Auch heute noch geht sie manchmal in Gedanken die Treppe zum Schlafzimmer hoch. Die Treppe zum Schlafzimmer ihres Onkels, des Priesters. Aber sie hat keine Angst mehr davor. Die Treppe, das Schlafzimmer, ihr Onkel haben keine Macht mehr über ihr Leben.

Sie hat lange mit sich gekämpft, um den Erinnerungen, den Bildern im Kopf einen festen Ort zuzuweisen. Damit sie nicht umherschwirren und ihr auf Schultern, Rücken und in den Bauch drücken. Damit sie ihr nicht die Lust am Leben nehmen. Psychologen haben ihr beim Festzurren der Bilder geholfen. Christine H. wurde als Kind missbraucht. Dass sich seit zwei Monaten täglich Männer und Frauen an die Öffentlichkeit trauen und von ihren furchtbaren Erfahrungen mit Priestern und Lehrern erzählen, wirkt auf sie wie eine erneute Therapie. Es hat ihr Mut gemacht, jetzt auch selbst in die Öffentlichkeit zu gehen – mit abgekürztem Namen. Aber immerhin. Die Geschichte von Christine H. ist auch eine Geschichte der Befreiung.

Sie beginnt in den sechziger Jahren in einem Dorf in der Nähe von Trier. Damals saß sie als kleines Mädchen oft unterm Tisch, wenn der Vater ausholte, um sie und ihre Geschwister zu verprügeln. Die Mutter griff dem Vater nicht in den Arm, sie war selbst unglücklich und überfordert. Der Vater war ein Trinker. Manchmal fand er Arbeit, meistens saß er zu Hause. Die Eltern bekamen vier Jungen und vier Mädchen. Christine war die Jüngste. „Dich hätte es nun wirklich nicht mehr gebraucht", sagte die Mutter zu ihr und zog die Hand weg, wenn sie danach griff.

Nur zwei Onkel waren nett. Der eine Künstler, der andere Priester. Der Künstler-Onkel starb, als Christine sieben war. Blieb Onkel Michael, Pater des Steyler Missionsordens. Er freute sich, wenn sie ihn besuchte. Und das war oft der Fall. Die Mutter gab die Kinder gerne weg, manchmal wochenlang, um ihre Ruhe zu haben.

Onkel Michael, der Priester, konnte gut mit Kindern, sagt Christine H. Hatte im Wald ein Häuschen für die Kinder gebaut, im Sommer sollten sie sich nackt ausziehen, "um herumzuspringen, wie Gott uns gemacht hat". Als Christine zehn Jahre alt war, verbrachte sie die Sommerferien alleine bei ihm in einem Dorf im Hunsrück, wo er als Gemeindepfarrer arbeitete. Er trug immer den langen schwarzen Talar. Wenn er in der Kirche die Messe las, saß die Nichte in der ersten Reihe. "Er war der liebe Gott für mich", sagt Christine H.

Er lobte sie, wenn sie ein Bild gemalt hatte, und warf es nicht gleich weg wie die Mutter. Er schenkte ihr Bonbons und nahm sie in den Arm. Er grapschte ihr aber auch an den Po, und wenn sie sich zu ihm auf den Schoß setzte, tastete er ihr zwischen den Beinen herum. "Red kein dummes Zeug", habe die Mutter gesagt, als sie ihr nach den Ferien davon zu erzählen versuchte. Onkel Michael war der Einzige in der Familie, der es aus den ärmlichen Verhältnissen herausgeschafft hatte. 1933 war er in Rom geweiht worden, danach schickte ihn sein Orden nach Argentinien und Spanien, er war wer, ein Mann von Welt. Was zählte da das Gerede einer Zehnjährigen?

An diesem Tag im März sitzt Christine H. am Wohnzimmertisch in einem schönen, gutbürgerlichen Stadtteil in Berlin. Durch die breite Fensterfront zum Garten hin fällt viel Frühlingssonne in den Raum. Sie ist 49 Jahre alt und arbeitet als Krankengymnastin, Heilpraktikerin und Schmerztherapeutin. Nebenan ist das Behandlungszimmer. Wenn die Kraft ihrer Hände nicht reicht, um die Verspannungen ihrer Patienten zu lösen, hat sie noch Akupunkturnadeln und Schröpfgläser im Schrank. Aber an diesem Vormittag arbeitet sie erst später.