"Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben": Die Berliner Charité hat am Dienstag eine Medienkampagne mit Anzeigen, Plakaten und Radiospots gestartet, die sich an suizidgefährdete junge Frauen aus türkischen Familien richten soll. Im Hintergrund steht ein vom Bundesforschungsministerium finanziertes Projekt unter Leitung der Psychiatrie der Charité, in dem genauer untersucht werden soll, warum die Selbstmordrate der jungen türkischstämmigen Frauen doppelt so hoch ist wie bei gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund.

Das ist umso erstaunlicher, als die Selbsttötungsrate in der türkischstämmigen Bevölkerung insgesamt geringer ist als in der Gesamtbevölkerung. Erklärt wird dies mit dem größeren sozialen Zusammenhalt und einem religiösen Selbsttötungsverbot.

Betrachtet man aber lediglich die Gruppe der jungen Frauen türkischer Herkunft, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die Häufigkeit von vollendeten Suiziden ist unter ihnen annähernd doppelt so hoch wie unter gleichaltrigen Frauen aus deutschen Familien. Die Leiterin der Studie Meryam Schouler-Ocak spricht von einem drei- bis fünffach erhöhten Risiko eines Suizidversuches. Die Gründe hierfür sind noch weitgehend unerforscht, es bestehen nur Vermutungen.

Gerade die hohe Zahl der nicht geglückten Suizidversuche könnte einen Einblick in die Dynamik, die diesem Phänomen zugrunde liegt, liefern. In der Psychologie unterscheidet man verschiedene Formen des Suizids. Die meisten Selbstmordversuche haben einen sogenannten appellativen Charakter, das heißt die Person, die versucht, sich umzubringen, möchte gar nicht sterben, sondern einen Hilferuf aussenden und auf ihre als unerträglich erlebte Situation aufmerksam machen.

Besonders häufig wollen laut Schouler-Ocak junge Frauen ihr Leben beenden, die zum Heiraten nach Deutschland kommen. Hier kommen viele Risikofaktoren zusammen: Fremd in einem Land, dessen Sprache, Ordnung und Netzwerke sie nicht kennen, geraten die Frauen in Zwänge und in ein Abhängigkeitsverhältnis zur neuen Familie. 

Dabei verbinden die meisten dieser jungen Frauen mit einer Heirat nach Deutschland den Wunsch hinauszutreten aus beengenden familiären oder finanziellen Verhältnissen. Ein Mehr an persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten wird ersehnt und vor der Hochzeit auch häufig versprochen. Einmal angekommen in Deutschland verkehrt sich dieser Wunsch tragischerweise häufig in sein Gegenteil. Der persönliche Horizont weitet sich nicht, er verengt sich. Hilflosigkeit tritt an die Stelle von Freiheit. 

Aufgrund der Sprachbarrieren sind die betroffenen Frauen abgeschnitten von sozialen Hilfsangeboten, insbesondere von Therapiemöglichkeiten.