ZEIT ONLINE: Ständig werden neue Missbrauchsfälle an Schulen bekannt. Warum haben viele Betroffene so lange geschwiegen?

Martin Sack: Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens ist es eine normale Reaktion, das Schreckliche zu verdrängen und auszublenden. Es ist ein sehr gesundes Verhalten, um sich anderem zuzuwenden und ein normales Leben aufbauen zu können. Oft wird das Trauma dabei gut verkapselt. Aber manchmal holt es einen später ein. Zweitens ist die Erfahrung von Missbrauch extrem schambesetzt. Spricht man darüber, macht man sich als Opfer kenntlich, als beschädigter Mensch. Gerade Kinder und Jugendliche fragen sich dann: Wie reagieren die anderen? Werde ich ausgegrenzt? Sie schämen sich.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen bestimmten Typ Mensch, bei dem das Trauma zum Problem wird?

Sack: Nein. Traumasymptome kann grundsätzlich jeder entwickeln. Wie gut ein Trauma verarbeitet werden kann, hängt stark von den Ressourcen ab. Lebe ich in einer Familie, in der eine warme Atmosphäre herrscht? Habe ich gute, verständnisvolle Freunde? Ist das der Fall, ist es leichter, von der eigenen Not zu erzählen. Kinder hingegen, die in einem Elternhaus leben, in dem es wenig Halt und emotionale Stabilität gibt und die aus verschiedensten Gründen nicht erwarten können, dass ihre Eltern mit ihren Problemen umgehen können, entwickeln wahrscheinlicher schwere Folgen aus einem Missbrauch.
Zum Teil hängt es auch davon ab, wie schwer die Traumatisierungen sind. Besonders schwer verarbeitet wird ein Missbrauch durch nahe stehende Menschen, Vertrauenspersonen. Dazu gehören natürlich auch Lehrer und Priester.

ZEIT ONLINE: Wie äußert sich das bei den Betroffenen?

Sack: Es gibt zwei Varianten, die eher männliche und die eher weibliche. In der männlichen werden die Menschen schnell ungeduldig, unbeherrscht und aggressiv, wenn sie Angst bekommen. Die andere, weibliche Variante, manifestiert sich eher in Problemen mit dem Selbstwertgefühl: Diese Menschen werden depressiv, ängstlich und sozial misstrauisch. Es ist so, als ob sich die ganze Wut gegen die eigene Person richtet.
In jedem Fall besitzen Traumatisierte nur wenige Kompensationsmechanismen, wenn sie Belastungen oder Schicksalsschläge erleben. Typisch sind auch Alpträume.

ZEIT ONLINE: Wann brechen diese Symptome typischerweise aus?

Sack: Manchmal unmittelbar nach dem Missbrauch; es kann jedoch auch viele Jahre später noch Auslöser geben, die die Erinnerungen hochkommen lassen. Es müssen nicht immer schwere Schicksalsschläge sein. Manchmal reicht es, wenn man mit den Schwierigkeiten der eigenen Kinder konfrontiert wird oder Entspannungstechniken lernt.

ZEIT ONLINE: Kann man ein Trauma wirklich heilen, vor allem eines, das schon Jahrzehnte zurückliegt?

Sack: Ja, die aktuellen Forschungsergebnisse sind sehr ermutigend. Wenn die gut erforschten speziellen Techniken angewandt werden, sind 80 Prozent der Therapien so erfolgreich, dass die Symptomatik komplett verschwindet. Man kann sogar ein Kriegstrauma, dass vor 60 Jahren ausgelöst wurde, heilen. Sich einfach auf die Couch legen, während sich der Therapeut zurückhält, ist allerdings nicht vielversprechend. Zumindest dauert es dann sehr lange, bis man beispielsweise mit einer klassischen Gesprächstherapie an die Belastung herankommt. Für die Traumatherapie gibt es inzwischen klare Ausbildungsstandards.