Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) begrüßte den Vorstoß der bayerischen Bischofskonferenz, schließlich sei die Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs "eine wichtige Aufgabe": Als erste Instanz in der katholischen Kirche in Deutschland hatten sich die bayerischen Bischöfe vergangene Woche dafür ausgesprochen, in den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz die Meldepflicht an die Staatsanwaltschaft bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch oder körperliche Misshandlung festzuschreiben.

Unabhängig davon sei dies sofort zu praktizieren, heißt es bei der bayerischen Bischofskonferenz. Bisher ist die Kirche dazu nur bei erhärtetem Verdacht verpflichtet sowie bei nicht verjährten Fällen. Auch ältere Fälle, die möglicherweise verjährt sind, sollen so nachträglich zur Prüfung an die Justiz gegeben werden können. "Die Opfer benötigen Hilfe zur Heilung der seelischen Wunden", sagte der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, zum Abschluss der Vollversammlung der Bischofskonferenz.

Genau diese Hilfe jedoch sehen Opferverbände gerade durch eine Meldepflicht bedroht. Iris Hölling ist Geschäftsführerin der Beratungsstelle Wildwasser e.V. in Berlin, die Mädchen und Frauen berät, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Zwar sei ein Gerichtsverfahren die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass ein Täter an anderer Stelle einfach weitermachen könne. Doch sei solch ein Verfahren nicht jedem Opfer ohne weiteres zumutbar. Nicht zuletzt würden Betroffene ihre Aussage unter dem öffentlichen Druck häufig zurückziehen oder einfach schweigen, sodass das Verfahren eingestellt werde. "Bei einer Meldepflicht für Institutionen sollte sichergestellt sein, dass Betroffene eine Anlaufstelle haben, bei der sie vertraulich sprechen können, ohne dass gleich ein Automatismus in Gang gesetzt wird", sagte Hölling.

Ursula Enders, Vorsitzende des Kölner Opferverbandes Zartbitter e.V., ist sich sicher, dass eine Meldepflicht Opfer davon abhalten wird, sich mit dem Erlittenen anderen anzuvertrauen. "Opfer in Institutionen sind öffentliche Opfer. Sie haben keinen Schutz davor, öffentlich noch einmal entblößt zu werden. Ein Mädchen, das einen Lehrer anzeigt, muss davon ausgehen, dass es in der Schule gemobbt werden wird." Wie Iris Hölling weiß Enders aus der Beratungsarbeit, dass Opfer unter starkem Druck ihre Anschuldigungen häufig zurückziehen.

Noch etwas kommt hinzu: Vom Verhör eines betroffenen Kindes oder Jugendlichen bei der Polizei bis zu Eröffnung eines Gerichtsverfahren vergeht oftmals viel Zeit, manchmal zwei Jahre oder mehr. Enders berichtet, häufig rieten Mitarbeiter der Behörden Eltern davon ab, ihren Kindern in der Zeit therapeutische Hilfe oder auch nur Beratung durch Fachstellen zukommen zu lassen. Der Grund: In Glaubwürdigkeitsgutachten kann sich das negativ auswirken. "Man unterstellt Beeinflussung durch die Therapeutin oder den Berater, so zynisch das ist", sagt Hölling.

Statt einer Meldepflicht plädiert Enders für einen gesetzlich geregelten Verhaltenskodex für Menschen, die in pädagogischen Berufen arbeiten. "Wenn ein Lehrer mit seinen Schülern Strip-Poker spielt, dann muss dafür gesorgt werden, dass er nicht mehr im pädagogischen Bereich tätig ist".

Wie die katholische Kirche in Bayern den Schutz der Opfer bei einer Meldepflicht an die Staatsanwaltschaft sicherstellen will? "Wir werden jeden Einzelfall sorgfältig prüfen", sagte ein Sprecher des Erzbistums München und Freising ZEIT ONLINE.