Erdbeben in Haiti "Auch im Chaos sind Menschen ungeheuer hilfsbereit"Seite 2/2
ZEIT ONLINE: Wie geht man damit um?
Streitz: Lebensmittel und Medikamente müssen schnell und fair verteilt werden. Man braucht viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Menschen, sollte genau hinschauen, auf die Menschen einwirken, statt mit Waffengewalt Recht durchzusetzen. Man muss dafür sorgen, dass die Mächtigen sich nicht zu viel abzwacken von den Hilfsgütern. Aber manchmal müssen Hilfsorganisationen sogar korrupte Strukturen bedienen, damit die Hilfe überhaupt ankommen darf.
ZEIT ONLINE: Wenn die Versorgung so verzögert stattfindet, wie jetzt in Haiti, gibt es bestimmte Bedingungen, unter denen Menschen eher wütend und aggressiv werden oder apathisch und resigniert?
Streitz: Das hängt wie überall auch vom Einzelnen ab. Manche Menschen stecken das weg, andere leiden ihr Leben lang unter posttraumatische Störungen, Helfer wie Betroffene. Die Extreme sind jedoch seltener als die Menschen, die irgendwo dazwischen überleben. Die meisten landen wieder im normalen Alltag. Aber je stressiger die Alltagsbewältigung ist, und in Haiti war sie ja schon vor der Katastrophe stressig, desto weniger kann sich der Einzelne das Leiden leisten. Wie viele Menschen im Alltag untergehen werden, werden wir nicht mehr merken. Weil wir längst nicht mehr nach Haiti schauen.
ZEIT ONLINE: Kann es nach der Grundversorgung eine psychologische Betreuung für die Traumatisierten in Haiti geben?
Streitz: Eine Rundum-Psychobetreuung – das ist unsere europäische Brille. Das bedeutet nicht, dass die Leute in Haiti nicht unter ihrem Trauma leiden. Aber das Bedürfnis, nicht zu verhungern, ist viel größer, als seelisch zu genesen. Vielleicht lässt sich jetzt mit den vielen Spendengeldern das ein oder andere Projekt dieser Art etablieren. Aber flächendeckend, bei der Menge der betroffenen Menschen?
ZEIT ONLINE: Haben Sie denn nicht die Hoffnung, dass Haiti durch das Erdbeben längerfristig mehr Aufmerksamkeit und Hilfe bekommt?
Streitz: Die Prognosen sind in diesem Stadium schwierig. In Zukunft wird es sicherlich viele Hilfsprojekte geben und es wird dadurch eine Menge Gutes passieren. Man muss dabei das Zeitfenster für Veränderungen nutzen. Wie viel von der Hilfe bleiben wird, wenn die Aufgeregtheit sich gelegt hat, und welche Projekte nachhaltig wirken, wird erst die Zukunft zeigen. Außerdem: Um wirklich etwas für die armen Länder zu ändern, müssten wir erheblich von unserem Lebensstandard herunter. In Haiti wird es daher auch nur die Rückkehr zum normalen Elend geben.
Dr. Willi Streits ist Soziologe und Mitarbeiter der Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel. Er forscht zum Verhalten von Menschen in Extremsituationen.Die Fragen stellte Parvin Sadigh.
- Datum 20.01.2010 - 14:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Die Leute dort können natürlich nicht 6 Tage ohne Wasser und Nahrung auskommen. Niemand würde tatenlos zusehen wie seine Kinder verhungern und verdursten, egal ob auf Haiti oder hier.
Haiti, Haiti, Haiti...
Ist ja interessant, wie Themen ausgeschlachtet werden können.
Das vor zwei,drei Jahren, als die Nahrungsmittelpreise enrom gestiegen sind, die Menschen in Haiti aus Lehm "Lehmplätzchen" zum essen gemacht haben, da sich kaum jemand etwas anderes richtiges zu essen leisten konnte, war nur eine Randnotiz wert.
Jetzt wo, es den Menschen noch ein bischen schlechter geht, tut man so, als würde den ihr Schicksal auf einmal alle interesssieren. Davor hat es das wohl nicht getan? Oder ist es ein großer Unterschied nichts zu essen oder getrockneten Erdboden?
Eigentlich müsste man meinen ist es ja schon eh ein Fortschritt, das inzwischen darüber berichtet wird. Liegt wohl aber auch nur an der Nähe zu den USA und dem Interesse weiterer Ländern daran, ansonsten wäre es ohne westlichen Zusammenhang doch auch egal gewesen.
Die Katastrophen-Spenden-Sache ist doch auch eine rießige Geldmachinerie um nicht zu sagen Geldmacherei. Schön für die gebeutelte Frachtfliegerbranche! Wie viel kommt den letztendlich dort aber an?
Wer kann sich eigentlich noch an das Erdbeben in Pakistan vor paar Jahren erinnern? Da sind auch viele gestorben. Über 30.000 Menschen. Aber da es ja wohl alle eh "Terroristen" waren, ist das doch gleich wieder untergeangen
Diese Heuchlerei tue ich mir nicht mehr an!
Der Vergleich der Atommacht Pakistan mit Haiti ist etwas gewagt.
Haiti:
BIP (2007) ca. 0,005435 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 9 Mio
http://de.wikipedia.org/w...
Pakistan:
BIP (2006) ca. 97,608 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 172.8 Mio.(Mitte 2008)
http://de.wikipedia.org/w...
Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten.
Der Vergleich der Atommacht Pakistan mit Haiti ist etwas gewagt.
Haiti:
BIP (2007) ca. 0,005435 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 9 Mio
http://de.wikipedia.org/w...
Pakistan:
BIP (2006) ca. 97,608 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 172.8 Mio.(Mitte 2008)
http://de.wikipedia.org/w...
Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten.
Der Vergleich der Atommacht Pakistan mit Haiti ist etwas gewagt.
Haiti:
BIP (2007) ca. 0,005435 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 9 Mio
http://de.wikipedia.org/w...
Pakistan:
BIP (2006) ca. 97,608 Milliarden US-Dollar
Einwohnerzahl ca. 172.8 Mio.(Mitte 2008)
http://de.wikipedia.org/w...
Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten.
"Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten."
sicherlich "soll" sie das nicht. tut sie aber realiter, wenn jede woche eine neue sau durchs mediendorf getrieben wird. so verliert nämlich politik die motivation, langfristig probleme anzugehen.
helden sind in so einem umfeld dann nicht mehr diejenigen, die in mühsamem kleinklein versuchen, machtgefälle und strukturen der unterentwicklung aufzubrechen, sondern diejenigen, die die meisten softdrinks aus hubschraubern schmeißen und dabei hübsch in die kamera gucken.
"Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten."
sicherlich "soll" sie das nicht. tut sie aber realiter, wenn jede woche eine neue sau durchs mediendorf getrieben wird. so verliert nämlich politik die motivation, langfristig probleme anzugehen.
helden sind in so einem umfeld dann nicht mehr diejenigen, die in mühsamem kleinklein versuchen, machtgefälle und strukturen der unterentwicklung aufzubrechen, sondern diejenigen, die die meisten softdrinks aus hubschraubern schmeißen und dabei hübsch in die kamera gucken.
"Eine heuchlerische, mediale Aufmerksamkeit soll aber doch nicht davon abhalten, überfällige Hilfe zu leisten."
sicherlich "soll" sie das nicht. tut sie aber realiter, wenn jede woche eine neue sau durchs mediendorf getrieben wird. so verliert nämlich politik die motivation, langfristig probleme anzugehen.
helden sind in so einem umfeld dann nicht mehr diejenigen, die in mühsamem kleinklein versuchen, machtgefälle und strukturen der unterentwicklung aufzubrechen, sondern diejenigen, die die meisten softdrinks aus hubschraubern schmeißen und dabei hübsch in die kamera gucken.
Sie haben Recht! Die Haitianer wollen bestimmt weniger Rettungsmannschaften und Nahrungsmittel verteilender Hilfer sehen, dafuer aber mehr hochdotierten linken Konferenzgaenger, die tapfer die "Strukturen der Unterentwicklung" in Angriff nehmen...
Sie haben Recht! Die Haitianer wollen bestimmt weniger Rettungsmannschaften und Nahrungsmittel verteilender Hilfer sehen, dafuer aber mehr hochdotierten linken Konferenzgaenger, die tapfer die "Strukturen der Unterentwicklung" in Angriff nehmen...
holt sich jemand in der Not Mundraub um seinen knurrenden Magen zu füllen unter diesen Umständen, ist das verständlich.
Endlich mal ein Artikel mit Durchblick. Danke Hr. Dr. Streitz.
Ich finde es unverantwortlich, wenn in Anbetracht der Lage
in den Medien immer wieder von Anarchie
und Pluenderungen gesprochen wird.
Wie bei jeder Katastrophe geht es geht in Haiti um’s pure
Ueberleben. Mit Anarchie und Pluenderungen hat das nichts zu tun.
Erst kommt das Fressen und dann die Moral!
Stellen Sie sich vor, alles ist kaputt, sie sitzen mit ihrer Familie auf der Strasse, haben längere Zeit nichts zu trinken und zu essen gehabt, es ist auch nicht mit Hilfe zu rechnen.
Ihnen Gegenüber steht ein intakter Aldi oder Lidl.
Selbstverständlich können Sie sich Waren nehmen, damit Sie und Ihre Familie überleben können.
Das ist keine Plünderung, sondern fällt allenfalls unter Mundraub. Die Fernehgeräte müssen sie allerdings stehen lassen, damit werden Sie ohne Stron ohnehin nichts anfangen können.
Sie haben Recht! Die Haitianer wollen bestimmt weniger Rettungsmannschaften und Nahrungsmittel verteilender Hilfer sehen, dafuer aber mehr hochdotierten linken Konferenzgaenger, die tapfer die "Strukturen der Unterentwicklung" in Angriff nehmen...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren