ZEIT ONLINE: Herr Jungnitz, die Bundeswehr macht gerade Schlagzeilen mit einem Skandal: Angehende Gebirgsjäger mussten rohe Leber verzehren und bis zum Erbrechen Alkohol trinken. Das ist nicht der erste Skandal dieser Art in der Bundeswehr. Was begünstigt solche Misshandlungen?

Ludger Jungnitz: Man hat festgestellt, dass in sehr ungleichen Machtverhältnissen Gewalt gedeiht. In hierarchischen Zusammenhängen, die auf Unterordnung und Macht beruhen, fällt es außerdem schwer, sich gegen die Misshandlungen zu wehren. Das heißt, wo Gewalt möglich ist, findet sie auch statt. In der Schule denken Sie an die Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg, im Militär, später sogar im Pflegeheim. In unserer Studie "Gewalt gegen Männer" hat sich gezeigt, dass Gewaltakte in der Wehrdienstzeit von vielen Männern als selbstverständlich angesehen werden. Die Gewalterfahrungen, die über dieses als selbstverständlich angenommene Maß hinausgingen, waren viel häufiger als im weiteren Erwachsenenleben.

ZEIT ONLINE: Innerhalb der Bundeswehr gibt es offizielle Wege, Beschwerde einzureichen. Warum wehren sich die Soldaten gegen demütigende Rituale nicht oder erst so spät?

Jungnitz: Es handelt sich dabei um Initiationsriten. Es geht darum, dazuzugehören, in eine Gemeinschaft eingeführt zu werden. Sobald ich mich wehre, bin ich ein Außenseiter. Der Soziologe Michael Meuser spricht von den "ernsten Spielen der Männlichkeit". Durch sie wird eine Ordnung in der Gruppe hergestellt. Es fühlt sich besser an, unten in der Hierarchie zu stehen als gar nicht zur Gruppe zu gehören. Die Demütigungen ausgehalten zu haben, ist die Eintrittskarte in die Gruppe. Schließlich ist für manche die Aussicht, danach selbst andere demütigen zu dürfen auch ein Gewinn. Ein wichtiger Bestandteil der männlichen Sozialisation und damit dieser Riten ist es, die Machtausübung über Frauen und andere Männer als Gewinn anzusehen.

ZEIT ONLINE: Also Ist Gewalt und Dominanz auch in unserer modernen, relativ emanzipierten Welt immer noch ein Zeichen von Männlichkeit?

Jungnitz: Ja. Körperlich stark und autonom zu sein, gilt als männlich. Die Scham der Männer als unmännlich zu gelten, sitzt sehr tief. Dabei stellt sich schnell das Gefühl ein: Ich habe keine Existenzberechtigung, wenn ich den männlichen Idealen nicht entspreche. Deshalb muss der Mann andere Eigenschaften abwehren, von sich abspalten. Die Scham ist auch ein Grund, nicht um Hilfe zu bitten, weil man damit eingestehen würde, zum Opfer geworden zu sein. Diese Männlichkeitsvorstellungen unserer  Gesellschaft sind hochproblematisch.

ZEIT ONLINE: Offiziell wünscht sich die Bundeswehr den "Staatsbürger in Uniform", denkende Männer. Kann es in der Armee eine andere Art von Männlichkeit geben, die auf gewalttätige Rituale verzichtet?

Jungnitz: Daran glaube ich nicht. In einer Armee haben Männer nicht nur die Pflicht und das Recht zu töten. Sie müssen auch den eigenen Körper zur Verfügung stellen. Dieses Bild von Männlichkeit muss auch in der Bundeswehr trainiert und gepflegt werden. Es ist die Urkonstruktion der heutigen Geschlechtertrennung: Der Mann als Krieger, der bereit ist zu sterben, die Frau als Urmutter, die Leben schenkt und die es zu beschützen gilt.