Kardinal Edward Egan gehört zur High Society New Yorks. Der ehemalige Erzbischof der Metropole feiert Feste mit Opernsängern und Schauspielern, mit Schriftstellern und Politikern. Im US-Wahlkampf lud er sowohl Barack Obama als auch John McCain zu einem großen Spendendinner ein. In festlicher Robe scherzte er mit den beiden Kandidaten im Ballsaal des edlen Waldorf-Astoria-Hotels.

Doch zuletzt hat sich der Edelpater seltener auf Partys blicken lassen. Denn im vergangenen Dezember musste die Diözese von Bridgeport, in der Egan früher Bischof war, die Kirchenakten und Zeugenaussagen aus 23 Missbrauchsprozessen aus den 1990er Jahren veröffentlichen. Darunter sind auch Aussagen von Kardinal Egan, der inzwischen als Bischof von New York zurückgetreten ist. Die Kirche hatte den Opfern damals hohe Vergleichssummen gezahlt und ausgehandelt, dass die Dokumente im Gegenzug geheim bleiben.

Die New York Times und drei weitere Zeitungen hatten dagegen geklagt und Recht bekommen. Die Dokumente legen nahe: Bevor Egan zu einem der einflussreichsten Erzbischöfe der Welt wurde, hat er als Bischof in Bridgeport, Connecticut, jahrelang Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester vertuscht. Er hat pädophile Priester aus der einen in die nächste Gemeinde versetzt. So wollte Egan sich und seine Diözese vor schlechter Presse schützen. Aus den Protokollen geht hervor, dass Egan den Opfern nicht geglaubt und ihnen sogar vorgeworfen hat, sie wollten mit ihren Beschuldigungen nur der Kirche schaden. "19 Opfer haben Vorwürfe erhoben, Bischof Egan, halten Sie das nicht für eine bedeutende Anzahl?", wurde Egan bei der Zeugenvernehmung im Gericht gefragt. "Ich glaube nicht, dass bei 360.911 Gemeindegliedern 19 Opfer eine signifikante Zahl sind", antwortete Egan.

Auch vorher gab es bereits Anlass, sich Egans Wirken genauer anzuschauen. 2002 enthüllte der Boston Globe durch eine Reihe von Berichten erstmals die Missbrauchsfälle an der katholischen Kirche in den USA. Wenig später geriet Egan in die Schlagzeilen. Plötzlich meldeten sich immer neue Opfer aus zahlreichen amerikanischen Gemeinden. Zwei Jahre später veröffentlichte die US-Bischofskonferenz selbst einen erschreckenden Bericht: Zwischen 1950 und 2004 bestätigte sie 6700 Missbrauchsvorwürfe gegen 4392 Priester. Die meisten Opfer waren zwischen 11 und 17 Jahre alt. 3300 Priester waren bereits verstorben, als der Bericht veröffentlicht wurde, gegen 384 der restlichen wurde ermittelt, 252 wurden verurteilt. Nur 100 kamen ins Gefängnis. Das Prinzip war immer das gleiche: Die Kirche hatte die pädophilen Priester nicht angezeigt, sondern lange nur weiter versetzt, weil sie Angst vor strafrechtlicher Verfolgung, vor Schadenersatzklagen und negativen Schlagzeilen hatte. So machten manche Priester in einer anderen Gemeinde einfach weiter wie bisher. Die Bischofskonferenz erklärte, dass Missbrauch früher als "spirituelles Problem” angesehen worden sei, als eine Sünde, die man beichten und die vergeben werden konnte.