Odenwaldschule "Es geht gar nichts vorwärts"Seite 2/2

Auch der finanzielle Druck auf die Odenwaldschule wächst. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Landrat und Jugendamtsdezernent des Kreises Heppenheim, Matthias Wilkes (CDU), bis auf weiteres keine Schüler mehr über das Jugendamt an die Unesco-Modellschule schicken will. Diese machen bisher etwa ein Drittel der 220 Schüler aus. "Solange die Schule ihre Strukturen nicht verändert, werden wir im Sinne des Kindeswohls andere Schulen auswählen", sagte Wilkes.

Die Strukturen an der Odenwaldschule seien nicht demokratisch und nicht transparent. "Es muss von außen einsehbar sein, wer eigentlich das Sagen hat." Er wolle nicht, dass es in einigen Jahren noch einmal heißt, man habe die Fälle nicht richtig aufgearbeitet. "Diejenigen, die sich jetzt nicht von der Schule lösen können, auch wenn sie es gut meinen, erweisen der Schule einen Bärendienst."

Für Philipp Sturz bleibt unklar, wie ein neuer Vorstand glaubwürdig sein soll, wenn nicht alle belasteten Mitglieder aus dem Trägerverein ausscheiden. "Die Odenwaldschule leidet unter einem riesigen Vertrauensverlust und muss einen klaren Schnitt machen. Wie soll jemand wie Peter Conradi, der 1999 Vorstand im Trägerverein war, für den Neuanfang der Odenwaldschule stehen?" Da er selbst keine Basis für eine fruchtbare Zusammenarbeit sehe, könne er unter den jetzigen Umständen niemandem dazu raten, sich im Trägerverein der Odenwaldschule zu engagieren.

Ähnlich äußerte sich die Altschülerin Amelie Fried in einer E-Mail an Sturz. Falls bis Freitag diejenigen Mitglieder, die in den Jahren 1998/1999 den Vorstand gebildet haben, den Trägerverein nicht verlassen hätten, ziehe sie ihre Zusage dem Verein beizutreten zurück. "Ich bin der festen Überzeugung, dass ein glaubwürdiger Neubeginn nur mit Persönlichkeiten möglich ist, die damals nicht in Verantwortung standen." Das sei keine Schuldzuweisung. "Ich behaupte aber, dass die damaligen Vorstandsmitglieder entscheidenden Hinweisen nicht nachgegangen und deshalb mitverantwortlich für die damals nicht erfolgte weitere Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe sind."

Sturz hat die Hoffnung auf einen Neuanfang noch nicht aufgegeben. Aber er fürchtet auch: "Wenn die Odenwaldschule in ihrem Bemühen um rückhaltlose Aufklärung scheitert, dann wäre das ein fatales Zeichen. Das würde bedeuten, dass Aufarbeitung zu Selbstzerstörung führt. Ein Scheitern der Odenwaldschule wäre für mich die späte Rache des Gerold Becker."

Unterdessen gab die Staatsanwaltschaft Darmstadt bekannt, dass sechs der 13 Ermittlungsverfahren eingestellt sind. Zwei beschuldigte ehemalige Lehrer seien tot, in zwei weiteren Fällen seien die Taten verjährt. "In zwei anderen Verfahren waren keine konkreten Straftatbestände zu erkennen", sagte der Sprecher. Das Verfahren gegen Gerold Becker laufe noch.

 
Leser-Kommentare
    • honett
    • 29.04.2010 um 20:34 Uhr

    .. aber den Posten wollen sie behalten, ohne Verantwortung!

  1. die den Weg zu einem Neuanfang nicht freimachen, erweisen der Schule und ihrer grundlegenden Idee einen Bärendienst - sie zerstören! - Im übrigen erwecken alle die, die in verantwortlichen Positionen waren und nicht gehen, den Anschein, doch etwas zu verbergen zu haben; sie tun sich also selbst auch keinen Gefallen. - "Unsere Bemühung um Aufklärung war damals groß. Von Vertuschung kann nicht die Rede sein." - aber aufgeklärt wurde nicht. "Als 1999 die ersten Fälle bekannt wurden, sei er davon ausgegangen, dass der Vorstand 'alles Notwendige unternimmt.'" - ja, und das reicht dann ja auch, vergewissern muß er sich nicht(!!)als Gerold Beckers Geschäftsführer. - Au weia, Herr Sturz, vielleicht gehen die acht ja doch noch, nachdem dies öffentlich wurde. -

  2. Wenn die Schule so konstruiert ist, dass ein Trägerverein die Sache trägt, muss entweder die Struktur geändert oder das Vereinsrecht beachtet werden: Ausschluss mit Grund und 2/3 Mehrheit. Das Interessante an diesen Vorgängen ist doch, dass die Odenwaldschule, die sich dereinst zum Hort der Demokratie erklärt hat, offensichtlich weiter nur rein machtpolitisch, undemokratisch und mit Erpressung arbeiten kann. Ultimatum per e-mail statt Ausschluss auf einer Mitgliederversammlung bei gefühlter Vertuschung von Missbrauch, was soll das denn für ein transparenter "Neuanfang" sein?
    Das würde die Demokratie-Heuchelei nur um eine weitere Episode verlängern.

  3. Ein Trägerverein ist ein Verein und handelt gemäss Statuten. Die Sitzung im Mai kann die gewünschte Änderung mit 2/3 Mehrheit beschliessen und tut dies hoffentlich auch.

    Alle Mitglieder des Trägervereins sollten in sich gehen und germäss den Satzungen der Pädagogik entscheiden. Wie habe ich gedacht, gehandelt und meine Handlung verantwortet und welche Wert dabei geschaffen?

    Personen, die nicht proaktiv den mehrfach geäusserten Hinweisen des Missbrauchs nachgegangen sind und den Opfern Hilfestellungen verweigert haben, sollten den Trägerverein unaufgefordert verlassen. Dies hat nichts mit Reformpädagogik zu tun, sondern mit Anstand.

  4. Man, was ist da eigentlich los? Seit Wochen geht es in der Presse gegen die Odenwaldschule. Da kommen einen langsam seltsame Gedanken. Mein Sohn war fünf Jahre auf der Odenwaldschule und spricht noch heute im besten Ton über die Schule. Wir haben die Odenwaldschule nur positiv erlebt, engagierte Mitarbeiter, gute Lehrer. War selbst mehrfach da und kann die Schule nur weiterempfehlen. Langsam muss die Hetze gegen die Schule mal aufhören, denn die Schule hat auch eine große soziale Komponente. Ca. 20 % der Schüler kommen nicht aus reichen Haushalten, sondern werden vom Jugendamt dahingeschickt. Junge Menschen, die sonst nie eine Chance bekommen würden, habe dort die Möglichkeit eine Schul- und Berufsausbildung zu machen.

  5. Ich verstehe nicht ganz. An welchen Ämtern kleben die ehemaligen Vorstandsmitglieder?
    Ein Vereinsmitgliedschaft ist doch kein Amt. Oder habe ich da etwas falsch verstanden.

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