"Bitte nicht aus dem Fenster fotografieren"
Es ist noch nicht lange her, da hätten sich Alfred Lomas und Fred Smith die Köpfe eingeschlagen. Hier im Florence-Firestone-Distrikt uferten die Bandenkriege zwischen schwarzen und Latino-Gangs so sehr aus, dass lokale Medien von "ethnischen Säuberungen" sprachen. Seit etwa zwei Jahren testet die Stadt Los Angeles nun einen neuen Ansatz: Mediatoren, zumeist frühere Gang-Mitglieder wie Smith und Lomas, werden recht erfolgreich zur Deeskalation eingesetzt. Inzwischen gibt es sogar eine offizielle Schule mit Diplom und Aussicht auf reguläres Gehalt als Gang Interventionist.
"Die Vereinten Nationen sollten sich mal anschauen, was wir hier machen."
Alfred Lomas
Doch das Vertrauen von Polizei und Gangs gleichermaßen zu gewinnen und zu wahren, ist eine hohe Kunst. Nicht allen gelingt das – einer der profiliertesten Mediatoren wurde erst kürzlich festgenommen. Lomas ficht das nicht an, er ist stolz auf das bisher Erreichte: "Die Vereinten Nationen sollten sich mal anschauen, was wir hier machen." Dass die Bustouren überhaupt statt finden können, ist einem Waffenstillstand zwischen den größten Gangs zu verdanken, den er mit ausgehandelt hat: "Hier ohne ausdrückliche Erlaubnis reinzufahren wäre glatter Selbstmord." Touristen von außerhalb mag die Gefahr allerdings kaum bewusst sein: Im Gegensatz etwa zu Teilen der Bronx in New York sieht South LA auf den ersten Blick zwar ärmlich, aber nicht beängstigend aus. Auch hier dominieren die typischen kleinen Holzhäuschen mit Vorgarten – Einschusslöcher fallen nur geübten Augen auf. "Bitte nicht aus dem Fenster fotografieren", warnt Lomas.
Unsere letzte Station: Das Pico Union Graffiti Lab, nicht viel mehr als ein ummauerter Parkplatz. Hier dürfen sich Jugendliche mit Spraydosen an den Wänden austoben. Sieben Tage lang sind ihre Werke zu sehen, bevor sie übermalt werden. "Das gibt es draußen für die Kids nicht, da können sie ja kaum etwas fertig sprayen", sagt Social Director Ricardo Guirrero. Seine Kunst- und Spielwiese für gefährdete Kinder wird weder von privaten Sponsoren, noch mit öffentlichen Geldern unterstützt. Durch die Kooperation mit den Gang-Tours erhofft sich Guirrero aber ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit.
Lomas hat große Pläne, die über die geführte Bustour hinausgehen: Irgendwann vielleicht ein Gang-Museum, eine Kunstgalerie für Graffiti und die Vergabe von Mikrokrediten, falls genügend Geld zusammen kommt. Schon jetzt hat er zehn Jobs mit seinem Projekt geschaffen. Doch seine Aktivitäten werden auch kritisch gesehen. "Ghettotainment" lautet das Urteil der Los Angeles Times. Melvin Johnson zuckt da mit den Schultern: "Natürlich sitzen Leute im Bus, die nur Fotos machen wollen und sich dann wieder in ihr nettes Leben begeben." Erst vor drei Monaten aus dem Gefängnis entlassen, zeigt sich Johnson, der früher Mitglied der East Coast Crips war, jetzt in einer offiziellen Jacke als Gang Interventionist: "Wer weiß, vielleicht ist ab und zu einer dabei, der sich nach der Tour hier engagieren will – dann war die Idee trotz allem richtig und gut."
- Datum 01.02.2010 - 16:43 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Herrlich wie immer gegen Google und Street-View als die Ausgeburt des Boesen gewettert wird. Andererseits haette die ZEIT-Redaktion aber offensichtlich keine huebschen Ansichten aus South LA zeigen koennen.
hm mich würde interessieren, ob diese ganze ghetto-berichterstattung aus amerikanischen Großstädten, wie wir sie in Europa kennen, nicht maßlos übertrieben ist.
Ich meine,in diesen Stadtteilen wohnen zum Großteil ganz normale Menschen, Unterschicht halt. Klar gelten dort andere "Gesetze", beispielsweise nen Schnapsladen zu betreiben ist dort sicher aufregender als in einer Kleinstadt.
Man darf aber nicht übersehen, dass dort "normale" Familien mit Kindern und allem drum und dran leben, und erschossen werden zum allergrößten Teil Gangmitglieder von ihresgleichen.
Der US-amerikanische Autor Daniel Quinn (Ismael), vergleicht die Lebensweise der Gangs mit der von Urvölkern: Um große Kriege zu verhindern, demonstrieren die einzelnen Gruppen Stärke, durchaus mit kleineren Territorialverletzungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Hierbei sterben zwar einzelne Krieger, zu großen Flächenbränden kommt es dadurch aber selten, ähnlich wie die Naturvölker in Amerika früher ihre Jagtgebiete zwar verteidigt haben, sich dabei ihrer Grenzen aber bewusst waren.
Nach Quinn leben viele Gangster in einer selbstregulierenden sozialen Stabilität, wie es auf der ganzen Welt üblich war, vor Ausbreitung der abendländischen Kultur. Hab leider noch nie einen echten Gangster oder normalen Bewohner eines Ganglands gesprochen. War allerdings in indischen Slums unterwegs und kann behaupten, dass man sich dort sicher bewegen kann, zumindest wenn man einen evtl. vorhandenen Reichtum nicht zur Schau stellt
An Bang Lassi: Das Problem ist ja nicht, dass sich irgendwo einfach mal ein paar Leute gegenseitig niedermetzeln, weil sie ihr Territorium verteidigen wollen; das Problem ist, dass diese Leute nicht vom Himmel fallen wie in einem PlayStation-Spiel, sondern, dass sie in jungen Jahren aus allen möglichen Gründen dazu kommen, anstatt in der Schule zu sitzen, mit Drogen zu dealen, in Schlägereien zu geraten etc... und das ist nicht etwa die Lebensart eines bestimmten Volkes, sondern eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit, die politisch-historische, ökonomische und bildungspolitische Gründe (usw.) hat.
Eine Haltung, frei nach dem Motto: "Ja, das is halt so, da haben wir doch nichts mit zu tun. Solange die unter sich bleiben, muss sich doch keiner beschweren."
sehe ich als eine Beleidigung an gegenüber der Möglichkeit eines funktionierenden Gesellschaftssystems und insbesondere gegenüber den beteiligten Gangs selbst, deren Mitglieder sicher nicht auf die Welt gekommen sind und sich gesagt haben: "Ich will mich nicht bilden, ich will kein sicheres Dach über meinem Kopf und ich will auch nicht lange leben; stattdessen verkaufe ich lieber Crack, schlage ein paar Leute zusammen, verbringe die Hälfte meiner Jugend im Gefängnis und werde mit 30 erschossen, weil ich dann so wichtig und gefährlich bin, dass man mich unmöglich am Leben lassen kann."
Sie können das maßlos übertrieben nennen, wenn Sie wollen. Sagen Sie das einem von denen ins Gesicht...
@menschengleicher
Ich will in keinster Weise eine kalte Ideologie vertreten, deren Politik eine Umverteilung der Reichtümer von unten nach oben bewirkt, Bildung nur der Oberschicht ermöglicht und Slumbildung provoziert.
Mein obiger Kommentar verharmlost dieses gravierende Problem bzw. geht darauf nicht ein, da gebe ich Ihnen Recht. Mein Anliegen war auch ein Anderes:
Auf der Suche nach radikal (von der Wurzel her) alternativen Ansätzen zur Gesellschaftsordnung können die über Jahrtausende bewährten, weltweit ähnlichen Stammesgesellschaften nicht übersehen werden. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, aus dieser Tradition menschlichen Miteinanders zu lernen, und positive Elemente dieser soziologischen Form in eine zukünftige Gesellschaftsform zu übernehmen. Angesichts der Kriminalität und der Armut in den Ghettos mag dieses Anliegen, sagen wir akademisch erscheinen, trotzdem finde ich die Parallelen interessant, die sich in der modernen Gang-bildung und der territorialen Ordnung der Urvöker zeigen.
Unter den gegebenen Voraussetzungen
@menschengleicher
Ich will in keinster Weise eine kalte Ideologie vertreten, deren Politik eine Umverteilung der Reichtümer von unten nach oben bewirkt, Bildung nur der Oberschicht ermöglicht und Slumbildung provoziert.
Mein obiger Kommentar verharmlost dieses gravierende Problem bzw. geht darauf nicht ein, da gebe ich Ihnen Recht. Mein Anliegen war auch ein Anderes:
Auf der Suche nach radikal (von der Wurzel her) alternativen Ansätzen zur Gesellschaftsordnung können die über Jahrtausende bewährten, weltweit ähnlichen Stammesgesellschaften nicht übersehen werden. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, aus dieser Tradition menschlichen Miteinanders zu lernen, und positive Elemente dieser soziologischen Form in eine zukünftige Gesellschaftsform zu übernehmen. Angesichts der Kriminalität und der Armut in den Ghettos mag dieses Anliegen, sagen wir akademisch erscheinen, trotzdem finde ich die Parallelen interessant, die sich in der modernen Gang-bildung und der territorialen Ordnung der Urvöker zeigen.
Unter den gegebenen Voraussetzungen
Hut ab, fuer diesen heroischen Autor der Zeit, der fuer diesen Artikel sein leben aufs Spiel setzte um seinen Lesern diesen gefaehrlichen Stadtteil zu zeigen und gleichzeitig auch noch Google diese ideale Promotionplattform bietet. Wenn man Grafitti nicht automatisch mit "Mord und Todschlag" in verbindung bringt, machen die Bilder im Zusammenhang mit dem Thema des Artikels ueberhaupt keinen Sinn.
Wer nach ausser Kontrolle geratenen Gang Strukturen sucht, sollte sich Johannesburg anschauen, wo das Thema Ghettotainment gar nicht erst aufkommen wuerde.
Da haetten auch die Vereinten Nationen was zum schauen!
@menschengleicher
Ich will in keinster Weise eine kalte Ideologie vertreten, deren Politik eine Umverteilung der Reichtümer von unten nach oben bewirkt, Bildung nur der Oberschicht ermöglicht und Slumbildung provoziert.
Mein obiger Kommentar verharmlost dieses gravierende Problem bzw. geht darauf nicht ein, da gebe ich Ihnen Recht. Mein Anliegen war auch ein Anderes:
Auf der Suche nach radikal (von der Wurzel her) alternativen Ansätzen zur Gesellschaftsordnung können die über Jahrtausende bewährten, weltweit ähnlichen Stammesgesellschaften nicht übersehen werden. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, aus dieser Tradition menschlichen Miteinanders zu lernen, und positive Elemente dieser soziologischen Form in eine zukünftige Gesellschaftsform zu übernehmen. Angesichts der Kriminalität und der Armut in den Ghettos mag dieses Anliegen, sagen wir akademisch erscheinen, trotzdem finde ich die Parallelen interessant, die sich in der modernen Gang-bildung und der territorialen Ordnung der Urvöker zeigen.
Unter den gegebenen Voraussetzungen
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