Der normale Reflex ist der: Eine Bischöfin betrunken am Steuer. Ihre Glaubwürdigkeit ist dahin. Sie muss zurücktreten.

Dieser Rigorismus gründet auf der dogmatischen Haltung: Auf eine schwere Verfehlung einer Amtsperson folgt der Rücktritt. Ganz nach Art des Logikers: Wenn A, dann B.

Es gibt auch die Haltung des Abwägens, der bilanzierenden Betrachtung, des Infrage-Stellens der A-B-Kausalität. In welchem Verhältnis steht der Ruf nach Rücktritt zu dem, was Margot Käßmann für Kirche und Gesellschaft leistet? Und in welchem Verhältnis steht er zu dem, was eine Kirche theologisch selbst vertritt? Muss derjenige, der Vergebung propagiert, nicht dem gnadenlosen Mechanismus öffentlicher Verurteilung widerstehen und auch an der Causa Käßmann ein Gegenmodell entwerfen? 

Die Kirchenleitung hat in der vergangenen Nacht widerstanden. Alle 14 Mitglieder des Rates der EKD haben Käßmann einmütig ihr Vertrauen ausgesprochen: "In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll." Nun also liegt es an der Bischöfin, ob sie bleibt.

Käßmann sollte dem Druck standhalten. Denn die wachsende Schar ihrer Gegner – nebenbei: auch die Zahl ihrer Anhänger wächst – sitzt möglicherweise einigen Irrtümern auf. Natürlich hat Käßmann grob gegen Recht und Gesetz verstoßen. Dafür muss sie nach dem Strafgesetzbuch büßen, mit einem Jahr Führerscheinentzug und einer hohen Geldstrafe. Doch was ist mit ihrem Amt? Darf sie auch dies nicht mehr ausüben, weil sie alkoholisiert im Straßenverkehr unterwegs war?

Das Amt sollte sie nur dann aufgeben, wenn die Prämissen lauteten: Eine Bischöfin muss sich jederzeit untadelig verhalten. Und warum muss sie das? Weil sie unser aller Vorbild sein soll. Und Vorbildhaftigkeit hat mit Glaubwürdigkeit zu tun, aber glaubwürdig ist Käßmann wegen ihres Fehlverhaltens nicht mehr.

Wie mündig und erwachsen sind wir eigentlich, dass es noch Bischöfen und Bischöfinnen bedarf, vorzuleben, was und wie etwas richtig ist? Ist nicht frei nach Luther jeder aus sich heraus verantwortlich dafür, was er glaubt und was er tut?

Eine Gesellschaft wäre reifer, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze bräuchte. Wenn es genügte, dass das Führungspersonal einfach nur den Job gut macht. Der Ruf nach lupenreinen Vorbildern ist allzu sehr Ausdruck einer infantilen Sehnsucht. Kinder brauchen das Vorbild, Erwachsene können es nicht perfekt sein.

Einen weiteren Irrtum gilt es zu bedenken: Das Amt einer Bischöfin und die Person einer Bischöfin sind nicht identisch. Wenn das Ansehen eines Amtsträgers über die Maßen beschädigt ist, kann zwar auch das Amt Schaden nehmen. Doch nur dann, wenn der Amtsträger sich nicht irgendeines, sondern eines des Amtes abträglichen Vergehens schuldig gemacht hat. Dies ist bei Käßmann nicht der Fall. Denn nach Maßgabe der Kirche ist es die erste Aufgabe eines Bischofs, die Rechtmäßigkeit der evangelischen Lehre zu garantieren.

Aus dem rechten Verständnis der christlichen Botschaft allerdings entspringt der Lehre nach eine ethisch mehr oder weniger integre Lebensweise. Das wird sich Käßmann selbst fragen: Ob sie aus ihrem Fehlverhalten, betrunken gefahren zu sein, auf eine mangelnde Nähe zum Evangelium schließt. Doch selbst der Frömmste ist nicht heilig. Und wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, heißt es.

Vorausgesetzt eine Botschaft ist wahr, so bleibt sie es auch dann, wenn sich ihr Überbringer nicht an sie hält. Glaubwürdigkeit speist sich vornehmlich aus der Botschaft, nicht aus dem Botschafter. Daher muss die Kirche im Kern eine Verkündigungs- und keine Moralanstalt sein. Käßmann hat sich nie als Moralapostel aufgespielt, allein schon deshalb sollte sie auch nicht moralisierend beurteilt werden.

Dies ist eine Erwiderung auf den Kommentar von Markus Horeld "Kein Kavaliersdelikt"