Kaing Guek Eav verhält sich an diesem Tag wie immer höflich. Er faltet artig die Hände zur Begrüßung, als die Richter den Gerichtssaal betreten. Bevor sie das Urteil verkünden, steht er ebenfalls sofort auf und senkt kurz respektvoll seinen Kopf. Ohne Widerrede hört er sich die Ausführungen der Richter an. Kaing, vor einigen Jahren zum Christentum konvertiert, ist ein nett und bescheiden wirkender Mann in seinen Sechzigern, der oft mit gedämpfter Stimme spricht. Zugleich ist er einer der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts.

Die Richter des UN-gestützten Kambodschanischen Kriegsverbrechertribunals verlesen das Urteil gegen Kaing: 30 Jahre Gefängnis für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Angeklagte habe Reue für seine Taten gezeigt und mit dem Kriegsverbrechertribunal zusammengearbeitet. Von den ursprünglich vorgesehenen 35 Jahren wurden fünf abgezogen, weil Kaing 1999 vom Kambodschas Hun Sen-Regime illegal festgesetzt worden ist. Die elf Jahre, die er seitdem im Gefängnis verbracht hat, werden von der Haftstrafe abgezogen. In weniger als 19 Jahren könnte der heute 67-Jährige wieder frei sein.

Unter dem Nom de Guerre "Duch" hat Kaing zwischen 1975 und Ende 1978 das Foltergefängnis Tuol Sleng in Phnom Penh geleitet, die geheimste und eine der brutalsten Einrichtungen des Rote-Khmer-Regimes. Geschätzt 15.000 Menschen, darunter etliche hochrangige Kader von Pol Pots Kommunistischer Partei selbst, wurden hierher gebracht. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Duchs Aufgabe war es, von den Inhaftierten unter Folter zum Teil vollkommen absurde Geständnisse zu erpressen. Denn Pol Pots zunehmend paranoides Regime verstand sich als "gerechte" Regierung. Todesurteile hatten daher im Selbstverständnis der Partei "gerechtfertigt" zu sein. Das Lager, das intern als "S21" geführt wurde, lieferte durch die erzwungenen Geständnisse die vermeintlichen Beweise für den Massenmord.

Nahezu alle Opfer von S21 wurden, nachdem Duchs Mitarbeiter ihre Geständnisse minutiös aufgezeichnet haben, zu einem "Killing Field" am Stadtrand verbracht und dort ermordet. Den meisten von ihnen wurde die Kehle durchgeschnitten oder sie wurden mit Stahlstangen erschlagen. Das Regime hatte die Anweisung herausgegeben, für seine "Feinde" keine Kugeln zu verschwenden.

Ehemalige Wärter erklärten später, Lagerleiter Kaing habe die Morde häufig selbst beaufsichtigt. Er selbst hat während des Verfahrens erklärt, die Morde seien "erforderlich" gewesen, um die "Geheimhaltung" aufrecht zu erhalten. Nur 14 Menschen haben das Lager, das intern unter dem Codenamen "S21" geführt wurde, überlebt. 1977 hat er an nur einem Tag den Mord an 160 Kindern angeordnet. Denn auch die Angehörigen von vermeintlichen oder tatsächlichen Gegnern des Regimes, die als "Verräter" und "Saboteure" gebrandmarkt wurden, wurden damals getötet.