Nach dem schweren Erdbeben auf Haiti gerät auch wieder die Religion der Haitianer, der Vodou*, in den Blick. Obwohl der haitianische Ex-Präsident Aristide 2003 den Vodou explizit als Religion anerkannt hat, wird die Wahrnehmung dieser Religion noch immer von Klischeevorstellungen geprägt. Viele Menschen denken ausschließlich an Tieropfer oder mit Nadeln gespickte Voodoo-Puppen. Es ist die Rede von einem forschrittresistenten und blutigen Kult. Er halte die Haitianer fest in ihrer Armut und verschließe sie vor der notwendigen Modernisierung.

Dabei gibt der Vodou den Haitianern in schweren Zeiten Halt. Und Notzeiten sind in Haiti Dauerzustand. Ihre prekäre Situation lässt sich schwer mit geopferten Hühnern erklären. Die Ursachen sind eher in der kolonialen Vergangenheit und in politischen und ökonomischen Machtinteressen begründet.
 
Die Anhänger des Vodou selbst empfinden ihre Religion als eine integrierende Kraft und sein komplexes Glaubenssystem spendet ihnen Mut und Perspektive. Denn Vodou ist im Alltag verankert. Die Menschen bitten die loa, die unzähligen Götter des Vodou, in Ritualen um Hilfe, um Glück, Arbeit oder Geld. Es geht immer darum, das Leben des Einzelnen zu verbessern. Der Vodou hat beispielsweise auch ein elaboriertes System an künstlerischen Ausdrucksformen, an Heilpraktiken entwickelt.

Jeder Einzelne hat die Möglichkeit mit Hilfe der Besessenheitstrance Kontakt mit dem Göttlichen aufzunehmen, sofern er von den loa dazu bestimmt wurde. Er kann gar selbst zur Inkarnation der Gottheit zu werden. Es gibt keinen Klerus, keine heilige Schrift; der Vodou kann eine Vielzahl von Formen annehmen. Man könnte so weit gehen den Vodou aufgrund seines direkten und offenen Zugangs zur göttlichen Sphäre und seiner undogmatischen lokalen Auslegung als basisdemokratisch zu bezeichnen.

Ganz pragmatisch wurden auch christliche Vorstellungen und katholische Rituale in den Vodou integriert. Der père savanne, der so genannte Buschpriester, leitet heute ein jedes Vodou-Ritual mit katholischen Liturgien ein. Katholische Heilige werden mit den loa verglichen und teilweise mitverehrt. Dies geschah zu den Zeiten als die katholische Kirche  Vodou-Anhänger brutal verfolgte einerseits, um den Vodou unter einem Deckmantel des "rechten Glaubens" zu verstecken, andererseits aber auch aus Überzeugung. Vielen katholischen Heiligen wird eine starke Wirkmacht zugesprochen.
 
Als nach dem Erdbeben von Menschen berichtet wurde, die nach Gott rufend durch Port-au-Prince liefen, könnten sie sowohl den christlichen Gott als auch Bon Dieu (kreolisch: Bondye), die oberste Gottheit des Vodou und Herr aller loa, angerufen haben. Vielleicht gar beide gleichzeitig. Die Trennlinie ist im Bewusstsein der Vodou-Anhänger nicht so scharf wie in der westlichen Wahrnehmung.
 
Das Erdbeben auf Haiti wird von vielen Vodou-Priestern als Folge eines spirituellen Ungleichgewichts interpretiert. Denn im Vodou geschieht nichts ohne Grund. Krankheit beispielsweise hat nicht einfach nur eine pathologische Ursache, sondern liegt in einer gestörten Balance zwischen dem Leben des Einzelnen und der Welt der loa begründet. Das Gleichgewicht wird  durch den Dienst an den loa hergestellt.

Auch die Erde wird im Vodou als Wesen angesehen. Viele Anhänger beklagen, dass ihr in den vergangenen Jahrzehnten durch die ökologische Ausbeutung so viel Leid zugefügt wurde, so dass ihr Aufschrei nur konsequent sei. Auch die Korruption der herrschenden Elite und die Unterdrückung der Armen werden als Gründe für das Beben genannt. Die Götter begehren gegen die entstandene Disharmonie auf. Die Entladung der negativen Energie kann in diesem Sinne als Versuch der Neuschöpfung der Welt, als "creatio dei", interpretiert werden.
 
Entsprechend wird es als Zeichen interpretiert, dass alle manifesten Insignien der Macht durch das Erdbeben vom 12. Januar zerstört worden sind: der Präsidentenpalast, die katholische Kathedrale auch das UN-Hauptquartier-Gebäude, die für viele vodoutreue Haitianer auch Symbole der Unterdrückung waren.
 
Was aus Sicht der Gläubigen jedoch gegen einen reinigenden Neuanfang spricht, sind die Massengräber. Um Seuchen zu vermeiden wurde ein Großteil der mindestens 200.000 Erdbebenopfer auf diese Weise beerdigt. In der Vorstellungswelt des Vodou müssen jedoch spezifische Bestattungsriten durchgeführt werden, damit die Seele des Toten ruhen kann.
 
Beim Tod eines Menschen trennt sich der Teil der Seele, der als "ti bon ange", kleiner guter Engel, bezeichnet wird, vom Körper. Im Gegensatz zum "großen guten Engel", der direkt nach dem Tod zu Gott zurückkehrt, zieht der "ti bon ange" zur Reinigung in die mythische Unterwelt. Aus der muss er nach einem Jahr und einem Tag zurückgerufen werden. Im hounfour, dem Vodou-Tempel, geht er in der Energie der Ahnen auf.  
 
Aus dieser Energie generiert sich wiederum die Kraft der loa. Finden Bestattungen und die folgenden Rituale nicht korrekt statt, glauben die Menschen, dass die Seelen der Toten in irdischen Sphären verbleiben und die Lebenden plagen. Die der Seuchengefahr geschuldeten Massengräber werden so für Vodou-Anhänger zu einer weiteren, einer spirituellen Katastrophe.

Das Erdbeben zerstörte auch viele Vodou-Tempel, viele Priester kamen ums Leben. Wie die gesamte haitianische Bevölkerung muss sich nun auch der Vodou von der Katastrophe erholen. Seinen Anhängern wird er helfen Mut für den Neuanfang zu schöpfen und Sinn im Chaos zu finden. Deutsche Helfer berichten von unvorstellbarer Verzweiflung, aber auch von Vodou-Gesängen, die die Nächte von Port-au-Prince durchdringen.

* Die Autorin entscheidet sich für die Schreibweise "Vodou", die näher an der Realität der Haitianer ist als die anglifizierte Form. Die Schreibweise "Voodoo" entstand im Zuge der US-amerikanischen Besatzung Haitis Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde zusammen mit den Klischees von Zombies und Voodoo-Puppen in die ganze Welt getragen.