Verliert der Papst wenige Wochen vor seinem fünften Amtsjubiläum seinen engsten Mitarbeiter? Am 19. April ist der Deutsche Joseph Ratzinger fünf Jahre Papst. Tarcisio Bertone ist im Vatikan der mächtigste Mann hinter Benedikt, doch beliebt ist er nicht. Auch seine Kompetenz als Kardinalstaatssekretär, also als Ministerpräsident des Vatikan, ziehen inzwischen viele in der Kurie in Zweifel. Nun gerät er zum zweiten Mal in kurzer Zeit unter Druck.

Laden Sie sich hier den Briefverkehr im Fall Murphy zwischen höchsten kirchlichen Stellen als PDF herunter© Luca Zennaro/dpa

Weltweit macht inzwischen der Fall Lawrence Murphy Schlagzeilen, ehemals Direktor an einer amerikanischen Schule für Gehörlose. In dem Vorgang aus den späten neunziger Jahren scheint Bertone über zwei Jahre hinweg bemüht zu sein, die Entlassung des mutmaßlichen Sexualstraftäters aus dem Priesterstand zu verhindern, obwohl ein führender Erzbischof in den USA den Fall wiederholt in Rom vortrug. Bertone war bereits damals der Mann hinter Joseph Ratzinger, der als Präfekt der Glaubenskongregation über die Reinheit der Kirche zu wachen hatte.

Im Fall Murphy wird Bertone als Charakter sichtbar, der sich eher als Bremser, denn als Antreiber versteht – ein Vorwurf, der dem heutigen Kardinalstaatssekretär in der Kurie auch bei der Handhabung der Piusbrüder-Affäre gemacht wird. Weil Bertone den Papst nicht warnte, hob dieser im vergangenen Jahr die Exkommunikation eines Holocaust-Leugners auf. Damals wie heute ist Bertone der Mann hinter Benedikt, damals wie heute scheint er mit seinem unbeholfenen Versuch, seinem Vorgesetzten zu nutzen, ihm eher zu schaden.

Die problematische Rolle des heutigen Kardinals bei der Vertuschung der Taten von Father Lawrence Murphy ergibt sich aus der Synopse der folgenden Dokumente.

Sie sind ein Krimi in Akten.

  • "Your Eminence", so beginnt ein zweiseitiger Brief vom 17. Juli 1996 des Erzbischofs von Milwaukee, Rembert G. Weakland, an den Präfekten der Glaubenskongregation im Vatikan, Joseph Kardinal Ratzinger. Der Amerikaner bittet den Deutschen in Rom um Hilfe im Umgang mit dem Missbrauchstäter Father Lawrence Murphy. Murphy wird von mehreren Zeugen vorgeworfen, als Leiter des St. John's Instituts für Gehörlose in St. Francis, Wisconsin, zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 Kinder missbraucht zu haben. "Die Zeugenaussagen wurden der Kirche in gutem Glauben übermittelt und müssen ernst genommen werden", schreibt der Erzbischof nach Rom. Anlass für den Brief im Jahr 1996 ist, dass dem Erzbistum erst dann glaubhafte Opferberichte vorlagen. Weil die Kongregation zu diesem Zeitpunkt noch nicht für sexuellen Missbrauch zuständig war (die Regel wurde 2001 geändert), weist der Erzbischof darauf hin, dass ein Teil der Taten offenbar im Beichtstuhl begangen wurden. Dadurch ist nach kanonischem Recht das Beichtgeheimnis missbraucht worden – und für diese Verstöße ist die Kongregation mit Ratzinger an der Spitze zuständig. Weakland strebt eine Entfernung des Täters aus dem Priesterstand an.
     
  • Als Rom nicht reagiert, sendet der Erzbischof ein weiteres Schreiben an den Präfekten des höchsten vatikanischen Gerichts, des "Obersten Tribunals der Apostolischen Signatura", Gilberto Kardinal Agustoni. Auf zwei Seiten schildert der Erzbischof am 10. März 1997 den Fall erneut und bittet abermals um Rat. Im dritten Absatz beschreibt er, dass er sich an Joseph Ratzinger gewandt habe, "bisher habe ich darauf keine Antwort erhalten".
     
  • Der heutige Kardinal Tarcisio Bertone, der damals im Bischofsrang Sekretär der Glaubenskongregation und Ratzingers Stellvertreter war, reagiert schließlich mit zwei Antwortschreiben an den Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland.

    a) In einer ersten Antwort an Weakland vom 24. März 1997 bittet Bertone um eine Behandlung des Falles unter Hinweis auf ein vatikanisches Dokument von 1962, das zu strikter Vertraulichkeit verpflichtet.

    b) Bertones zweiter Brief vom 6. April 1998, nun unter der Überschrift "Vertraulich", nimmt eine Kehrtwende vor. Obwohl er zunächst einen Prozess gegen Father Murphy gebilligt hatte, solange er geheim bliebe, legt er jetzt de facto eine Niederschlagung des von Milwaukee gewünschten Amtsenthebungsverfahrens nahe, indem er lediglich (2. Seite, zweiter Absatz) "pastoral measures" anempfiehlt, also pastorale, d.h. rein seelsorgerische Maßnahmen für den Täter.

Woher die Kehrtwendung zwischen dem ersten und dem zweiten Brief?