Muslimische junge Männer in Deutschland, die von sich selbst sagen, sie seien sehr religiös, sind gewalttätiger als andere Jugendliche. Das steht in einem aktuell vorgelegten Bericht des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachen (KFN) .

Bundesweit haben die Autoren der Studie, Dirk Baier und Christian Pfeiffer, in 61 Städten und Landkreisen rund 45.000 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse befragt. Ein Schwerpunkt war die Frage, wie sich die Zugehörigkeit zu einer Religion und die persönliche Religiosität auf die Einstellungen und Verhaltensweisen von 14- bis 16-Jährigen und insbesondere auf die Integration junger Migranten auswirken.

Als zentraler Befund wurde ausgegeben, dass unter muslimischen Jugendlichen – allerdings nur unter den männlichen – die Gewalttätigkeit mit zunehmender Bindung an den Islam wachse. Je gläubiger sie sind, umso weniger empfinden sie sich selbst auch als deutsch. Gleichzeitig nehmen mit der Religiosität auch die Akzeptanz von Macho-Verhalten, der Kontakt zu kriminellen Freunden und die Nutzung gewalthaltiger Medien zu. Unter christlichen Jugendlichen sei der Trend umgekehrt: Je religiöser, desto weniger neigen diese dazu, Gewalt anzuwenden.

Solche statistischen Ergebnisse produzieren griffige Schlagzeilen ( Spiegel Online titelte: "Jung, muslimisch, brutal"), über die Ursachen verraten sie jedoch wenig. Eine Koinzidenz von Faktoren bedeutet nämlich noch keinen Zusammenhang im Sinne von Ursache und Wirkung.

Das ist auch den Autoren der vorliegenden Studie bewusst. Christian Pfeiffer weist darauf hin, dass die Ergebnisse nicht erlauben, den Islam als die Ursache der Gewalt zu interpretieren. Die Autoren ziehen zur Interpretation ihrer Ergebnisse eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlers Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück heran. Ceylan hat in einer aktuellen Studie die Funktion von Imamen in Deutschland untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der nur für kurze Zeit aus dem Ausland eingereisten Imame in Deutschland einen konservativen Islam vermittelt, insbesondere was die Rollenvorstellungen von Männern und Frauen angeht. Die Autoren des KFN gehen wohl davon aus, dass die gewaltbereiten muslimischen Jugendlichen von traditionalistischen Imamen beeinflusst sind.
 
Ceylan selbst kommt aber unter anderem in seiner Dissertation zu sehr differenzierten Ergebnissen, was die Religiosität von jungen Muslimen betrifft. Er sagte im Interview mit der Islamischen Zeitung, nur ein sehr geringer Anteil von ihnen sei in der Gemeinde aktiv und verfüge über eine nennenswerte religiöse Bildung. Die im Gemeindeleben engagierten Jugendlichen seien schon allein durch die soziale Kontrolle deutlich weniger delinquent als andere Jugendliche.

Der Großteil der muslimischen Jugendlichen hingegen bezeichnet sich zwar als sehr religiös, gehe aber höchstens zum Freitagsgebet und lebe ansonsten einen hedonistischen Lebensstil, in dem der Islam wenig Einfluss auf den Alltag habe. Nur ein Bruchteil dieser Jugendlichen bekomme Religions- oder Islamkundeunterricht in der Schule. Was sie für islamische Werte halten, kennen sie vor allem von ihren Familien, die oftmals patriarchalische Strukturen aus ihren Heimatdörfern mitgebracht haben und sowohl schulisch als auch religiös wenig gebildet sind.

Das religiöse Bekenntnis vieler junger Muslime ist im Übrigen häufig nur eine Leerformel, die nicht mit gelebter Religion einhergeht, sondern Provokation und kulturelle Abgrenzung sein will.  Es gibt eine Vielzahl von sozialen und familiären Faktoren, die Gewalttätigkeit erklären: eigene Gewalterfahrung, gewaltlegitimierende Männlichkeitskonzepte, mangelnde Bildungschancen und Perspektivlosigkeit sind einige davon. Einen monokausalen Zusammenhang wie den von "Islam gleich Gewalt" zu behaupten, passt nur in den derzeitigen hysterischen Umgang mit dem Thema.
 
Jeder Muslim lebt seinen Glauben, wie es seiner individuellen, auch psychologischen Disposition entspricht. Gewaltaffine, rigide, zwanghafte Menschen legen den Glauben entsprechend aus – übrigens nicht nur Muslime.