Wann immer man nachforscht, warum der Vatikan sich zwischen 1996 und 1998 einem "Amtsenthebungsverfahren" gegen Pater Lawrence Murphy so nachhaltig entgegenstellte, stößt man stets auf dieselbe Antwort: Der des sexuellen Missbrauchs von gehörlosen Kindern beschuldigte Geistliche sei alt und krank gewesen, vor allem aber lägen die ihm zur Last gelegten Taten lange zurück. Er habe in seinen letzten 24 Lebensjahren ein "friedliches", unbescholtenes Leben geführt.

So argumentierte bereits Murphy kurz vor seinem Tod in einem Gnadengesuch an Kardinal Joseph Ratzinger, den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation. So argumentierte auch Kardinal Tarcisio Bertone, die rechte Hand Ratzingers, gegenüber seinen amerikanischen Glaubensbrüdern. Der Grund: Der damalige Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland, wollte Father Murphy aus dem Priesteramt entfernen und in den Laienstand zurückversetzen. Den Vatikan bat er dabei um Beistand.

"Ich bin 72 Jahre alt, Eure Eminenz, und bei schlechter Gesundheit", schrieb Murphy am 12. Januar 1998 an Ratzinger, " ... ich habe sämtlichen Anweisungen der Erzbischöfe Cousins und Weakland Folge geleistet ... Es gibt, seit ich (die Gehörlosenschule von) St. John’s 1974 verließ, keine weiteren Anschuldigungen mehr gegen mich." Bertone schien ihm – ohne weitere Erkundigungen einzuziehen – Glauben zu schenken und unterwies am 6. April 1998 die Amerikaner, in einem möglichen Verfahren gegen Murphy zu berücksichtigen, dass dieser "immer alle Anweisungen" befolgt und "25 Jahre lang friedlich im nördlichen Wisconsin" gelebt habe.

Ein folgsames, reuiges, straffreies Leben nach 1974? Im vergangenen Jahr zeigte der inzwischen 45-jährige Donald Marshall aus West Allis in Wisconsin die Erzdiözese Milwaukee an und behauptet, Father Murphy habe ihn 1977 oder 1978 sexuell missbraucht. Es stimmt: Dieser Fall war damals, als um Murphys Amtsenthebung gestritten wurde, weder der Erzdiözese Milwaukee noch dem Vatikan bekannt. Aber ein Studium der bislang vorliegenden und veröffentlichten Akten ergibt: Sowohl in Milwaukee als auch im Vatikan hätte man viel skeptischer sein und nachbohren müssen. Hinweise auf weitere mögliche Verstöße Father Murphys und Verdachtsmomente gab es genug.

Aber Schritt für Schritt: Auf Druck der Erzdiözese von Milwaukee musste Lawrence Murphy 1974 seinen Direktorenposten an der Gehörlosenschule von St. John’s am Rande von Milwaukee aufgeben. Mehrere ehemalige Schüler hatten den damaligen Erzbischof William Cousins aufgesucht und ihm mithilfe eines Gebärdendolmetschers von Murphys sexuellen Übergriffen in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren berichtet. Auf eigenen Wunsch und mit Genehmigung des Erzbischofs zog Father Murphy in das Sommerhaus seiner Familie um, es liegt idyllisch an einem Forellensee in der Nähe der Stadt Boulder Junctio in der Erzdiözese Superior im nördlichen Wisconsin.

Murphy durfte Priester bleiben, aber ihm seien Auflagen erteilt worden, sagt die Sprecherin der Erzdiözese von Milwaukee, Julie Wolf, der ZEIT. Vor allem sollte er nicht mehr regelmäßig Messen lesen und sich von Jugendlichen fernhalten. Einen Vermerk über diese Auflagen gibt es nicht, jedenfalls ist er bislang nicht öffentlich.

Doch Julie Wolf gesteht ein, dass Father Murphy "gegen diese Auflagen immer wieder verstoßen" habe und die Kirchenoberen dies nicht richtig zur Kenntnis genommen hätten. Murphy half hin und wieder in St. Ann in Boulder Junction bei Messen aus, er betätigte sich als Gebärdendolmetscher für jugendliche Gehörlose und als Seelsorger in einem Jugendgefängnis.