Um 14 Uhr am Freitagnachmittag ist die Theaterhalle der Odenwaldschule in Ober-Hambach gut gefüllt. Für das Schülerparlament sind eigene Sitzreihen reserviert, genauso wie für die Presse. Eine Menge älterer Herren mit Bärten, Baskenmützen und Wollpullovern hat sich versammelt, Altschüler aus den fünfziger Jahren bis in die jüngste Vergangenheit sind gekommen, Lehrer und Eltern. Man habe bis auf einige selbst gemalte Bilder von Altschülern alle Dekoration abgenommen, sagt Schulleiterin Margarita Kaufmann zur Begrüßung. Auch symbolisch will man den Willen zur Aufklärung deutlich machen.

Wie soll es mit der Odenwaldschule weitergehen, jetzt, nachdem vielleicht das ganze Ausmaß des sexuellen Missbrauchs bekannt geworden ist? Darum soll es heute gehen. Weitere Fragen stehen im Raum: Warum hat die Schule Ende der neunziger Jahre, als sich zwei Altschüler an die Leitung wandten, offensichtlich vertuscht und nicht weiter nachgeforscht? Warum wollen die am Missbrauch nicht beteiligten Lehrer in den siebziger und achtziger Jahren von den Machenschaften ihrer Kollegen nichts bemerkt haben? Und wenn sie doch davon wussten: Warum handelten sie nicht?

Hier und heute wäre Gelegenheit, ein wenig Licht in dieses Dunkel zu bringen. Es ist anzunehmen, dass sich auf den Rängen der ein oder andere Lehrer finden ließe, der zu jener Zeit an der Odenwaldschule unterrichtete, mit Schülern auf dem Gelände lebte, die anderen Kollegen kannte.

Auf dem Podium sitzen die mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragte Anwältin Claudia Burgsmüller, Julia von Weiler von der Hilfsorganisation Innocence in Danger und vier Altschüler: Die Fernseh-Moderatorin und Autorin Amelie Fried, der Geschäftsmann Quintus von Tiedemann, der Journalist Johannes von Dohnanyi und der Theaterintendant Thomas Bockelmann. Der Tübinger Pädagogikprofessor Ulrich Hermann moderiert das Treffen.

Sie sei hier "sehr, sehr gerne" Schülerin gewesen, sagt Fried zu Beginn. Doch es sei nun an der Zeit zu klären, ob die Schule es wert sei, gerettet zu werden.

Dieselbe Frage stellt von Dohnanyi. Und wenn die Odenwaldschule es wert sei, wie die Rettung denn gelingen könne. Dohnanyi, der in dieser Woche in der ZEIT Väter und Mütter von Odenwaldschülern der Mitwisserschaft und des bewussten Schweigens bezichtigt, sagt, er habe hier seine beste Schulzeit verbracht. Über den ehemaligen Schulleiter und Hauptbeschuldigten Gerold Becker sagt er: "Er war ein fabelhafter Pädagoge."

Auch Thomas Bockelmann spricht von seiner guten Zeit an der Schule. Doch er sagt auch gleich zum Auftakt: "Es kann nicht sein, dass es keine Lehrer gab, die nicht davon wussten." Die Schüler hätten sogar Lieder gedichtet über die Vorliebe Gerold Beckers für Jungen. "Der Becker, der Becker, der findet Jungens lecker", stimmt er an.

Quintus von Tiedemann, von 1973 bis 1976 an der Schule, nennt seine Zeit "durchaus traumatisch, aber auch wunderschön." Er habe keinen sexuellen Missbrauch erlitten, wohl aber "permanente Grenzverletzung." Der Lehrer Wolfgang H., heute vielfach des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, habe ihn "permanent angebaggert." Auf einer Klassenreise an den Gardasee habe H. sich ihm zum ersten Mal genähert. "Er kam in knapper Unterhose in das Zelt und wollte mit mir kuscheln. Ich habe ihn abgewehrt." Viele weitere Versuche H.s folgten.

Als Tiedemann den eigenen Eltern davon erzählte, hielt ihm der Vater Spießertum vor. Seine Mutter sagt heute, sie habe ihm damals schlichtweg nicht geglaubt.

"Du bist in der H.-Familie, Du schwuler Bock!" Mit diesen Worten sei man damals von Mitschülern gehänselt worden, wenn man "in der falschen Familie" war, sagt Tiedemann. Als er wegen dieser Hänseleien und der Bedrängnisse durch H. zu Becker ging und um Hilfe bat, antwortete der nur: "Hör mal, Du musst hier nicht auf der Schule sein." Das war's. "Dein fabelhafter Pädagoge Becker, der ist damit für mich gestorben", sagt Tiedemann zu von Dohnanyi.