Es gibt Augenblicke, die brennen sich einem ins Gedächtnis. Franziska M.* und ihr Mann, sie wohnen in einer kleinen steirischen Gemeinde, statten dem Herrn Pfarrer in dessen Haus in Graz einen Überraschungsbesuch ab. Einer ihrer Söhne, damals zwölf, ist für ein paar Tage zu ihm nach Hause gefahren, um bei Reparaturarbeiten zu helfen. Den Augenblick an der Wohnungstür wird Frau M. nie mehr vergessen, obwohl er jetzt mehr als zwanzig Jahre zurück liegt. "Thomas* ist hinter dem Pfarrer gestanden, mit riesigen Augen. Er hat gesagt, er würde gern mit heimfahren. Der Pfarrer sagte: 'Aber geh, die paar Fenster streichen wir noch.' Ich hab dem Thomas gut zugeredet. Noch heute sehe ich seinen Blick vor mir", sagt Frau M.: "Und ich hab’s nicht kapiert."

Als Thomas am nächsten Tag vom Pfarrer heimkommt, trägt er eine fremde Unterhose. "Ich hab’ mich nicht fragen getraut", sagt Frau M., "ich hab’ mir gedacht, es wird was in die Hose gegangen sein." Missbrauch? "Damals haben wir von so etwas keine Ahnung gehabt." Ihre Familie ist sehr gottesfürchtig, engagiert sich in der Gemeinde, alle Söhne ministrieren. Einer der Buben sagt einmal: "Ich hab’ immer geglaubt, ein Pfarrer ist so heilig, dass er nicht einmal aufs Klo muss." Wie könnte er da etwas Unrechtes tun?

Das Beunruhigende an diesem neuen Fall: Obwohl damals schon viele Vorwürfe auf dem Tisch lagen, versetzte der damalige Bischof Johann Weber den Pfarrer nur in einen anderen Ort. Die zahlreichen Opfer des Priesters hingegen stoßen bei ihrer Suche nach Gerechtigkeit bis heute auf Schweigen, Desinteresse, Vertuschungen. Unter Bischof Egon Kapellari kam es immerhin zu einem Kirchengerichtsverfahren. Allerdings eines, das mit einer empörenden Entscheidung endete: Obwohl der Kirchenrichter "schuldig" urteilte, kam direkt aus dem Vatikan die Order, die Sache fallen zu lassen.

Thomas' Mutter hat eine Zeit gebraucht, bis sich ihr die Bedeutung der Episode mit dem Pfarrer in Graz erschloss. Eines Tages im Jahr 1989 – sieben Jahre, nachdem es das erste Mal passiert war – sagt es ihr der Älteste klipp und klar: "Der Pfarrer missbraucht Buben. Auch bei mir hat er es gemacht." Außer sich stürzt Frau M. zum Pfarrhof. "Der Pfarrer hat mich sofort in seine Wohnung gebeten. Weinend hat er sich entschuldigt und mir hoch und heilig versprochen, es werde nicht mehr vorkommen." Warum sie keine Anzeige erstattet hat? "Ich wollte einen Skandal vermeiden."

Ruhe sollte Frau M. aber bis heute nicht finden. Immer wieder hört sie etwas über andere Opfer, warnt andere Eltern, redet mit den Kindern. Sie fragt sie aber nie aus. Die Jungen zeigen ihren Zustand ohnehin auf andere Arten. Ein Sohn schreibt in seinen Berufsschulaufsätzen ständig über Selbstmord. Jahrelang wird er von Panikattacken heimgesucht. Ein anderer kommt als Halbwüchsiger fast eine Stunde lang nicht aus der Dusche. Später stellt sich heraus, dass er noch nicht einmal zur Schule ging, als der Pfarrer ihn das erste Mal anfasste.

1998 ist der Pfarrer plötzlich weg. Wegen Krankheit beurlaubt, heißt es. Bis heute ist nicht bekannt, wer den damaligen Bischof Weber informiert hat. Der Pfarrer verschickt Briefe: Er sei nur ein Opfer von Verleumdung. In kürzester Zeit ist das Dorf gespalten. "Ihr habt den armen Pfarrer vertrieben", sagen die einen zu denen, die von Kindesmissbrauch sprechen. Die beiden Gruppen haben sich nie mehr versöhnt.

Das Ehepaar M. bittet Weber, den Pfarrer keinesfalls wieder in einer Gemeinde einzusetzen. "Er hat uns barsch unterbrochen", erzählt Frau M., die über alle Vorfälle in der Causa seit vielen Jahren akribisch Tagebuch führt. "Er sagte: ,Ich will, dass es in eurem Ort endlich Ruhe gibt.‘" Und: "Wenn ihr euren neuen Pfarrer auch noch vertreibt, kriegt ihr keinen mehr." Frau M. sagt, es sei ihnen nie um Rache gegangen: "Wir wollten nur Gerechtigkeit und dass das keinem Kind mehr passiert." Nach einem Jahr bekommt der beurlaubte Priester mehrere neue Gemeinden anvertraut.