Sturmvogel Rechte Zeltlager im Verborgenen

Im vergangenen Jahr wurde die rechtsextreme HDJ verboten. Doch gibt es längst eine Alternative: Die Gruppierung Sturmvogel agitiert unbehelligt vom Verfassungsschutz.

Sie tragen Uniformen, organisieren Zeltlager und Sonnenwendfeiern. Während die Neonazi-Jugendgruppe Wikingjugend und die Heimattreue Deutsche Jugend verboten wurden, blieb eine ähnliche Gruppierung bislang nahezu unbemerkt. Erst nachdem jetzt ein Winterlager des Sturmvogel – Deutscher Jugendbund aufflog, wurden die Behörden auf sie aufmerksam. Viel zu spät, kritisieren Szenekenner.

Olaf Gottschalk, Betreiber der Jugend- und Freizeitstätte Recknitzberg bei Neuhof in Mecklenburg-Vorpommern, staunte nicht schlecht, als er von Journalisten erfuhr, wer sich über Silvester auf seinem Gelände eingemietet hatte. Auf ihn hätten die rund 40 Kinder und junge Erwachsene mit ihren Uniformaufnähern mit dem schwarzen Vogel auf weiß-rotem Grund wie harmlose Pfadfinder gewirkt.

Anzeige

Als ihm klar wurde, dass es sich um ein Sturmvogel-Lager handelte, schaltete er sofort die Polizei ein. Die bestätigte, dass die Jugendgruppe "dem rechten Spektrum nahe steht", konnte aber bei der Überprüfung der Teilnehmer nichts strafrechtlich Relevantes entdecken.

Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit überrascht das nicht. "Auffallend ist, dass diese Gruppe sehr bemüht ist, möglichst wenig von ihrer Tätigkeit und politischen Positionen nach Außen dringen zu lassen", sagt er. Der Jugendbund scheint aus dem Verbot von WJ und HDJ gelernt zu haben. Dabei handele es sich bei Sturmvogel laut Speit eindeutig um eine radikale Abspaltung der 1994 verbotenen Wikingjugend. "Es gibt in der Geschichte des 'Sturmvogel' personelle Überschneidungen zum gesamten rechtsextremen
Spektrum."

Sturmvogel wurde 1987 nach internen Streitigkeiten von ehemaligen WJ-Funktionären gegründet. Bis dahin war die nach Vorbild der Hitlerjugend aufgebaute WJ die größte neonazistische Jugendorganisation Deutschlands. Drei Jahre später ging bei einer zweiten Abspaltung aus ihr die Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) hervor. Diese sorgte mit ihren rechtsextremen Zeltlagern immer wieder für Aufsehen. An Zelten wurden Führerbunker-Schilder aufgehängt, bei Polizeirazzien Noten für Nazilieder und reichlich NS-Propaganda beschlagnahmt. Im April 2009 wurde die HDJ schließlich vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verboten.

Der "Jahresweiser", sprich: Kalender, der rechten Gruppierung "Sturmvogel"

Der "Jahresweiser", sprich: Kalender, der rechten Gruppierung "Sturmvogel"

Beobachter befürchten nun, dass Sturmvogel zum Auffangbecken für ehemalige HDJ-Mitglieder werden könnte. Wie wichtig Jugendorganisationen für die rechtsextreme Szene sind, zeigt die Karriere zahlreicher Kader. Für Dutzende heutige Persönlichkeiten des rechtsextremen Spektrums, wie Nazi-Liedermacher Frank Rennicke oder den jüngst verstorbenen Anwalt und NPD-Politiker Jürgen Rieger, begann die politische Karriere in der Wikingjugend.

Trotzdem wird Sturmvogel bislang nicht offiziell vom Verfassungsschutz beobachtet. Es gibt zu wenig eindeutige Anhaltspunkte. Niemand weiß genau, was bei den Lagern der Organisation tatsächlich passiert. Gegenüber Journalisten schirmt man sich ab, Interviews geben die Mitglieder nicht.

Familie von Werder aus dem winzigen Dorf Ilow in Mecklenburg-Vorpommern hat erlebt, wie zurückhaltend die Sturmvogel-Mitglieder sich nach Außen geben. Die Nachbarfamilie wirkte auf den ersten Blick ganz unscheinbar, es bestanden nachbarschaftliche Kontakte. Erst ganz langsam merkte Heiko von Werder, dass hier etwas nicht stimmte. "Merkwürdig wurde es, als dort eines Tages fünf Familien in gruseliger völkischer Kleidung auftauchten", erzählt er. Als ihm die Nachbarskinder erklärten, dass man das Wort "cool" nicht sagen dürfe, sondern "toll" viel besser wäre, setzte er sich an den Computer und gab den Namen der Familie bei einer Suchmaschine ein. Schnell stieß er auf den Sturmvogel-Verband. Wenige Klicks weiter fanden sich Hochzeitsfotos der Nachbarn: das strahlende Brautpaar unter der schwarz-weiß-roten Fahne des Deutschen Reiches.

Leser-Kommentare
    • carol
    • 21.01.2010 um 18:44 Uhr

    wenn ich das schon höre: völkische kleidung, bestehen auf den alten grenzen blabla

    wofür? auch wenn man nicht sagen soll, dass diese harmlos sind, so hört sich es doch an, als wenn das spinner sind die mit ihrem heimatstolz 70 jahre in der vergangenheit hängengeblieben sind.

    [...](Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)

    • carol
    • 21.01.2010 um 20:51 Uhr

    die deutschen haben den zweiten weltkrieg nicht verloren weil sie aufgegeben haben, sondern weil sie brutalst besiegt wurden. die frage ist weshalb es einen solchen durchhaltewillen gab. einmal habe ich gelesen, dass sie gewinnen mussten, weil sie wussten was sie für ihre taten erwarten würde, wenn sie verlieren. von einsicht ist da keine spur zu bemerken, eher wurde eine diplomatische lösung des krieges ignoriert um wenigstens ein wenig würde zu behalten.
    dafür mussten viele stätte in deutschland erst zum ende des krieges grundlegend vernichtet werden- weil die deutschen bis zum ende gekämpft haben. eine verlieroption wurde ignoriert.

    was sollte die "entnazifizierung" in deutschland bewirken? man kann eine kultur nicht "reinwaschen". so etwas wurde auch nur von den deutschen geglaubt.

    es wurde zwar in bis vor einem jahr in der deutschen medienlandschaft viel über die kriegsverbrechen geschrieben. aber was den aussergewöhnlichen(!) durchhaltewillen der deutschen in den weltkriegen ausmachte und wo der hin ist, wird bis heute nicht näher ausgesprochen. das wird bis zum heutigen tage totgeschwiegen. es ist jedoch keineswegs weg.

  1. Wie geht das denn?

    Schaden tun diese kleinen rechten Gruppen im Moment nur den eigenen Kindern, die sie in diese Lagerwelt einführen, und damit überall zu Außenseitern machen. Um das aufzulösen, ist der Verfassungschutz nicht das richtige Instrument.

  2. Wenn ich mir vorstelle, dass so mancher Spezialist, der da 'herangezüchtet' wird, in zwei, drei Jahrzehnten über NPD und Konsorten im z.B. sächsischen Landtag am demokratischen Prozess teilnimmt...würde ich das nicht kleinreden wollen . Natürlich muss da der Verfassungsschutz ein Auge drauf haben.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Sind es 50, 100, 200? Alles jedoch kein Grund, den Verfassungsschutz wegzulassen. Auch wenn so manchem Beobachter die teutschen Lagerfeuer lieber sind als die Loveparade, sollten wir wissen, was die vöklkischen Helden anstreben. http://kallewestrich.blog...

  4. Diese Gruppen zielen darauf ab, Lebensläufe und politische Karrieren zu initieren, die das Gedankengut des deutschen Nationalsozialismus weitertragen. Kinder sollen so erzogen werden, dass sie als Erwachsene für diese Ideologie eintreten.

    Und scheinbar funktuioniert das. Neben den im Artikel genannten Beispielen gehörte etwa auch der Parteichef der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich Heinz-Christian Strache der Wikingjugend an. Dieser ist eindeutig als rechtsradikal einzustufen und schafft es sich in weiten Teilen Österreichs mit 20% zu schmücken.

    Von daher sollte dem Wachsen und selbst dem Bestehen ideologisch rechtsradikal gerichteter Jugendverbände in jedem Fall Vorschub geleistet werden! Es dürfen keine Plattformen für den Fortbestand dieser Ideologie geduldet werden!

  5. Es gibt Menschen die im rechten Spektrum unserer Gesellschaft leben. Strafbares hat man, selbst bei intensiver Suche nicht gefunden, aber man muss trotzdem im Umfeld dafür sorgen, dass die gesellschaftlich repressiert werden und erwarten, dass zumindestens der VS die beobachtet?
    Ob ich mit Leuten wie den v.Werders Tür an Tür wohnen wollte?

  6. die gefahr solcher "Zeltlager" besteht doch nicht alleine in deren existenz, sondern mindestens ebenso in der anfälligkeit vieler, besonders junger menschen für diese vermischung von romantik und gruppenstärkegefühl -und dem weitverbreitetem latenten sympathisieren und identifizieren mit "faschistoidem" gedankengut -und dem mangel an alternativen angeboten.
    natürlich gehören solche rechtsexkremen aktivitäten wirkungsvoll ins visier genommen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service