Im Juli 2009 brachen fünf Bischöfe zu einer Reise auf. Sie hatten den Auftrag, die 150 weltweiten Einrichtungen der Legionäre Christi zu besuchen. Benedikt XVI. hatte sie auf eine Apostolische Visitation geschickt. Sie sollten prüfen, ob der katholische Orden vom rechten Weg abgekommen ist.

Die Berichte der Erzbischöfe Charles Chaput aus Denver, Ricardo Ezzatti aus Concepcion, Chile, und Ricardo Blázquez Pérez aus Valladolid und der Bischöfe Ricardo Watty Urquidi aus Tepic in Mexiko und Guiseppe Versaldi aus Alessandria, Italien, sollen an diesem Freitag in Rom besprochen werden. Der vatikanische Staatssekretär Tarcisio Bertone trifft hinter verschlossenen Türen mit den fünf Würdenträgern zusammen. Bereits im Vorfeld hatte der vatikanische Pressesprecher mitgeteilt, dass die Ergebnisse nicht veröffentlicht werden. Lediglich die Konsequenzen aus den Befunden würden kommuniziert. Welche Konsequenzen und Entscheidungen der Papst treffen wird, bestimmt er allein. Und er kann sich dafür Zeit lassen.

Bertone hatte den Ordensoberen der Legionäre, Álvaro Corcuera, bereits am 10. März über die bevorstehende Untersuchung unterrichtet. Es war der Geburtstag von Marcial Maciel, dem Gründer der Legionäre Christi. Offiziell ist der Heilige Stuhl bei einer Apostolischen Visitation darum bemüht, einen Blick in das Ordensleben zu werfen. Anders als das Wort jedoch suggeriert, handelt es sich nicht um ein lockeres Rendezvous. Eine Apostolische Visitation ist mehr Untersuchung als Besuch, mehr Inspektion als Kaffeekranz. Ein Visitator hat weitgehende Befugnisse, er allein trifft die Entscheidungen im Einklang mit den von Vatikan vorgegebenen Untersuchungszielen. So darf er Fragen an Ordensmitglieder seiner Wahl stellen, in die Ordensakten schauen und an dem Alltag des Ordens teilnehmen.

Auch in Deutschland stattete Erzbischof Ricardo Blázquez Pérez dem Orden im Dezember 2009 ein Besuch ab. In Bad Münstereifel, nahe bei Euskirchen, verfügen die Legionäre Christi über ein Noviziat, in dem 21 junge Männer zu Priestern ausgebildet werden. Der Orden ist mit ungefähr 40 Mitgliedern in Deutschland präsent.

Legionäre-Gründer Maciel war seit geraumer Zeit im Visier des Vatikans. Ihm wird vorgeworfen, Seminaristen vergewaltigt, drei Kinder mit zwei Frauen gezeugt und schließlich auch seine eigenen Kinder sexuell missbraucht zu haben. Auch soll Maciel von Rauschmitteln abhängig gewesen sein. Die Irrungen dieses Lebens wollte die Spitze des Ordens erst scheibchenweise zur Kenntnis nehmen. Im Februar vorigen Jahres gab sich der Orden "überrascht" über die "menschlichen Schwächen" des Ordensgründers. Schließlich folgte im vorigen März das Bekenntnis: "Wir bitten all jene um Verzeihung, die ihn in der Vergangenheit beschuldigt hatten und denen man keinen Glauben oder kein Gehör schenkte; wir konnten uns damals dieses Verhalten unseres Gründers einfach nicht vorstellen." Ein pädophiler und von Morphin abhängiger Ordensgründer und eine Ordensleitung, die zunächst nichts davon wissen wollte – bei den Legionären war so einiges vom rechten Weg abgekommen.  

 

Offiziell waren die Vorwürfe gegen den Ordensgründer schon seit Ende der neunziger Jahre bekannt. Damals reichten acht ehemalige Mitglieder der Kongregation eine formelle Beschwerde beim Vatikan ein. Sie sollen von Maciel im Alter zwischen zehn und 16 Jahre vergewaltigt worden sein. Einige unter ihnen erzählten gar, dass Maciel zugab, Papst Pius XII habe ihm das Recht für sexuelle Beziehungen gegeben – um seine Bauchschmerzen zu lindern. Doch Papst Johannes Paul II hielt bis zuletzt seine schützende Hand über den Ordensgründer. Teils weil Maciel durch ordentlichen Spendenakquise hervortrat, teils weil der Legionär Christi die reine Lehre des Katholizismus vertrat. Diese hatte der eifrige Gläubige, der 1941 den Orden in Mexiko gegründet hatte und 1944 zum Priester geweiht wurde, in einem Buch zusammengefasst, welches Johannes Paul II. stets zur Lektüre empfahl. Erst lange nach dem Tod des charismatischen Papstes kam heraus, dass das Buch ein Plagiat war. 

Die Loyalität zum Papst werden wohl Kardinal Josef Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation dazu bewogen haben, eine erste Untersuchung 2002 abzubrechen, die er 1999 begonnen hatte. Erst in den Monaten vor dem Tod von Johannes Paul II eröffnete der künftige Papst eine neue Untersuchung – noch im November 2004 hatte Papst Johannes Paul II den Legionären Christi die Verantwortung für das Päpstliche Institut Notre Dame Center in Jerusalem übertragen.

Als der polnische Papst im Sterben lag, machte sich der heutige Chefankläger der Glaubenskongregation, Monseigneur Charles Scicluna, auf den Weg nach Mexiko, um 20 Personen zu interviewen, auch solche, die sich als Opfer ausgaben. Ein Jahr nach dem Papst Benedikt XVI auf den Stuhl Petri Platz genommen hatte, schickte die vatikanische Glaubenskongregation Marcial Maciel in ein "zurückgezogenes Leben des Gebets und der Buße". Sein schlechter Gesundheitszustand rettete Maciel vor einem sicheren kirchenrechtlichen Verfahren. Schließlich starb er im Januar 2008 in den Vereinigten Staaten.

Welche Entscheidungen Papst Benedikt XVI nun auch trifft, sie könnten für die Legionäre Christi weitreichende Folgen haben. "Aus der Erfahrung wissen wir", sagt ein Sprecher der Deutschen Legionäre, "dass ein Orden für einige Zeit unter Leitung eines externen oder internen Kommissars gestellt werden kann". Wahrscheinlich ist auch, dass der Papst die gesamte Ordensleitung zum Rücktritt zwingt. Im schlimmsten Fall droht dem Orden die Auflösung. Ob das passiert ist jedoch fraglich.

Der Vatikan hat im Vorfeld versucht, die Vermutungen um eine Mitwissenschaft von Papst Johannes Paul II aus dem Weg zu räumen. So veröffentlichte die italienische Zeitung Il Giornale ein Schreiben der Glaubenskongregation an die Behörde für Heiligsprechungen. In dem Brief teilt der jetzige Präfekt Kardinal William Joseph Levada mit, Papst Johannes Paul II sei offenbar nicht umfassend über die Vorwürfe gegen Marcial Maciel informiert gewesen. Gleichwohl bestätigt das Schreiben, dass es an den Papst gerichtete Briefe mit Anschuldigungen gegen Maciel gegeben habe. Aus dem Schreiben geht nicht hervor, ob diese das ehemalige Kirchenoberhaupt je erreicht haben.