Was ist in diesen krisenhaften Zeiten das ideale Unternehmen? Eins, das daran arbeitet, sich selbst überflüssig zu machen aber dafür jede Menge Geld einstreicht. In der weltweiten Rangliste sahen wir bislang diverse Investmentbanken ganz weit vorne. Aber heimlich, still und leise arbeitet eine andere Firma daran, sie einzuholen, eine, der man dies bislang nicht zugetraut hätte: die Post.

Erstens schmiedete die Post  nun doch wieder verworfene Pläne, die – beim Verfasser montags ohnehin kaum stattfindende – Briefzustellung an manchen Tagen einzuschränken. Zweitens wandelte sie Postfilialen in von Dritten betriebene Dependancen in Getränkemärkten oder Apotheken um, unter dem Motto: "Kundennähe ist für uns ein Versprechen, das wir mit über 1000 neuen Filialen eingelöst haben". Eine Entwicklung, die zwei große Fragen aufwarf: Darf der Getränkemarkt aus Kapazitätsgründen wirklich zehn Minuten länger geöffnet haben als die von ein- und derselben Person betriebene hinter einem Stapel Astra-Bräu angesiedelte Postagentur? Und: Wird eine Apotheke mit integrierter Postagentur überfallen, welche Kasse ist zuerst zu öffnen?

Und drittens ist da jetzt der Online-Brief. Eine ganz große Sache, die dieses Frühjahr noch starten soll und die man sich so vorstellen muss: Ein Postkunde schreibt einen Brief, aber nicht mehr auf Papier, sondern in eine Eingabemaske im Internet. Selbstverständlich muss er vorher ein Identifizierungsverfahren durchlaufen haben, das sicher kein Spaß ist, und mit Tans ausgestattet werden. Die Post druckt den Brief allerdings wieder aus und stellt ihn als "Hybrid-Brief" durch einen der noch verbliebenen Briefträger zu. Was aber quasi nur als evolutionärer Zwischenschritt zu verstehen ist, denn am Ende dieser Neuentwicklung steht der vollelektronische Brief: Der wird nicht nur online verfasst – sondern auch online zugestellt! Also ganz ohne Briefträger!

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den <a href="http://www.zeit.de/themen/serie/index?q=irrwitz-der-woche" target="_blank">irrwitzigen Alltag und irrwitzige Nachrichten</a>; <a href="http://www.zeit.de/themen/serie/index?q=irrwitz-der-woche">lesen Sie hier weitere Folgen seiner Kolumne</a>. © Mark Spörrle

Zugegeben, bei all ihrer Genialität kommt uns diese Idee doch nach längerem Nachdenken ein wenig bekannt vor. Wird sie nicht angeblich sogar hier und da schon unter dem Namen E-Mail praktiziert? – nein, halt, beim Online-Brief ist es ganz anders: Zielgruppe ist nicht Lieschen Müller. Es sind kleinere und mittelständische Unternehmen, die so Rechnungen oder Verträge an ihre Kunden schicken und dafür pro Brief 46 statt 55 Cent bezahlen. In der Hybridvariante. Wer Unternehmen wie die Post kennt, hat Grund zu befürchten, dass später die reine Online-Variante wieder 55 Cent kosten wird, mindestens.

Wofür der Online-Brief dann aber binnen Sekunden da ist. Wie die E-Mail übrigens auch, mit der die Unternehmen ihre Rechnungen ja auch schicken könnten. Und das umsonst und ohne diese Rechnungen erst durch stundenweise angeheuerte ehemalige Briefträger in Posteingabemasken eintippen zu lassen.

Unter Umständen wird also der Kreis der Unternehmen, die sich für diese revolutionäre neue Dienstleistung nachhaltig interessieren, anfangs nicht allzu groß sein. Wir können allerdings davon ausgehen, dass die Post den Online-Brief trotzdem einführen wird.

Wie sicherlich auch das Online-Telegramm, das zwar genauso schnell eintreffen wird wie die Online-Briefe und wie jede Mail. Das aber seinen Preis von sagen wir drei Euro sechsundsechzig (mit Musik sechs Euro sechsundsechzig) durch die im Online-Formular festgelegte beschränkte Zeichenzahl rechtfertigen wird: Denn dadurch, Sie verstehen, wird es schneller gelesen.