungen gesprochen wird.
Wie bei jeder Katastrophe geht es geht in Haiti um’s pure
Ueberleben. Mit Anarchie und Pluenderungen hat das nichts zu tun.
Erst kommt das Fressen und dann die Moral!
Stellen Sie sich vor, alles ist kaputt, sie sitzen mit ihrer Familie auf der Strasse, haben längere Zeit nichts zu trinken und zu essen gehabt, es ist auch nicht mit Hilfe zu rechnen.
Ihnen Gegenüber steht ein intakter Aldi oder Lidl.
Selbstverständlich können Sie sich Waren nehmen, damit Sie und Ihre Familie überleben können.
Das ist keine Plünderung, sondern fällt allenfalls unter Mundraub. Die Fernehgeräte müssen sie allerdings stehen lassen, damit werden Sie ohne Stron ohnehin nichts anfangen können.
Sie haben Recht! Die Haitianer wollen bestimmt weniger Rettungsmannschaften und Nahrungsmittel verteilender Hilfer sehen, dafuer aber mehr hochdotierten linken Konferenzgaenger, die tapfer die "Strukturen der Unterentwicklung" in Angriff nehmen...
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