Los Angeles Mit dem Reisebus im Gang-Land

South LA erstreckt sich über mehrere Stadtteile im Süden von Los Angeles. Seit Jahrzehnten wird es von gewalttätigen Gangs terrorisiert. Doch ehemalige Gang-Mitglieder wollen die "No-Go-Area" für jedermann zugänglich machen – mit geführten Bustouren.

Graffiti-Sprayer im "Pico Union Graffiti Lab" in Los Angeles

Graffiti-Sprayer im "Pico Union Graffiti Lab" in Los Angeles

Alfred Lomas hat zu Gott gefunden. Seit seinem zwölften Lebensjahr war er Mitglied der als besonders brutal geltenden Florencia 13-Gang und einer von geschätzt 100.000 Angehörigen von über 500 verschiedenen Gangs in South LA. Die knapp 10.000 Polizisten im Süden von Los Angeles stehen diesem Ausmaß an Kriminalität machtlos gegenüber: Gangs waren in den vergangenen fünf Jahren für knapp 800 Morde, 22.000 Raubüberfälle und 500 Vergewaltigungen verantwortlich.

Lomas hat sich mittlerweile von seiner Gang losgesagt, er will, so sagt er, "reparieren, was wir zerstört haben" – mit großem sozialen Engagement, wozu seit Mitte Januar auch geführte Fahrten durch das "Gangland" gehören. Die Kosten betragen 100 Dollar pro Person für zwei Stunden im Bus. Die Betonung liegt auf "im Bus", denn Aussteigen gilt als zu gefährlich. Auch wenn der Gewinn in wohltätige Projekte fließen soll, bewegen sich die Bustouren in einer Grauzone zwischen Voyeurismus und den gesetzten, hehren Zielen: "Leben retten, Jobs schaffen, Gemeinden wieder aufbauen." 

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Wir treffen uns mit Lomas am Dream Center, einem monströsen ehemaligen Krankenhaus, in dem Pastor Matthew Barnett seit 15 Jahren Essen, Kleidung, Unterkunft, Schul- und Berufsausbildung anbietet. "Man muss sich das Recht, angehört zu werden, in dieser Gegend langsam verdienen", weiß er aus Erfahrung. Lomas verteilt für ihn seit vier Jahren Nahrungsmittelspakete. "Wer auch immer am regelmäßigsten im Leben eines Kindes auftaucht, übt am meisten Einfluss aus", meint der Pastor. Lomas habe sich seine Position durch Stetigkeit verdient – weil er länger mit seinem Essenswagen an den immer gleichen Straßenecken stehe als die meisten Drogendealer.
 

 Wir fahren am Gefängnis des Kreises Los Angeles vorbei, es ist das größte der Welt mit 20.000 auf mehrere Gebäude verteilten Insassen. Ganz in der Rolle des Touristenführers rattert Lomas die lange Liste der Hollywood-Stars und anderer Prominenter herunter, die hier eingesessen haben. Fred "Scorpio" Smith, früher Mitglied der Blood-Gang, und jetzt Mit-Organisator der Gang-Tours, verzieht keine Miene. "Insgesamt 13 Jahre habe ich hier verbracht", bekennt er. Scorpio ist 37.  

Der nächste Stopp: Hier war bis vor Kurzem das größte Graffiti in ganz Los Angeles zu sehen. Mit den vier Straßenblocks breiten Buchstaben "MTA" am betonierten Rand des Flusses namens Los Angeles (der heute nur noch ein traurigen Rinnsal ist), verewigte sich die Graffiti-Gruppe Metro Transit Assasins, deren Anführer festgenommen wurden. Gut 3,7 Millionen Dollar hat die Entfernung des riesigen Werkes gekostet. Denn die giftige Farbe durfte nicht ins Wasser – und damit letztlich ins Meer – gelangen. Lomas nimmt die Gelegenheit wahr, uns über die verschiedenen Arten von Graffiti-Tags aufzuklären. Er ist es nicht gewohnt, viel zu reden und lässt ein Video abspielen. So rollen wir professionell beschallt im klimatisierten Bus durch eine fremde Stadt.  

 "Willkommen in der ersten amerikanischen Stadt der Dritten Welt": Mit diesen Worten stellt Lomas die "Skid Row" als unsere nächste Station auf der Busrundfahrt vor. Es ist eine verwahrloste Gegend mit 10.000 Obdachlosen nahe des glitzernden Finanzzentrums von Los Angeles. Doch wer im Bus mit gemischten Gefühlen hofft, dies zum ersten Mal aus nächster Nähe zu sehen, wenn auch nur durch getönte Scheiben, der hat sich zu früh gefreut. Wir fahren am äußersten Rand daran vorbei – "aus Respekt vor den Bewohnern".

Die von Metallzäunen umgebenen, endlosen Sozialwohnblöcke haben nicht ohne Grund Gitter vor allen Fenstern. Fred "Scorpio" Smith ist hier aufgewachsen. "Man wird gar nicht offiziell rekrutiert, man wächst da einfach nahtlos rein." Schon in der Grundschule wisse man genau, welche Gang die eigene Nachbarschaft kontrolliere. In der High School verteidige man sie dann ganz selbstverständlich vor Kindern aus anderen Gegenden: "Da fängt der Kampf an, und man landet zum ersten Mal im Gefängnis."

 Es ist noch nicht lange her, da hätten sich Alfred Lomas und Fred Smith die Köpfe eingeschlagen. Hier im Florence-Firestone-Distrikt uferten die Bandenkriege zwischen schwarzen und Latino-Gangs so sehr aus, dass lokale Medien von "ethnischen Säuberungen" sprachen. Seit etwa zwei Jahren testet die Stadt Los Angeles nun einen neuen Ansatz: Mediatoren, zumeist frühere Gang-Mitglieder wie Smith und Lomas, werden recht erfolgreich zur Deeskalation eingesetzt. Inzwischen gibt es sogar eine offizielle Schule mit Diplom und Aussicht auf reguläres Gehalt als Gang Interventionist.

"Die Vereinten Nationen sollten sich mal anschauen, was wir hier machen."

Alfred Lomas

Doch das Vertrauen von Polizei und Gangs gleichermaßen zu gewinnen und zu wahren, ist eine hohe Kunst. Nicht allen gelingt das – einer der profiliertesten Mediatoren wurde erst kürzlich festgenommen. Lomas ficht das nicht an, er ist stolz auf das bisher Erreichte: "Die Vereinten Nationen sollten sich mal anschauen, was wir hier machen." Dass die Bustouren überhaupt statt finden können, ist einem Waffenstillstand zwischen den größten Gangs zu verdanken, den er mit ausgehandelt hat: "Hier ohne ausdrückliche Erlaubnis reinzufahren wäre glatter Selbstmord." Touristen von außerhalb mag die Gefahr allerdings kaum bewusst sein: Im Gegensatz etwa zu Teilen der Bronx in New York sieht South LA auf den ersten Blick zwar ärmlich, aber nicht beängstigend aus. Auch hier dominieren die typischen kleinen Holzhäuschen mit Vorgarten – Einschusslöcher fallen nur geübten Augen auf. "Bitte nicht aus dem Fenster fotografieren", warnt Lomas.
 

Unsere letzte Station: Das Pico Union Graffiti Lab, nicht viel mehr als ein ummauerter Parkplatz. Hier dürfen sich Jugendliche mit Spraydosen an den Wänden austoben. Sieben Tage lang sind ihre Werke zu sehen, bevor sie übermalt werden. "Das gibt es draußen für die Kids nicht, da können sie ja kaum etwas fertig sprayen", sagt Social Director Ricardo Guirrero. Seine Kunst- und Spielwiese für gefährdete Kinder wird weder von privaten Sponsoren, noch mit öffentlichen Geldern unterstützt. Durch die Kooperation mit den Gang-Tours erhofft sich Guirrero aber ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit.

Lomas hat große Pläne, die über die geführte Bustour hinausgehen: Irgendwann vielleicht ein Gang-Museum, eine Kunstgalerie für Graffiti und die Vergabe von Mikrokrediten, falls genügend Geld zusammen kommt. Schon jetzt hat er zehn Jobs mit seinem Projekt geschaffen. Doch seine Aktivitäten werden auch kritisch gesehen. "Ghettotainment" lautet das Urteil der Los Angeles Times. Melvin Johnson zuckt da mit den Schultern: "Natürlich sitzen Leute im Bus, die nur Fotos machen wollen und sich dann wieder in ihr nettes Leben begeben." Erst vor drei Monaten aus dem Gefängnis entlassen, zeigt sich Johnson, der früher Mitglied der East Coast Crips war, jetzt in einer offiziellen Jacke als Gang Interventionist: "Wer weiß, vielleicht ist ab und zu einer dabei, der sich nach der Tour hier engagieren will – dann war die Idee trotz allem richtig und gut."

 
Leser-Kommentare
  1. Herrlich wie immer gegen Google und Street-View als die Ausgeburt des Boesen gewettert wird. Andererseits haette die ZEIT-Redaktion aber offensichtlich keine huebschen Ansichten aus South LA zeigen koennen.

  2. 3. ...

    An Bang Lassi: Das Problem ist ja nicht, dass sich irgendwo einfach mal ein paar Leute gegenseitig niedermetzeln, weil sie ihr Territorium verteidigen wollen; das Problem ist, dass diese Leute nicht vom Himmel fallen wie in einem PlayStation-Spiel, sondern, dass sie in jungen Jahren aus allen möglichen Gründen dazu kommen, anstatt in der Schule zu sitzen, mit Drogen zu dealen, in Schlägereien zu geraten etc... und das ist nicht etwa die Lebensart eines bestimmten Volkes, sondern eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit, die politisch-historische, ökonomische und bildungspolitische Gründe (usw.) hat.
    Eine Haltung, frei nach dem Motto: "Ja, das is halt so, da haben wir doch nichts mit zu tun. Solange die unter sich bleiben, muss sich doch keiner beschweren."
    sehe ich als eine Beleidigung an gegenüber der Möglichkeit eines funktionierenden Gesellschaftssystems und insbesondere gegenüber den beteiligten Gangs selbst, deren Mitglieder sicher nicht auf die Welt gekommen sind und sich gesagt haben: "Ich will mich nicht bilden, ich will kein sicheres Dach über meinem Kopf und ich will auch nicht lange leben; stattdessen verkaufe ich lieber Crack, schlage ein paar Leute zusammen, verbringe die Hälfte meiner Jugend im Gefängnis und werde mit 30 erschossen, weil ich dann so wichtig und gefährlich bin, dass man mich unmöglich am Leben lassen kann."
    Sie können das maßlos übertrieben nennen, wenn Sie wollen. Sagen Sie das einem von denen ins Gesicht...

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    @menschengleicher

    Ich will in keinster Weise eine kalte Ideologie vertreten, deren Politik eine Umverteilung der Reichtümer von unten nach oben bewirkt, Bildung nur der Oberschicht ermöglicht und Slumbildung provoziert.
    Mein obiger Kommentar verharmlost dieses gravierende Problem bzw. geht darauf nicht ein, da gebe ich Ihnen Recht. Mein Anliegen war auch ein Anderes:

    Auf der Suche nach radikal (von der Wurzel her) alternativen Ansätzen zur Gesellschaftsordnung können die über Jahrtausende bewährten, weltweit ähnlichen Stammesgesellschaften nicht übersehen werden. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, aus dieser Tradition menschlichen Miteinanders zu lernen, und positive Elemente dieser soziologischen Form in eine zukünftige Gesellschaftsform zu übernehmen. Angesichts der Kriminalität und der Armut in den Ghettos mag dieses Anliegen, sagen wir akademisch erscheinen, trotzdem finde ich die Parallelen interessant, die sich in der modernen Gang-bildung und der territorialen Ordnung der Urvöker zeigen.

    Unter den gegebenen Voraussetzungen

    @menschengleicher

    Ich will in keinster Weise eine kalte Ideologie vertreten, deren Politik eine Umverteilung der Reichtümer von unten nach oben bewirkt, Bildung nur der Oberschicht ermöglicht und Slumbildung provoziert.
    Mein obiger Kommentar verharmlost dieses gravierende Problem bzw. geht darauf nicht ein, da gebe ich Ihnen Recht. Mein Anliegen war auch ein Anderes:

    Auf der Suche nach radikal (von der Wurzel her) alternativen Ansätzen zur Gesellschaftsordnung können die über Jahrtausende bewährten, weltweit ähnlichen Stammesgesellschaften nicht übersehen werden. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, aus dieser Tradition menschlichen Miteinanders zu lernen, und positive Elemente dieser soziologischen Form in eine zukünftige Gesellschaftsform zu übernehmen. Angesichts der Kriminalität und der Armut in den Ghettos mag dieses Anliegen, sagen wir akademisch erscheinen, trotzdem finde ich die Parallelen interessant, die sich in der modernen Gang-bildung und der territorialen Ordnung der Urvöker zeigen.

    Unter den gegebenen Voraussetzungen

  3. Hut ab, fuer diesen heroischen Autor der Zeit, der fuer diesen Artikel sein leben aufs Spiel setzte um seinen Lesern diesen gefaehrlichen Stadtteil zu zeigen und gleichzeitig auch noch Google diese ideale Promotionplattform bietet. Wenn man Grafitti nicht automatisch mit "Mord und Todschlag" in verbindung bringt, machen die Bilder im Zusammenhang mit dem Thema des Artikels ueberhaupt keinen Sinn.
    Wer nach ausser Kontrolle geratenen Gang Strukturen sucht, sollte sich Johannesburg anschauen, wo das Thema Ghettotainment gar nicht erst aufkommen wuerde.
    Da haetten auch die Vereinten Nationen was zum schauen!

  4. @menschengleicher

    Ich will in keinster Weise eine kalte Ideologie vertreten, deren Politik eine Umverteilung der Reichtümer von unten nach oben bewirkt, Bildung nur der Oberschicht ermöglicht und Slumbildung provoziert.
    Mein obiger Kommentar verharmlost dieses gravierende Problem bzw. geht darauf nicht ein, da gebe ich Ihnen Recht. Mein Anliegen war auch ein Anderes:

    Auf der Suche nach radikal (von der Wurzel her) alternativen Ansätzen zur Gesellschaftsordnung können die über Jahrtausende bewährten, weltweit ähnlichen Stammesgesellschaften nicht übersehen werden. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, aus dieser Tradition menschlichen Miteinanders zu lernen, und positive Elemente dieser soziologischen Form in eine zukünftige Gesellschaftsform zu übernehmen. Angesichts der Kriminalität und der Armut in den Ghettos mag dieses Anliegen, sagen wir akademisch erscheinen, trotzdem finde ich die Parallelen interessant, die sich in der modernen Gang-bildung und der territorialen Ordnung der Urvöker zeigen.

    Unter den gegebenen Voraussetzungen

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