Odenwaldschule "Es geht gar nichts vorwärts"
Die Odenwaldschule tut sich schwer, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Altvordere kleben an ihren Ämtern. Der Sprecher des Trägervereins dankt nun ab.
Der Interims-Sprecher des Trägervereins der Odenwaldschule, Philipp Sturz, hat angekündigt, bei der nächsten Mitgliederversammlung am 29. Mai von seinem Amt zurückzutreten. "Es ist kein Hinwerfen im Zorn. Ich habe nur den Eindruck, es geht gar nichts vorwärts", sagte Sturz ZEIT ONLINE. Der 48-Jährige ist seit dem Rücktritt des Vorstands der Odenwaldschule Ende März Sprecher des Trägervereins.
Vergangene Woche hatte er acht Mitglieder des Vereins aufgefordert, binnen einer Woche ihren Austritt zu erklären. Seine Aufforderung richtet sich an fünf Mitglieder des gerade zurückgetretenen Vorstands und drei weitere Personen, die 1999, als die Frankfurter Rundschau erstmals Missbrauchsfälle an der Unesco-Modellschule öffentlich machte, im Vorstand und an weiteren Positionen saßen: Peter Conradi, 1999 Vorstandsmitglied, Günther Schweigkofler, zu Zeiten des Hauptbeschuldigten Gerold Beckers Geschäftsführer, sowie der jetzige Geschäftsführer Meto Saljevic. Letzterer hat seinen Rückzug für Ende Mai angekündigt. Dann nämlich soll ein neuer Vorstand gewählt werden – vom Trägerverein.
Der alte Vorstand war nur unter großem öffentlichem Druck zurückgetreten. Eingeständnisse persönlicher Versäumnisse waren dabei nicht zu vernehmen. Stattdessen hieß es in einer Stellungnahme der ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Sabine Richter-Ellermann: "Ich trete zurück in dem klaren Bewusstsein, dass ich niemals Dinge vertuscht oder Ermittlungen behindert habe." Die Altschülerin Amelie Fried hatte dies bei einer Podiumsdiskussion Mitte April an der Odenwaldschule kritisiert. Sie sagte: "Irgendwie ist hier keiner für irgendwas verantwortlich."
Auch Benita Daublebsky hatte sich dem Druck gebeugt und war aus dem Vorstand der Schule ausgeschieden, dem sie auch 1999 schon angehörte. Heute sagt sie, sie fühle sich verantwortlich und wolle nicht einfach aus dem Trägerverein austreten. An der Sitzung Ende Mai werde sie teilnehmen. "Bis dahin bleibe ich auf alle Fälle Mitglied." Die ehemaligen Vorstandsmitglieder müssten bei der Vereinssitzung schließlich noch entlastet werden. "Die Dinge müssen geordnet abgewickelt werden."
Sturz habe darüber hinaus kein Mandat, Austritte zu fordern. "Ultimaten in dieser Form sind in der Satzung nicht vorgesehen. Wenn die Mitgliederversammlung uns nicht haben will, kann sie uns ausschließen." Zur Rolle des Vorstands 1999 sagt sie: "Unsere Bemühung um Aufklärung war damals groß. Von Vertuschung kann nicht die Rede sein."
Ähnlich äußerte sich Günther Schweigkofler, der von 1964 bis 1995 Geschäftsführer der Odenwaldschule war. Er sagte, er habe eine E-Mail von Philipp Sturz bekommen und sehe diese als "privat gemeint" an. "Ich bin nicht von der Odenwaldschule aufgefordert worden, auszutreten. Ich hätte zumindest ein offizielles Schreiben erwartet." Er habe daher auf Sturz` Ultimatum nicht reagiert. Der Trägerverein könne jedes Mitglied mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit ausschließen, wenn die Person schädlich für den Verein Odenwaldschule sei. "Es hat mir aber noch niemand gesagt, ob ich das bin und warum ich das bin."
Von dem ganzen Ausmaß der Missbrauchsfälle habe er erst 2010 erfahren. Als 1999 die ersten Fälle bekannt wurden, sei er davon ausgegangen, dass der Vorstand "alles Notwendige unternimmt."
Peter Conradi schrieb in einer E-Mail an ZEIT ONLINE, er habe sich zu der Aufforderung von Sturz nicht geäußert, weil er die anstehende Mitgliederversammlung abwarten wolle.
Auch der finanzielle Druck auf die Odenwaldschule wächst. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Landrat und Jugendamtsdezernent des Kreises Heppenheim, Matthias Wilkes (CDU), bis auf weiteres keine Schüler mehr über das Jugendamt an die Unesco-Modellschule schicken will. Diese machen bisher etwa ein Drittel der 220 Schüler aus. "Solange die Schule ihre Strukturen nicht verändert, werden wir im Sinne des Kindeswohls andere Schulen auswählen", sagte Wilkes.
Die Strukturen an der Odenwaldschule seien nicht demokratisch und nicht transparent. "Es muss von außen einsehbar sein, wer eigentlich das Sagen hat." Er wolle nicht, dass es in einigen Jahren noch einmal heißt, man habe die Fälle nicht richtig aufgearbeitet. "Diejenigen, die sich jetzt nicht von der Schule lösen können, auch wenn sie es gut meinen, erweisen der Schule einen Bärendienst."
Für Philipp Sturz bleibt unklar, wie ein neuer Vorstand glaubwürdig sein soll, wenn nicht alle belasteten Mitglieder aus dem Trägerverein ausscheiden. "Die Odenwaldschule leidet unter einem riesigen Vertrauensverlust und muss einen klaren Schnitt machen. Wie soll jemand wie Peter Conradi, der 1999 Vorstand im Trägerverein war, für den Neuanfang der Odenwaldschule stehen?" Da er selbst keine Basis für eine fruchtbare Zusammenarbeit sehe, könne er unter den jetzigen Umständen niemandem dazu raten, sich im Trägerverein der Odenwaldschule zu engagieren.
Ähnlich äußerte sich die Altschülerin Amelie Fried in einer E-Mail an Sturz. Falls bis Freitag diejenigen Mitglieder, die in den Jahren 1998/1999 den Vorstand gebildet haben, den Trägerverein nicht verlassen hätten, ziehe sie ihre Zusage dem Verein beizutreten zurück. "Ich bin der festen Überzeugung, dass ein glaubwürdiger Neubeginn nur mit Persönlichkeiten möglich ist, die damals nicht in Verantwortung standen." Das sei keine Schuldzuweisung. "Ich behaupte aber, dass die damaligen Vorstandsmitglieder entscheidenden Hinweisen nicht nachgegangen und deshalb mitverantwortlich für die damals nicht erfolgte weitere Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe sind."
Sturz hat die Hoffnung auf einen Neuanfang noch nicht aufgegeben. Aber er fürchtet auch: "Wenn die Odenwaldschule in ihrem Bemühen um rückhaltlose Aufklärung scheitert, dann wäre das ein fatales Zeichen. Das würde bedeuten, dass Aufarbeitung zu Selbstzerstörung führt. Ein Scheitern der Odenwaldschule wäre für mich die späte Rache des Gerold Becker."
Unterdessen gab die Staatsanwaltschaft Darmstadt bekannt, dass sechs der 13 Ermittlungsverfahren eingestellt sind. Zwei beschuldigte ehemalige Lehrer seien tot, in zwei weiteren Fällen seien die Taten verjährt. "In zwei anderen Verfahren waren keine konkreten Straftatbestände zu erkennen", sagte der Sprecher. Das Verfahren gegen Gerold Becker laufe noch.
- Datum 29.04.2010 - 19:17 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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.. aber den Posten wollen sie behalten, ohne Verantwortung!
die den Weg zu einem Neuanfang nicht freimachen, erweisen der Schule und ihrer grundlegenden Idee einen Bärendienst - sie zerstören! - Im übrigen erwecken alle die, die in verantwortlichen Positionen waren und nicht gehen, den Anschein, doch etwas zu verbergen zu haben; sie tun sich also selbst auch keinen Gefallen. - "Unsere Bemühung um Aufklärung war damals groß. Von Vertuschung kann nicht die Rede sein." - aber aufgeklärt wurde nicht. "Als 1999 die ersten Fälle bekannt wurden, sei er davon ausgegangen, dass der Vorstand 'alles Notwendige unternimmt.'" - ja, und das reicht dann ja auch, vergewissern muß er sich nicht(!!)als Gerold Beckers Geschäftsführer. - Au weia, Herr Sturz, vielleicht gehen die acht ja doch noch, nachdem dies öffentlich wurde. -
Wenn die Schule so konstruiert ist, dass ein Trägerverein die Sache trägt, muss entweder die Struktur geändert oder das Vereinsrecht beachtet werden: Ausschluss mit Grund und 2/3 Mehrheit. Das Interessante an diesen Vorgängen ist doch, dass die Odenwaldschule, die sich dereinst zum Hort der Demokratie erklärt hat, offensichtlich weiter nur rein machtpolitisch, undemokratisch und mit Erpressung arbeiten kann. Ultimatum per e-mail statt Ausschluss auf einer Mitgliederversammlung bei gefühlter Vertuschung von Missbrauch, was soll das denn für ein transparenter "Neuanfang" sein?
Das würde die Demokratie-Heuchelei nur um eine weitere Episode verlängern.
Ein Trägerverein ist ein Verein und handelt gemäss Statuten. Die Sitzung im Mai kann die gewünschte Änderung mit 2/3 Mehrheit beschliessen und tut dies hoffentlich auch.
Alle Mitglieder des Trägervereins sollten in sich gehen und germäss den Satzungen der Pädagogik entscheiden. Wie habe ich gedacht, gehandelt und meine Handlung verantwortet und welche Wert dabei geschaffen?
Personen, die nicht proaktiv den mehrfach geäusserten Hinweisen des Missbrauchs nachgegangen sind und den Opfern Hilfestellungen verweigert haben, sollten den Trägerverein unaufgefordert verlassen. Dies hat nichts mit Reformpädagogik zu tun, sondern mit Anstand.
Man, was ist da eigentlich los? Seit Wochen geht es in der Presse gegen die Odenwaldschule. Da kommen einen langsam seltsame Gedanken. Mein Sohn war fünf Jahre auf der Odenwaldschule und spricht noch heute im besten Ton über die Schule. Wir haben die Odenwaldschule nur positiv erlebt, engagierte Mitarbeiter, gute Lehrer. War selbst mehrfach da und kann die Schule nur weiterempfehlen. Langsam muss die Hetze gegen die Schule mal aufhören, denn die Schule hat auch eine große soziale Komponente. Ca. 20 % der Schüler kommen nicht aus reichen Haushalten, sondern werden vom Jugendamt dahingeschickt. Junge Menschen, die sonst nie eine Chance bekommen würden, habe dort die Möglichkeit eine Schul- und Berufsausbildung zu machen.
Ich verstehe nicht ganz. An welchen Ämtern kleben die ehemaligen Vorstandsmitglieder?
Ein Vereinsmitgliedschaft ist doch kein Amt. Oder habe ich da etwas falsch verstanden.
Die Odenwaldschule ist nicht zu beneiden, die Opfer und die Verantwortlichen.
Ohne dieser oft in beschämende Ausmaße entgleitende Spießrutenlauf kann eine Aufarbeitung dieser furchtbaren Vergangenheit eher gelingen.
Den Opfern ist mit öffentlichem Geiseln der Täter wenig geholfen. Sie werden damit vor allem in ihrem Ausgeliefert-Sein bestätigt und eben nicht in ihrer Würde, die sich hinter beschmutzenden Erfahrungen nicht in der Größe erkennen lässt, die sie immer noch hat.
Den Aufrechten und Ehrlichen wird es nicht leicht gemacht, die schwere Aufgabe einer Bewältigung anzugehen und zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen.
Die Menschen und Werte, die hier auf "dem Spiel" stehen, sind es wert, auch in aussichtslos erscheinenden Konstellationen nicht aufzugeben.
Die Würde einer Kirche wird aufs Spiel gesetzt, wenn sich Würdenträger auf so peinlich hartnäckige Art mehr um Rechtfertigungen und Versteckspiele bemühen als die Not der Opfer.
Fuehrungspersonen und Fuehrungsgremien sind nicht nur dafuer verantwortlich was sie getan haben, sondern auch und vor allem dafuer, was sie nicht getan oder geschafft haben. Als Vorstand ist es Ihre Aufgabe Strukturen zu etablieren die eine gesetzeskonforme Fuehrung der Schule ermoeglichten. Der Vorstand der Odenwaldschule hat hier versagt, denn er war nicht in der Lage Strukturen zu etablieren die die Kinder schuetzen. Das ehrliche Bemuehen um Aufklaerung ist da irrelevant. Auch wenn der Vorstand nicht fuer die Missbrauchsfaelle haftet, muss er dennoch zu seiner Verantwortung stehen versagt zu haben. Ein Rauswurf/Ruecktritt ist da nur logische Konsequenz.
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