Im Konflikt zwischen dem Vatikan und der New York Times um die Verwicklung des Papstes in die Vertuschung eines Missbrauchsfalles aus den USA in den späten neunziger Jahren wächst der Druck auf den wichtigsten Mitarbeiter des Papstes, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone . ZEIT ONLINE liegt ein geheimes Sitzungsprotokoll des Vatikans vor, das Bertone belastet. Das Protokoll ist Teil eines Briefwechsels zwischen dem Vatikan und dem damals für die Ermittlungen zuständigen Erzbischof von Milwaukee , Rembert Weakland, im sogenannten Fall Murphy. Der Briefwechsel ist der ZEIT von Anwälten früherer Opfer des Direktors einer katholischen Gehörlosenschule, Pater Lawrence Murphy, zur Verfügung gestellt worden, der zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 gehörlose Kinder sexuell missbraucht haben soll, unter anderem auch während der Beichte.

Der Fall Murphy ist Gegenstand einer Kontroverse zwischen dem Heiligen Stuhl und der New York Times , die vergangene Woche berichtet hatte , Papst Benedikt sei in seiner früheren Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation in Versuche verstrickt, die Bemühungen des örtlichen Erzbischofs zu unterlaufen, Pater Murphy mithilfe eines kirchenrechtlichen Verfahrens aus dem Priesterstand zu entfernen. Benedikts Nachfolger als Präfekt der Glaubenskongregation und oberster US-Amerikaner im Vatikan, der Kurienkardinal William J. Levada, hatte in der Osterwoche die entsprechende Berichterstattung der New York Times als "unfair" und "albern" bezeichnet.

Die Dokumente, die ZEIT ONLINE an Ostern als Faksimile zugänglich gemacht hat , zeigen, dass das Hilfeersuchen des ermittelnden US-Erzbischofs im Fall Murphy zwar in der Tat – wie von der New York Times behauptet – an den damaligen deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger gerichtet war. Allerdings wurde der Fall im weiteren vom damaligen Sekretär der Kongregation, Ratzingers Stellvertreter Tarcisio Bertone gehandhabt. Bertone, der inzwischen zum Kardinal ernannt wurde, bekleidet heute unter Papst Benedikt XVI. das wichtigste administrative Amt im Vatikan, die Leitung des sogenannten Kardinalstaatssekretariats, das in seiner Funktion der Rolle eines Ministerpräsidenten des Kirchenstaates entspricht.

Levada hatte den Papst vergangene Woche in einer ungewöhnlich konfrontativ gehaltenen Attacke gegen die New York Times verteidigt. "Entschuldigen Sie, Redakteure!", schrieb Levada und griff mehrere Mitarbeiter der Zeitung namentlich an, darunter die Korrespondentin Laurie Goodstein, die den Fall Murphy aufgebracht hatte, sowie die renommierte Kolumnistin Maureen Dowd, der er "albernes Nachplappern" von Goodsteins Bericht vorwarf. Als Amerikaner "muss ich sagen, ich bin nicht stolz auf Amerikas führende Zeitung." Der Dekan des Kardinalskollegiums Angelo Sodano wiederum hatte Kritikern des Papstes am Ostersonntag "Geschwätz" vorgeworfen und Benedikt als "unfehlbaren Felsen der Heiligen christlichen Kirche" gerühmt.

Kardinal Levada hatte seine Kritik an der New York Times mit Hinweis auf mehrere Textstellen begründet: "Ich sehe mich bestärkt in meinem Vorwurf, dass es der Times in ihrer Berichterstattung über Papst Benedikt an Fairness mangelt." Der Präfekt der Kongregation erklärte: "Als vollbestalltes Mitglied der römischen Kurie habe ich nicht die Zeit, mich mit den weiteren, fast täglichen Berichten der Times auseinanderzusetzen." Das schriftlich verbreitete Statement schließt mit dem Appell: "Ich fordere die Times auf, Ihren Angriffsmodus auf Papst Benedikt XVI zu überdenken und der Welt einen balancierteren Blick auf einen Mann zu bieten, auf den sie bauen kann und sollte."

Über Ostern musste Levada allerdings einräumen, er habe 1994 in seiner damaligen Eigenschaft als Erzbischof von Portland im US-Bundesstaat Oregon einen des Kindesmissbrauchs beschuldigten Priester nach einer Auszeit wieder in der Gemeindearbeit eingesetzt. Dem Pfarrer sei jedoch jeder Kontakt mit Kindern und Jugendlichen untersagt worden, verteidigte sich Levada. Er reagierte damit auf Vorwürfe von Anwältinnen mutmaßlicher Missbrauchsopfer im US-Staat Oregon.