Für viele wurde sie über Nacht zum Idol, Eiferer in islamischen Internetforen forschen nach ihrer Adresse und bedrohen sie mit dem Tod. Von Kopf bis Fuß in ein schwarzes Gewand gehüllt, ihr Gesicht bis auf einen schmalen Sehschlitz verdeckt, feierten die 2000 Zuhörer die junge saudische Dichterin auf der Bühne des Al-Raha-Theaters in Abu Dhabi mit stehenden Ovationen. Am Ende wählten Jury und Publikum sie mit 47 von 50 Punkten als erste Frau zusammen mit vier Männern ins Finale des populären TV-Poesiewettbewerbs "Dichter für Millionen", wo ihr am Mittwoch nächster Woche ein Preis von einer Million Euro winkt.

Während die Konkurrenten mit traditionelle Oden die Schönheiten des Beduinenlebens und den Ruhm der arabischen Herrscher besangen, knöpfte sich Hissa Hilal aus Riyadh in ihrem Fünfzehnzeiler den heimischen Klerus und dessen absurde Fatwas vor – ein unerhörter Tabubruch und noch dazu live im Fernsehen. Die muslimischen Prediger "sitzen auf ihren mächtigen Thronen, terrorisieren die Leute und wildern wie Wölfe unter den Menschen, die nur ihren Frieden suchen", las sie mit fester Stimme, immer wieder von Hochrufen aus dem Saal unterbrochen.

Das Erlaubte werde ins Unerlaubte verdreht – und ein Monster krieche aus seinem Versteck, "böse in der Stimme, barbarisch im Denken, wütend und blind – gehüllt in den Tod als Gewand und zusammengeschnürt von einem Gürtel" – eine Anspielung auf die Sprengstoffgürtel von Terroristen.

Millionen Zuschauer sehen die wöchentliche Poesie-Show, die seit vier Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten produziert und über zahlreiche Satellitenkanäle ausgestrahlt wird. Lyrik steht hoch im Kurs in der arabischen Welt. Manche Dichter haben Fan-Gemeinden wie im Westen nur berühmte Popstars. Jedes Jahr treten 48 Bewerber aus 12 arabischen Ländern gegeneinander an, Woche für Woche scheidet einer aus, bis fünf Finalisten übrig bleiben.

Bewertet werden Stimme, Vortrag und Thema, erläutert Sultan al-Amimi, Mitglied der dreiköpfigen Jury und Chef der Akademie für Dichtung in Abu Dhabi. Hissa Hilal, die Mutter von vier Kindern ist, nennt er "eine mutige Dichterin". Den Gesichtsschleier trage sie nicht, weil sie konservativ sei, erläutert diese, "sondern um sich in die Gepflogenheiten der Gesellschaft einzuordnen". Ihre Verse will sie verstanden wissen als Kritik an dem Einsatz von Fatwas in der arabischen Welt generell und deren wachsender Popularität unter Extremisten.

Ihr Publikum dagegen sieht ihre Reime vor allem als Angriff auf den ultrakonservativen Scheich Abdulrahman bin Nasser al-Barak. Der hatte in seiner jüngsten Fatwa verlangt, wer für eine Aufhebung der Trennung von Männer und Frauen eintrete, solle exekutiert werden. In Saudi-Arabien ist der öffentliche Umgang von Männern und Frauen, die nicht miteinander verheiratet sind, strikt untersagt. Sie dürfen nicht zusammen ausgehen, Taxi fahren oder im Restaurant essen. "Extremismus macht sich immer mehr breit – nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch in Ländern wie Ägypten, Jordanien und Syrien", sagt Hissa Hilal und fügt hinzu. "Mein Gedicht sollte allen arabischen Frauen eine Stimme geben. Denn sie wurden zum Schweigen gebracht von Leuten, die unsere Kultur und unsere Religion gekidnappt haben."

Aus dem Tagesspiegel