Israel Liebe gegen Gottes Willen

Der Regisseur Haim Tabakman erzählt von der homosexuellen Liebe zweier ultraorthodoxer Juden. Das Drehteam war starken Anfeindungen ausgesetzt.

In seinem Film thematisiert Regisseur Haim Tabakmann (Mitte) einen Konflikt von Liebe und Religion

In seinem Film thematisiert Regisseur Haim Tabakmann (Mitte) einen Konflikt von Liebe und Religion

Wahrscheinlich gibt es wenige Kreuzungen, an denen dieser Mann auffallen würde. Haim Tabakman trägt die Kapuze seines Pullovers über den Haaren, die Hände stecken in den Hosentaschen. Hier jedoch, an der HaNeviim-Straße in Jerusalem, ist er bereits aus 100 Metern Entfernung zu erkennen. Denn hier, zehn Minuten Fußweg von der Einkaufsstraße mit Falafelbuden und Schuhläden entfernt, beginnt das andere Israel: der ultraorthodoxe Stadtteil Mea Shearim. Um Tabakman herum herrscht Eile. Es ist Freitagmorgen, die Männer, die vorbeihasten, haben viel zu tun, bevor Sabbat beginnt. Sie tragen schwarze Kaftane, Hüte und Schläfenlocken, ihre Frauen lange Röcke und Perücken, um ihr Haar zu bedecken. Ein Mann in Jeans, wie Tabakman, fällt auf, und als Frau fühlt man sich trotz des langen Rocks nackt. "Vielleicht wollen Sie Ihren Schal über die Haare legen?", ist Tabakmans zweiter Satz.

Er sagt das aus Respekt. Und aus dem Wunsch, nicht aufzufallen, denn der Weg führt in eine Welt, die optisch und im übertragenen Sinne schwarz und weiß ist und in der für Grauzonen wenig Platz ist. Die Grauzonen waren es, die Tabakman hierher gebracht, die ihn fasziniert haben, als er das Drehbuch las. Du sollst nicht lieben heißt sein Film, die Liebesgeschichte zweier Männer des Viertels. Aaron, ein verheirateter Metzger, verliebt sich in Ezri, einen jungen Mann, der beginnt, in seinem Laden zu arbeiten. Tabakman erzählt, wie die beiden mit den Grenzen umgehen, auf die sie mit ihrer Liebe stoßen.

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Der Film spielt im Zentrum von Mea Shearim, zwischen sandsteinfarbenen Gebäuden, in engen Gassen, in denen Tabakman sich bewegt, als wäre er hier aufgewachsen. Lange hat er sich mit dem Viertel befasst. Die Dreharbeiten am Ort hat er dennoch auf zwei Tage beschränkt – weil die Menschen öffentlichkeitsscheu und skeptisch gegenüber der Moderne sind. "Hier zum Beispiel", erinnert er sich an einer Kreuzung mit Marktständen und Läden für religiöse Musik, "wurden wir beschimpft und bespuckt." In der gedrehten Szene ist Aaron mit anderen Gemeindemitgliedern auf dem Weg zu einem Mann, den sie für sein Verhältnis zu einer unverheirateten Frau rügen. Die Schauspieler waren in der traditionellen Kleidung nicht als solche zu erkennen, und weil Kontrolle eine wichtige Rolle in der ultraorthodoxen Gemeinde spielt, hat Tabakman die Reaktion der Passanten nicht verwundert.

Aufmerksamkeit von außen und nach außen ist unerwünscht. Auf dem Weg zum Kern des Viertels hängen Wandzeitungen mit Veranstaltungshinweisen, die oft das Internet ersetzen und Schilder, auf denen Touristen gebeten werden, nicht in Gruppen zu kommen und sich züchtig anzuziehen. Im Vorübergehen zeigt Tabakman darauf, stehen bleiben will er nicht, mit Betreten des Viertels hat er die hastige Gehweise seiner Bewohner angenommen.

Während er an Männern mit einem und jungen Frauen mit vier Kindern vorbei eilt, spricht er darüber, was ihm hier gefällt. Weder Fernsehen noch Bars, das sei eine "Diät für die Seele. All die Regeln – sogar für den Gang zur Toilette – bieten ein großartiges System. Es gibt Halt." Bis er seine Stimme auf Flüsterlautstärke senkt. "Homosexualität jedoch", flüstert er, und schmunzelt über seine Selbstzensur, "ist eine Lücke im System. Nicht vorgesehen." Dieser Systemfehler und die Folgen für den Einzelnen haben ihn fasziniert. "Auch wenn die Geschichte in einer scheinbar fremden Welt spielt – sie hat viel mit unserem Leben zu tun. Man macht Fehler, kämpft um den richtigen Weg. Und die Kraft der Leidenschaft, die Aaron und Ezri empfinden, steckt in uns allen." Das zu zeigen, war ihm wichtig.

Der Unterschied: hier darf Leidenschaft nur eine Richtung haben. In einer Seitenstraße führt Tabakman in ein Haus, auf das er aufmerksam geworden ist, weil es ihn inspiriert hat für den Treffpunkt der Liebhaber oberhalb von Aarons Metzgerei. Ein Dachboden, verstaubte Bücher, Kisten, der Straßenlärm ist kaum zu hören, lange verlassen. An solchen Orten finden Geschichten wie die von Aaron und Ezri statt. Zur Vorbereitung hat sich Tabakman mit schwulen Ultraorthodoxen getroffen, anonym, und in Internetforen recherchiert. Er hat festgestellt, wie viele Menschen ein Doppelleben führen, weil sie im gleichen Konflikt stecken wie seine Hauptfigur: Sie möchten die religiösen Gebote erfüllen und ihre Leidenschaft leben, ein unüberwindbarer Widerspruch.

Wie fern eine Lösung ist, wird deutlich, als Tabakman, zurück auf der HaNeviim-Straße, aufatmet und von den Reaktionen erzählt. Hier, im säkularen und moderat-religiösen in Israel und in Europa wurde der Film gefeiert, mit Brokeback Mountain verglichen. Die ultraorthodoxe Gemeinschaft hat nicht reagiert. "Sie würden sonst anerkennen, dass es das Problem gibt", sagt Tabakman und schüttelt den Kopf. Er hofft, dass sich das ändern wird. Optimistisch ist er nicht. "Denn dann würden alle Dämme brechen."

"Du sollst nicht lieben " , ISR, D, FR 2009, 90 Minuten, R: Haim Tabakmann, D: Merav Doster.

 
Leser-Kommentare
  1. Dass ein Gott sich um die Kopulation zwischen zwei Exemplaren einer Affenart eines Planetens irgendwo am Rand einer stinknormalen Galaxie unter Milliarden anderer Galaxien kümmert, ist eine Idee, auf die man wohl nur durch grandiose (Selbst-)Überschätzung der Spezies Mensch kommen kann...

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    aber hoch neurotisches Tier.

    aber hoch neurotisches Tier.

    • eras
    • 20.05.2010 um 15:11 Uhr

    ...muss man in Deutschland bei Titelübersetzungen immer zur denkbar schlechtesten Variante greifen? Im Hebräischen heisst der Film "Einaym Pkuhot", im Englischen ist er mit "Eyes wide open" korrekt übersetzt. Und im Deutschen: "Du sollst nicht lieben" - platter gehts nimmer.

    Die Frage der Sexualität ist in der ultraorthodoxen Welt ja generell ein Tabu (bzw: alles, was nicht der Fortpflanzung dient, ist unnötig bis gefährlich). Das betrifft ja nicht nur den Teilbereich der gleichgeschlechtlichen Liebe, auch wenn es da am Schlimmsten ist. Sondern auch alle Darstellungen, die als "unkoscher" interpretiert werden können. Die Auswirkungen sind im Alltag Jerusalems deutlich zu bemerken. So verzichten selbst internationale Marken wie H&M generell auf Werbeplakate, die Frauen zeigen. Es gibt koscheres (=verkrüppeltes) Internet, koschere Handys (ohne Videofunktion), Buslinien mit Geschlechtertrennung, etc, etc...

    Ganz neu ist die Idee, einen Film über Homosexualität und ultraorthodoxes Judentum zu machen, übrigens nicht. Sandi Simcha Dubowski hat mit "Trembling before God" (eine Anspielung auf das Wort "Haredim" als Eigenbezeichnung der Ultraorthodoxen) schon 2001 eine vielbeachtete Dokumentation zum gleichen Thema veröffentlicht. In dem Fall hat es der deutsche Publisher auch mal geschafft, den Titel ziemlich gut zu übersetzen: "Zittern im Angesicht des Herrn".

  2. aber hoch neurotisches Tier.

    Antwort auf "Brrrr...."
  3. ... der jüdischen Cowboys auf Brokeback Mountain.

  4. Die Ultra-Orthodoxen tun mir leid. Wer so viele Regeln braucht, ist meiner Meinung nach schwach und extrem ängstlich. Will er seine Regeln auch noch anderen aufzwingen, zeigt er zudem Arroganz - die Kehrseite der Angst, die aus den selben charakterlichen Defiziten erwächst. Wenn Menschen mit diesen charakterlichen Defiziten Macht haben, sind sie arrogant - wenn nicht, sind sie ängstlich und unterwürfig. Kurz gesagt: Sie quälen sich selbst und andere....und das völlig sinnlos. Sie trauen sich selbst nicht - und anderen trauen sie noch viel weniger.
    Und das Tollste: Nach jüdisch-orthodoxer Auffassung MUSS es offenbar auch genau so sein - denn sonst würden sie sich selbst nicht für würdig halten, sich "Juden" nennen zu dürfen.
    Wie gesagt: Arme Teufel.
    Bei allem Respekt: Da bleibe ich lieber Christ.

    Ich weiß schon - auch unter uns Christen gibt es einige Spinner, die z. B. Homosexualität verteufeln. Aber erstens sind die oft selbst nicht glaubwürdig, zweitens haben sie schlicht Unrecht, und drittens haben sie zum Glück nicht die Macht, ALLEN Christen ihre Sichtweise aufzuzwingen.

    Ich finde: Wenn Gott unser Schöpfer ist, dann existiert alles deshalb, weil Gott will, dass es da ist. Das heißt umgekehrt: Wenn Gott keine Homosexualität wollte, würde es sie nicht geben. Da es sie aber gibt, kann Gott wohl kaum wirklich etwas dagegen haben.
    "Papa Ratzi" und Konsorten erleiden deswegen pausenlos Jaulkrämpfe - na und? Selbst Schuld, wer seine Kraft so sinnlos vergeudet!

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    ...von ihrem Abendessen. Denn anscheinend haben sie ja die Weisheit mit Löffeln gegessen.

    ...von ihrem Abendessen. Denn anscheinend haben sie ja die Weisheit mit Löffeln gegessen.

  5. ...von ihrem Abendessen. Denn anscheinend haben sie ja die Weisheit mit Löffeln gegessen.

    Antwort auf "Interessant!"
  6. Hallo Zusammen,

    Hat auch jemand den Film gesehen? :-)

    Ich hätte da nämlich ein paar Fragen, die sich mir aufgeworfen haben während des Films.

    Das allererste, was ich sehr krass fand, war die Szene, als die beiden auf so zwei Holzpfählen saßen und der Rabbi (ich bin mir nicht sicher ob er es war) Ist vorbeigelaufen und dann zwei oder dreimal vorbeigelaufen, aber jedes Mal wieder rückwärts zurück.

    Jemand ne Ahnung was das sollte?

    Dann, würde mich noch interessieren, warum sie immer die Wand küssen, wenn sie einen Raum betreten.

    Und was ich auch merkwürdig fand, war als die Ehefrau so ein Riesenstück fleisch gekauft hat und Aaron abends so ne Riesenportion zu essen gegeben hat, wollte sie ihm damit etwas bestimmtes sagen? Ich erinnere mich, dass er sonst immer sehr wenig gegessen hatte :-)

    Falls jemand ne Idee hat, wäre ich für feedback dankbar :-D

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