Kommentar zum Rücktritt Die Irrtümer der Käßmann-Gegner

Bischöfin Käßmann ist trotz des EKD-Votums zurückgetreten. Die Befürworter des Rücktritts sitzen einigen Missverständnissen auf. Ein Kommentar

Margot Käßmann mit Martin Luther im Hintergrund

Margot Käßmann mit Martin Luther im Hintergrund

Der normale Reflex ist der: Eine Bischöfin betrunken am Steuer. Ihre Glaubwürdigkeit ist dahin. Sie muss zurücktreten.

Dieser Rigorismus gründet auf der dogmatischen Haltung: Auf eine schwere Verfehlung einer Amtsperson folgt der Rücktritt. Ganz nach Art des Logikers: Wenn A, dann B.

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Es gibt auch die Haltung des Abwägens, der bilanzierenden Betrachtung, des Infrage-Stellens der A-B-Kausalität. In welchem Verhältnis steht der Ruf nach Rücktritt zu dem, was Margot Käßmann für Kirche und Gesellschaft leistet? Und in welchem Verhältnis steht er zu dem, was eine Kirche theologisch selbst vertritt? Muss derjenige, der Vergebung propagiert, nicht dem gnadenlosen Mechanismus öffentlicher Verurteilung widerstehen und auch an der Causa Käßmann ein Gegenmodell entwerfen? 

Die Kirchenleitung hat in der vergangenen Nacht widerstanden. Alle 14 Mitglieder des Rates der EKD haben Käßmann einmütig ihr Vertrauen ausgesprochen: "In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll." Nun also liegt es an der Bischöfin, ob sie bleibt.

Käßmann sollte dem Druck standhalten. Denn die wachsende Schar ihrer Gegner – nebenbei: auch die Zahl ihrer Anhänger wächst – sitzt möglicherweise einigen Irrtümern auf. Natürlich hat Käßmann grob gegen Recht und Gesetz verstoßen. Dafür muss sie nach dem Strafgesetzbuch büßen, mit einem Jahr Führerscheinentzug und einer hohen Geldstrafe. Doch was ist mit ihrem Amt? Darf sie auch dies nicht mehr ausüben, weil sie alkoholisiert im Straßenverkehr unterwegs war?

Das Amt sollte sie nur dann aufgeben, wenn die Prämissen lauteten: Eine Bischöfin muss sich jederzeit untadelig verhalten. Und warum muss sie das? Weil sie unser aller Vorbild sein soll. Und Vorbildhaftigkeit hat mit Glaubwürdigkeit zu tun, aber glaubwürdig ist Käßmann wegen ihres Fehlverhaltens nicht mehr.

Wie mündig und erwachsen sind wir eigentlich, dass es noch Bischöfen und Bischöfinnen bedarf, vorzuleben, was und wie etwas richtig ist? Ist nicht frei nach Luther jeder aus sich heraus verantwortlich dafür, was er glaubt und was er tut?

Eine Gesellschaft wäre reifer, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze bräuchte. Wenn es genügte, dass das Führungspersonal einfach nur den Job gut macht. Der Ruf nach lupenreinen Vorbildern ist allzu sehr Ausdruck einer infantilen Sehnsucht. Kinder brauchen das Vorbild, Erwachsene können es nicht perfekt sein.

Einen weiteren Irrtum gilt es zu bedenken: Das Amt einer Bischöfin und die Person einer Bischöfin sind nicht identisch. Wenn das Ansehen eines Amtsträgers über die Maßen beschädigt ist, kann zwar auch das Amt Schaden nehmen. Doch nur dann, wenn der Amtsträger sich nicht irgendeines, sondern eines des Amtes abträglichen Vergehens schuldig gemacht hat. Dies ist bei Käßmann nicht der Fall. Denn nach Maßgabe der Kirche ist es die erste Aufgabe eines Bischofs, die Rechtmäßigkeit der evangelischen Lehre zu garantieren.

Aus dem rechten Verständnis der christlichen Botschaft allerdings entspringt der Lehre nach eine ethisch mehr oder weniger integre Lebensweise. Das wird sich Käßmann selbst fragen: Ob sie aus ihrem Fehlverhalten, betrunken gefahren zu sein, auf eine mangelnde Nähe zum Evangelium schließt. Doch selbst der Frömmste ist nicht heilig. Und wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, heißt es.

Vorausgesetzt eine Botschaft ist wahr, so bleibt sie es auch dann, wenn sich ihr Überbringer nicht an sie hält. Glaubwürdigkeit speist sich vornehmlich aus der Botschaft, nicht aus dem Botschafter. Daher muss die Kirche im Kern eine Verkündigungs- und keine Moralanstalt sein. Käßmann hat sich nie als Moralapostel aufgespielt, allein schon deshalb sollte sie auch nicht moralisierend beurteilt werden.

Dies ist eine Erwiderung auf den Kommentar von Markus Horeld "Kein Kavaliersdelikt"

 
Leser-Kommentare
  1. Der letzte Satz soll wohl ein Witz sein. Richtig muss es heißen: Käßmann hat sich ständig als Moralapostel aufgespielt, daher sollte sie auch moralisierend beurteilt werden.

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    Richtig! Frau Käßmann hat sich oft moralisierend eingemischt, teils zu Recht. Allerdings wird in den Gemeinden kirchlicherseits propagiert, Kirche habe sich nicht in staatliche Angelegenheiten einzumischen. Das hat im NS ja auch gut funktioniert (leider).
    Interessant ist, dass der Verfasser des Artikels verkündet, Kirche sei im Kern Verkündungs- und nicht Moralanstalt. Das heißt im Klartext,Kirche lehrt christliches Verhalten (Opium für`s Volk). Verstößt ein Würdenträger dagegen, ist das nur menschlich und sofort vergeben. Das ist zu einfach. Eine Bischöfin sollte den Glauben so verinnerlichen und leben, dass ein derartiges Fehlverhalten sich von selbst ausschließt. Kirche nur zu managen reicht nicht.

    Richtig! Frau Käßmann hat sich oft moralisierend eingemischt, teils zu Recht. Allerdings wird in den Gemeinden kirchlicherseits propagiert, Kirche habe sich nicht in staatliche Angelegenheiten einzumischen. Das hat im NS ja auch gut funktioniert (leider).
    Interessant ist, dass der Verfasser des Artikels verkündet, Kirche sei im Kern Verkündungs- und nicht Moralanstalt. Das heißt im Klartext,Kirche lehrt christliches Verhalten (Opium für`s Volk). Verstößt ein Würdenträger dagegen, ist das nur menschlich und sofort vergeben. Das ist zu einfach. Eine Bischöfin sollte den Glauben so verinnerlichen und leben, dass ein derartiges Fehlverhalten sich von selbst ausschließt. Kirche nur zu managen reicht nicht.

  2. ... außer: Amen dazu!

    • fouFou
    • 24.02.2010 um 13:09 Uhr

    dazu brauche ich auch nichts mehr hinzuzufügen.

  3. "Eine Gesellschaft wäre reifer, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze bräuchte. Wenn es genügte, dass das Führungspersonal einfach nur den Job gut macht. Der Ruf nach lupenreinen Vorbildern ist allzu sehr Ausdruck einer infantilen Sehnsucht. Kinder brauchen das Vorbild, Erwachsene können nicht perfekt sein."

    diesen absatz kann man gar nicht oft genug lesen. danke ZEIT. ihr habt mal wieder bewiesen das ihr die beste zeitung des landes seid. großartiger artikel!

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    Zunächst einmal kann einem der Mensch leid tun, weil Frau Kässmann wahrscheinlich eine Alkoholikerin ist. Wer sich zutraut, in offensichtlich volltrunkenem Zustand Auto zu fahren ist in erheblichem Masse an Alkohol gewöhnt. Ob eine Alkoholikerin allerdings noch als Bischöfin taugt mag bezweifelt werden. Was einen wundert, ist der milde Ton, der in der Presse angeschlagen wird. Frau Kässmann hat offensichtlich nicht gegen die Straßenverkehrsordnung verstossen, sondern gegen das Strafgesetzbuch. Sie wird auch nicht nach dem Bussgeldkatalog bestraft, sondern erhält zumindest eine Geldstrafe von dem zuständigen Richter. Jedes Jahr sterben mehr als 1000 Menschen durch Alkohol im Verkehr. Das ist keine lässliche Sünde, die jedem passieren kann. Wer vorsätzlich betrunken ein Auto fährt ist ein latenter Totschläger.

    Zunächst einmal kann einem der Mensch leid tun, weil Frau Kässmann wahrscheinlich eine Alkoholikerin ist. Wer sich zutraut, in offensichtlich volltrunkenem Zustand Auto zu fahren ist in erheblichem Masse an Alkohol gewöhnt. Ob eine Alkoholikerin allerdings noch als Bischöfin taugt mag bezweifelt werden. Was einen wundert, ist der milde Ton, der in der Presse angeschlagen wird. Frau Kässmann hat offensichtlich nicht gegen die Straßenverkehrsordnung verstossen, sondern gegen das Strafgesetzbuch. Sie wird auch nicht nach dem Bussgeldkatalog bestraft, sondern erhält zumindest eine Geldstrafe von dem zuständigen Richter. Jedes Jahr sterben mehr als 1000 Menschen durch Alkohol im Verkehr. Das ist keine lässliche Sünde, die jedem passieren kann. Wer vorsätzlich betrunken ein Auto fährt ist ein latenter Totschläger.

  4. würde so auch geurteilt, wäre sie ein Mann?

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    Sie schreiben: "würde so auch geurteilt, wäre sie ein Mann?"

    ... oder ein Politiker, womöglich von der SPD (oder den Linken), womöglich sogar Steinmeier?

    Sie schreiben: "würde so auch geurteilt, wäre sie ein Mann?"

    ... oder ein Politiker, womöglich von der SPD (oder den Linken), womöglich sogar Steinmeier?

    • Sogin
    • 24.02.2010 um 13:14 Uhr

    "Wie mündig und erwachsen sind wir eigentlich, dass es noch Bischöfen und Bischöfinnen bedarf ......?"

    Etwas abgewandelt, ist ihre Frage genau die, die die meisten Bürger sich stellen.
    Die an der Spitze stehen, könnten sich auch unter den Bürgern einreihen. Und so sind sie mit uns gleich, in allen Fehlern in allem Leisten.

    • SarahA
    • 24.02.2010 um 13:18 Uhr

    Diese Frau hat sich immer wieder als Moralaposten aufgespielt. Noch vor wenigen Tagen hat sie Westerwelles Aussagen als Gefährlich bezeichnet. Nun frage ich mich, was ist gefährlicher. Kritik zu äußern oder betrunken durch die Gegend zu fahren?
    Was wäre wenn sie Jemanden überfahren hätte? Unwahrscheinlich war das ja nicht bei ihrem alkolisierten Zustand. Und wie soll so eine Frau den Menschen Beistand leisten, die ihre Angehörige bei einem Autounfall verlieren und bei der Kirche trost suchen?
    Alkohol am Steuer ist kein Kavaliersdelikt! Es ist extrem gefährlich und der Staat finanziert mit sehr viel Geld Gegenkampagnen um darauf aufmerksam zu machen... und dann kommt diese Frau, die eigentlich genug Geld für ein Taxi haben sollte, und fährt betrunken durch die Gegend. Diese Frau hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Sie liebt nicht ihren Nächsten, sondern nur sich selbst und ihre "Karriere". Verantwortungsvoll ist sie auch nicht. Denn wer seinen Nächsten liebt, der fährt nicht betrunken. Der denkt an die Konsequenzen seiner Handlungen.

    Kann wirklich nicht nachvollziehen wie man sie verteidigen kann.

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    Das unterschreibe ich zu 100 %. Es wird auch nicht Ihre 1. Fahrt unter Alkohol gewesen sein. Bei 1,54 Promille war Sie "besoffen" mit Ausfallerscheinungen. Das ist inaktzeptabel. Wer das leben anderer so krass "vorsätzlich" gefährdet hat auf dem EKD Posten nichts verloren. Alles andere ist heuchelei. Hätte mich mal interessiert, wie die Kommentare der "im Amt bleiben Befürworter" ausgefallen wären, wenn der Sachverhalt dem wenig symphatischen Bischof Mixer passiert wäre.

    Ich bin angewidert, wie unsere Bischöfin hier dargestellt wird. Sicherlich ist Trunkenheit am Steuer eine Straftat, der nachgegangen und die rechtlich verfolgt werden muss. Aber sie ist auch ein Fehler, vor denen selbst Frau Käßmann nicht gefeit ist. Ich finde es erschreckend, wie schnell eine Person - Bischöfin hin oder her - den erlangten Respekt verlieren kann, den sie sich jahrelang durch harte und erstaunenswert gute Arbeit verdient hat. Schlimmer noch, wie sehr das menschliche hier vernachlässigt wird und ausschließlich Frau Käßmann als Bischöfin, nicht aber als Person beurteilt wird. Als Bischöfin hat sie nämlich einen grandiosen Job gemacht, und als Mensch ein Fehler. Der Verfasser des Artikels hat Recht; Perfektion ist etwas was wir in uns suchen, in anderen Menschen zu finden meinen und enttäuscht sind, wenn die Realität uns ins Auge blickt. Das Frau Käßmann's Verhalten Menschen hätte gefärden können, ist hier klar, trotzalledem frage ich mich, ob ihr - ihr Kommentatoren - so fehlerfrei seid?! Den Finger zu zeigen ist einfach, sich selbst im Spiegel zu betrachten fällt da schon schwerer. Und trotz ihres Fehlers, habe ich großen Respekt vor Frau Käßmann,als Amtsträgerin und Menschen, denn nocheinmal zeigt sie uns Deutschen, was es heißt zu seinen Fehlern zu stehen und aus ihnen zu lernen. Denn ich denke grade da könnten sich so manche ein Scheibchen von abschneiden.

    Das unterschreibe ich zu 100 %. Es wird auch nicht Ihre 1. Fahrt unter Alkohol gewesen sein. Bei 1,54 Promille war Sie "besoffen" mit Ausfallerscheinungen. Das ist inaktzeptabel. Wer das leben anderer so krass "vorsätzlich" gefährdet hat auf dem EKD Posten nichts verloren. Alles andere ist heuchelei. Hätte mich mal interessiert, wie die Kommentare der "im Amt bleiben Befürworter" ausgefallen wären, wenn der Sachverhalt dem wenig symphatischen Bischof Mixer passiert wäre.

    Ich bin angewidert, wie unsere Bischöfin hier dargestellt wird. Sicherlich ist Trunkenheit am Steuer eine Straftat, der nachgegangen und die rechtlich verfolgt werden muss. Aber sie ist auch ein Fehler, vor denen selbst Frau Käßmann nicht gefeit ist. Ich finde es erschreckend, wie schnell eine Person - Bischöfin hin oder her - den erlangten Respekt verlieren kann, den sie sich jahrelang durch harte und erstaunenswert gute Arbeit verdient hat. Schlimmer noch, wie sehr das menschliche hier vernachlässigt wird und ausschließlich Frau Käßmann als Bischöfin, nicht aber als Person beurteilt wird. Als Bischöfin hat sie nämlich einen grandiosen Job gemacht, und als Mensch ein Fehler. Der Verfasser des Artikels hat Recht; Perfektion ist etwas was wir in uns suchen, in anderen Menschen zu finden meinen und enttäuscht sind, wenn die Realität uns ins Auge blickt. Das Frau Käßmann's Verhalten Menschen hätte gefärden können, ist hier klar, trotzalledem frage ich mich, ob ihr - ihr Kommentatoren - so fehlerfrei seid?! Den Finger zu zeigen ist einfach, sich selbst im Spiegel zu betrachten fällt da schon schwerer. Und trotz ihres Fehlers, habe ich großen Respekt vor Frau Käßmann,als Amtsträgerin und Menschen, denn nocheinmal zeigt sie uns Deutschen, was es heißt zu seinen Fehlern zu stehen und aus ihnen zu lernen. Denn ich denke grade da könnten sich so manche ein Scheibchen von abschneiden.

    • rabin
    • 24.02.2010 um 13:18 Uhr

    Die Argumentation ist nicht schlüssig. Heilig,nun, das wäre wohl ein zu viel. Heilig muss ein Vertreter der Kirche nicht sein, schön wäre es, aber doch eigentlich äusserst selten.
    Aber glaubwürdig muss sie schon sein. Wer über Wahrheit spricht, den Wert der Wahrheit, ich bin die Wahrheit und das Leben, sollte weder selbt lügen noch seine Organisation unterstützen, diese zu verbiegen. Wie kommt man auf einen Wert von 1,1 Promille, wenn 1,54 schon feststehen. Hat sie nicht gewusst, haben andere gemacht ? Vielleicht. Aber haben diese ohne jede Rückendeckung gearbeitet ? In einem so wichtigen Fall, oder war es der sehr untaugliche Versuch, das Vergehen herabzuspielen.
    Warum zweitens, trinkt Frau Bischöfin Wein in der Fastenzeit, wenn sie öffentlich Verzicht propagiert? Und nicht mal nur genippt, sondern offensichtlich kräftig getrunken, was auch immer.

    Nein, das ist nicht konsequent. Wenn eine Führungsperson einen erheblichen Fehler macht, der den Ruf der Organisation beschädigt, muss die normalerweise Konsequenzen haben, nicht nur das Strafverfahren.

    Normalerweise!

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