"Ohne Zivis würden unsere Mitarbeiter nicht alles schaffen," sagt Daniela Weisser-Brunschen, Leiterin eines Behindertenpflegewohnheims in Berlin. Die Einrichtung  beschäftigt sieben Zivildienstleistende. Sie arbeiten im Schichtdienst mit den schwerstbehinderten Bewohner, und wohnen im kleinen "Zivihaus" nebenan. Für die meisten von ihnen ist es das erste Mal, dass sie von zuhause weg sind und das erste Mal, dass sie praktisch arbeiten.

Derzeitig dauert der Zivildienst neun Monate. Die Bundesregierung plant jedoch die allgemeine Wehrpflicht auf sechs Monate zu verkürzen, was auch den Zivildienst betreffen würde. Es ist zweifelhaft, ob der soziale Dienst dann noch Sinn macht. Denn das, was die Zivildienstleistenden für die Einrichtungen so wertvoll macht, ihre Zeit, wird dadurch knapp.

Reguläre Mitarbeiter, sagt Weisser-Brunschen, haben oftmals nur eine halbe Stelle. Damit decken sie zwar die Pflege der Heimbewohner ab, für mehr bleibt jedoch oft keine Zeit. Die Zivildienstleistenden dagegen haben Zeit. Sie sind jeden Tag da, sie können sich viel mit den Bewohnern beschäftigen. Neben dem Notwendigen bleibt Raum für anderes: Spaziergänge, Vorlesen, Spiele. Nur die wenigsten der 48 Bewohner in Weisser-Brunschens Wohnheim können sich mit Worten ausdrücken. Verständnis für diese Menschen zu entwickeln, braucht Zeit. Manchmal viele Monate.

Viele Verbände und Einrichtungen befürchten nun, dass das Vorhaben der Bundesregierung dem Zivildienst eben jene Zeit nehmen wird. Thomas Niermann, Zivildienstexperte des Paritätischen Wohlfahrtsverband, erklärt es anhand einer einfachen Rechnung: "Die Zivildienstleistenden machen zu Beginn eine gesetzlich verpflichtende vierwöchige Einführung, dazu kommen weitere Schulungstage und Urlaub. So bleiben von sechs Monaten Zivildienst noch vier Monate übrig."

Einrichtungen, die Zivildienstleistende in ausbildungsintensiven Bereichen wie dem Krankentransport einsetzen, haben bereits signalisiert, dass sie in Zukunft auf die jungen Leute verzichten wollen. Auch der Einsatz im sozialen Bereich steht auf der Kippe. Der organisatorische Aufwand, heißt es, sei zu groß, der Nutzen zu gering. Vor allem bei der Arbeit mit Senioren und geistig Behinderten ist Kontinuität sehr wichtig. Die ist in Gefahr, wenn alle sechs Monate oder noch häufiger ein neuer Zivi auftaucht.

Schon jetzt sind es jedes Mal ein kleines Drama, wenn ein Zivildienstleistender geht. Immer gebe es "traurige Bewohner, traurige Zivis, traurige Mitarbeiter," sagt Weisser-Brunschen. Die jungen Männer, sagt die Heimleiterin, durchlaufen in den neun Monaten eine große Entwicklung. Zu Beginn seien sie noch sehr unselbstständig, am Ende stünden sie mehr im Leben. Jakob, der aus einem kleinen Dorf  an der Deutsch-Schweizer Grenze kommt, sagt: "Es hat mir sehr viel gebracht."