In den USA und Australien, in England, Frankreich, Österreich und in Irland – und jetzt auch in Berlin: Berichte über Übergriffe Geistlicher auf Schutzbefohlene häufen sich. Vor allem Katholiken sind betroffen. Die Bischofskonferenz reagiert dabei oft unangemessen.

Welche Fälle von sexuellem Missbrauch gab es bisher in der katholischen Kirche?

Nachrichten wie diese gibt es mittlerweile regelmäßig: Vor einem Monat meldeten irische Zeitungen, dass zwei Bischöfe aus der Erzdiözese Dublin ihren Rücktritt angeboten haben, weil sie 30 Jahre lang Misshandlungen von Kindern durch Geistliche vertuscht haben sollen. Untersuchungen im Auftrag der Regierung hatten aufgedeckt, dass tausende Zöglinge in katholischen Kinderheimen und anderen kirchlichen Einrichtungen über Jahre von Priestern vergewaltigt und sexuell gedemütigt wurden. Auch in den USA und Australien, in England, Frankreich und Österreich sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Fälle von Kindesmissbrauch durch Geistliche bekannt geworden. Allein 2006 wurden in den USA 714 glaubhafte Beschuldigungen gegen 448 Priester erhoben.

Der Psychologe Wunibald Müller, der das Recollectio-Haus Münsterschwarzach leitet und sich seit Jahren mit dem Thema befasst, geht davon aus, dass sich die Situation in Deutschland nicht wesentlich von der in anderen Ländern unterscheidet. Er schätzt den Anteil der katholischen Priester in Deutschland, die Kinder oder Jugendliche sexuell missbrauchen, auf etwa zwei bis vier Prozent aller Kleriker – also auf 350 bis 700. Die Zahl der bekannt gewordenen Fälle ist in Deutschland allerdings verschwindend gering, nach inoffiziellen Schätzungen wurden in den vergangenen Jahren etwa zwei Dutzend Kleriker bei den Bistümern angezeigt, unter anderem in Regensburg, Bamberg und kürzlich in Aachen. 

Wie ist die katholische Kirche damit umgegangen? Welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?

Papst Johannes Paul II. hat 2001 erstmals die Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester um Vergebung gebeten und Aufklärung gefordert. Auch Papst Benedikt XVI. und die Deutsche Bischofskonferenz haben sich mehrmals bei Missbrauchsopfern entschuldigt. 2002 haben die deutschen Bischöfe erstmals "Leitlinien bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche" verabschiedet. "Die Opfer werden in ihrer Entwicklung schwer geschädigt", heißt es in der Einleitung. "Wenn ein Geistlicher sich an einem Kind oder Jugendlichen vergeht, verdunkelt er auch die christliche Botschaft und die Glaubwürdigkeit der Kirche."

Die Bischofskonferenz gab zu, dass in der Vergangenheit "häufig unangemessen reagiert" wurde. Zukünftig soll nun jeder Ortsbischof einen Beauftragten oder ein Gremium mit Psychologen, Ärzten, Juristen und Theologen für die Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen einsetzen. Jede Verdachtsäußerung soll "umgehend geprüft", der Bischof "sofort" unterrichtet und eine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet werden. Bei begründetem Verdacht soll die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden, Opfern und Angehörigen wird therapeutische Hilfe angeboten, die Öffentlichkeit wird informiert, verurteilte Täter werden nicht mehr dort eingesetzt, wo sie mit Kindern zu tun haben. Die verabschiedeten Richtlinien haben allerdings nur den Charakter von Selbstverpflichtungen. Hält sich ein Bischof nicht daran, steht er vielleicht in der Öffentlichkeit nicht gut da, aber kirchenintern hat das keine Folgen für ihn.

Nach Angaben der Bischofskonferenz haben mittlerweile alle 27 deutschen Diözesen einen Beauftragten zur Verfolgung von Missbrauchsfällen ernannt. Das Berliner Erzbistum hat 2003 den damals bei der Caritas tätigen und heutigen Dompropst Stefan Dybowski eingesetzt. In etlichen Bistümern gibt es auch die empfohlenen Gremien aus externen Psychologen und Juristen – allerdings oftmals nur auf dem Papier. In manchen Bistümern ist der ernannte Beauftragte unabhängig, in anderen nicht. Mal werden Staatsanwaltschaft und Öffentlichkeit informiert, mal nicht. Wie hellhörig man in einem Bistum in Bezug auf das Thema sexueller Missbrauch ist, ob zum Beispiel die Telefonnummer des Beauftragten auf der Internetseite des Bistums steht, so dass potenzielle Opfer wissen, an wen sie sich wenden können, das hängt davon ab, wie ernst der Ortsbischof das Thema nimmt. Und das ist eben unterschiedlich.

"Es mangelt nicht an gut gemeinten Worten, aber nach wie vor an einem Konzept für ein konsequentes und strukturiertes Vorgehen", kritisiert deshalb Helmut Schüller, der langjährige Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Um strukturiert vorzugehen, müssten die Bischöfe zusammenarbeiten, sagt Schüller, denn sonst könne es leicht passieren, dass auffällig gewordene Priester einfach in ein anderes Bistum wechseln, wo das Thema nicht so hoch gehängt wird. Aber mit der Zusammenarbeit würden sich Bischöfe immer noch sehr schwertun. Und der Vatikan könne zwar in jedes einzelne Bistum hineinregieren, aber nicht die Bischöfe zur Kooperation zwingen.

Nach Schüllers Ansicht wird zudem bei der Auswahl der Priesteramtsanwärter zu wenig darauf geachtet, welches Verhältnis ein Kandidat zu seiner Sexualität hat und ob es Probleme gibt, die sich dann unter dem Deckmantel des Zölibats auswachsen könnten. Da alle Diözesen in Westeuropa unter Priestermangel leiden, werde sich dieses Problem in Zukunft noch verschärfen, schätzt Schüller, da man froh sein wird, wenn sich überhaupt noch jemand bewirbt.