Wegen Rechtsbeugung, Strafvereitelung im Amt und ähnlicher Delikte gibt es in Deutschland kaum Verurteilungen, das beklagen kritische Juristen seit Langem. Und wenige Justizaffären zeigen das so deutlich wie die um den heutigen Hannoveraner Oberstaatsanwalt Uwe Görlich. Dessen schwere Verfehlungen haben die Staatsanwaltschaften in Hannover und Verden ungeahndet gelassen. Sie drehten und wendeten die Verdachtsmomente, Aussagen, Indizien und Beweise gegen ihren Kollegen so lange, bis sie ihn am Ende nicht mehr anzuklagen brauchten.

So konnte Görlich es sich erlauben, gegen zahlreiche Dienstvorschriften zu verstoßen, sich im Rotlichtmilieu zu verstricken und illegale Prostitution zu decken. Auch offensichtliche Widersprüche und Unwahrheiten schadeten seiner Karriere nicht. All das dokumentieren Unterlagen aus den Ermittlungsakten gegen Görlich, die der Weser-Kurier ausgewertet hat.

Die Affäre kam viele Jahre nicht ans Licht, der Behördenapparat hielt dicht. In dem Verfahren rühmte sich der damalige Verdener Oberstaatsanwalt Roland Herrmann gar, "Rechtsanwälte vertröstet" und die Presse "klein gehalten" zu haben. Verdens damals bereits amtierender leitender Oberstaatsanwalt Helmut Trentmann will davon heute nichts wissen. Seine Behörde habe "zu keiner Zeit versucht, auf die Presseberichterstattung einzuwirken", teilt er auf Anfrage mit.

Gegen Görlich, damals noch Staatsanwalt in Hannover, war die Liste der Vorwürfe außergewöhnlich lang. Er hatte sich ab Mai 2000 mächtig für die Belange der Bordellbetreiberin Silke F.* und ihres Etablissements ins Zeug gelegt. F. saß seinerzeit im Vechtaer Frauengefängnis eine mehrjährige Haftstrafe wegen Betruges ab. Görlich ermöglichte es ihr, trotz der Haft ihre Geschäfte in Hannover weiterzuführen. Er lud sie zu mehrtägigen "Vernehmungen" nach Hannover vor und intervenierte bei seinen für Haftunterbrechung zuständigen Kollegen.

In Silke F.s Bordell war der Anklagevertreter damals häufig zu Gast, angeblich um gegen die Hannoveraner Kiezgröße Frank Hanebuth und dessen Rockerbande, die Hells Angels, zu ermitteln. Silke F. hatte ihm berichtet, sie beschäftige Prostituierte, die zuvor für Hanebuth gearbeitet hätten und gegen ihn aussagen könnten. Für Rotlichtkriminalität wie Zuhälterei oder Menschenhandel war Görlich allerdings gar nicht zuständig, er sollte sich vielmehr um die Verfolgung von Geldwäsche kümmern. Genau die habe er mit Hilfe der Prostituierten dem Anführer der Hells Angels nachweisen wollen, behauptete Görlich in einer Vernehmung.

Tatsächlich wies der Staatsanwalt Hanebuth weder Geldwäsche noch andere Straftaten nach. Die "Erwartung, über den Kontakt zu einer konkurrierenden Bordellbetreiberin und zu einigen Prostituierten eine Rotlichtgröße wie Hanebuth wegen nennenswerter Straftaten überführen zu können", sei "schon im Ansatz nicht aussichtsreich" gewesen, ergab das Verfahren.

Das schriftliche Fixieren möglichst jeden Details ist das A und O staatsanwaltlichen Arbeitens, doch Görlich dokumentierte seine angeblichen Ermittlungen im Milieu kaum. Er verfasste lediglich wenige inhaltsarme Vermerke, einige dürftige Vernehmungsprotokolle und ein paar Notizen auf losen Zetteln. Üblicherweise ermittelt auch kein Staatsanwalt im Alleingang am Ort, er arbeitet mit Hilfe der Polizei. Görlich aber informierte die Beamten vielfach nicht einmal über seine Aktivitäten.

Als Grund dafür gab der Staatsanwalt an, die Polizeidirektion Hannover sei vom Milieu unterwandert, korrupt und nicht vertrauenswürdig. Belege für diese schlechte Meinung blieb er schuldig. Die Polizei sei nur "halbherzig und unprofessionell" in Görlichs Ermittlungen eingebunden worden, heißt es in den Akten, doch wird das harmlos als "Kommunikationsproblem" zusammengefasst. Zugunsten des beschuldigten Staatsanwalts sei auch "nicht auszuschließen, dass er die Tätigkeit der Polizei für aussichtslos hielt".

Viel ausführlicher als mit Polizisten sprach Görlich wohl mit Silke F. und ihren Prostituierten. Ihnen verriet er sogar juristische Kniffe, die bei Polizeikontrollen illegale Prostitution legal erscheinen lassen sollten. Beispielweise sollten "Mädels" unter 21 Jahren F. bescheinigen, dass sie sich in deren Bordell nicht zum ersten Mal prostituierten, schlug Görlich vor. So könne die Bordellchefin empfindlichen Strafen wegen Ausbeutung von Prostituierten entgehen, sollte die Polizei sie mal wegen der Beschäftigung sehr junger Frauen in Bedrängnis bringen.