Rote-Khmer-Prozess Die zweifelhafte Reue des Ex-FolterchefsSeite 2/2

Entsprechend geschockt zeigten sich viele Angehörige von Ermordeten und Vertreter von Menschenrechtsgruppen über das geringe Strafmaß. Viele Prozessbeobachter brachen bei der Verkündung des Urteils in Tränen aus. Theary Send, eine Menschenrechtsanwältin, deren Eltern von den Roten Khmer ermordet worden sind, sagte, das Urteil sei "eine Beleidigung für die Opfer." Es sei "unakzeptabel", dass ein Mann, der für den Tod von so vielen Menschen verantwortlich ist nur zu 19 Jahren verurteilt worden ist.

Chum Mey (Foto), 78 und Bou Meng, 69, zwei Überlebende des Foltergefängnisses, haben bei dem Prozess unter Tränen ausgesagt. Sie hatten sich anschließend dafür ausgesprochen, dass ihr ehemaliger Peiniger zu lebenslanger Haft verurteilt würde.

Doch trotz der Ernüchterung über das geringe Strafmaß bedeutet das Urteil, dessen Verkündung von allen großen Fernseh- und Radiosendern im Land live übertragen worden ist, einen Wendepunkt für Kambodscha. Denn damit ist zum ersten Mal, drei Jahrzehnte nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, ein hochrangiger Täter von einem international anerkannten Gericht verurteilt worden. Im kommenden Jahr soll von demselben Gericht der Prozess gegen vier Mitglieder der damaligen Rote Khmer-Regierung beginnen, die sich ebenfalls in Haft befinden.

Bislang ist es nie zu einer wirklichen Aufarbeitung der Schreckensherrschaft zwischen den Jahren 1975 und 1979 gekommen. Zwar haben die vietnamesischen Besatzer, die nach jahrelangen Scharmützeln entlang der Grenze im November 1978 in Kambodscha einmarschiert sind und wenige Wochen später die Roten Khmer aus Phnom Penh vertrieben haben, Tuol Sleng und andere Orte des Verbrechens rasch in Genozidmahnmale umgewandelt und sie nachträglich als Rechtfertigung für ihren Einmarsch benutzt.

Doch Vietnams Kommunisten, die seither einen starken Einfluss auf Kambodscha ausüben, haben die Roten Khmer bis in die frühen siebziger Jahren selbst massiv militärisch unterstützt und das Schreckensregime damit überhaupt erst möglich gemacht.

Auch war Kambodschas heutiger Premierminister Hun Sen, der 1978 gemeinsam mit den Vietnamesen in Kambodscha einmarschiert ist, selbst ursprünglich ein Anhänger der Roten Khmer. Wie viele andere Kader hatte er sich nach Vietnam abgesetzt, nachdem sich Pol Pots paranoide "Säuberungs"-Aktionen immer mehr auf vermeintliche Gegner in den eigenen Reihen gerichtet hatten. Manche Prozessbeobachter äußerten daher nach der Verkündung des Urteils den Verdacht, die Regierung können auf das Gericht eingewirkt und das geringe Strafmaß herbeigeführt haben. Angesichts der Zusammensetzung des Gerichts, in dem auch internationale Richter vertreten sind, ist das jedoch wenig wahrscheinlich.

Doch auch schon während des Verfahrens hat Kaing Guek Eav, der vor der Zeit des Rote-Khmer-Regimes als Mathematiklehrer gearbeitet hatte, für Kontroversen gesorgt. Zwar zeigte er sich während des Prozesses reumütig. Als er im Jahr 2008 an den Ort seiner Verbrechen geführt wurde, soll er in Tränen aufgelöst um "Vergebung" gebeten haben. Doch Beobachter hatten ihre Zweifel, ob er seine Taten wirklich bereut.

Die französische Psychologin Francoise Sironi-Guilbaud, die Duch für das Verfahren untersucht hat, sagte, der ehemalige Mathematiklehrer argumentiere immer "gemäß den Regeln der Logik." "Er ist gewillt, das zu akzeptieren, was bewiesen ist. Was nicht bewiesen werden kann, akzeptiert er nicht", erklärte sie während des Verfahrens.

Beim Schlussplädoyer vor einigen Wochen zeigte sich, was Sironi-Guilbaud damit meinte. Kaing sorgte in allerletzter Minute mit einer 180-Grad-Wende für einen Eklat. Er forderte, freigesprochen zu werden, da er nur "Befehle" ausgeführt habe und keiner der Haupttäter gewesen sei.

 
Leser-Kommentare
  1. In dem Artikel wird der Eindruck erweckt, dass die Vietnamesen einen beträchtlichen Anteil am Aufstieg der Roten Khmer hatten.
    Entscheidend war jedoch die ausdauernde Bombardierung Kambodschas durch die US-Armee!

    • Arril
    • 26.07.2010 um 18:13 Uhr
    2. Hmm...

    Da sieht man es mal: Finanzbetrüger wie ein Herr Madoff bekommen 150 Jahre, ein Massenmörder nur 19... Wie soll man das noch verstehen? Wer hat ein Interesse daran, diese Leute mit milden Strafen davonkommen zu lassen?

  2. ganz zu erwähnen, daß - (neben konventioneller Bombadierung (und auch Verseuchung der an Vietnam angrenzenden Gebiete Kambodschas und Laos mit Agent Orange) durch die USA) - vor allem die KPCh Entstehung, Aufstieg, Barbarei der Khmer Rouge massiv unterstützte.

    Sie vergessen auch, daß die KPCh noch während der Befreiung Kambodschas durch die Vietnamesen 1979 (die USA hatte sich ja nach dem Fall von Saigon 1975 reichlich überstürzt aus der Region verabschiedet) den chinesisch-vietnamesischen Grenzkrieg vom Zaun brach, um die durch den Vietnamkrieg ohnehin enorm geschwächten Vietnamesen zur Räumung Kambodschas zu zwingen. Dazu reicht bereits ein Blick zu Wikipedia http://de.wikipedia.org/w...
    Sie vergessen auch, daß die Khmer Rouge jahrelang in den vietnamesischen Süden einfielen, Vietnam also keiner 'Rechtfertigung' bedurfte.

    Darf ich fragen, wie Ihrer Ansicht nach der 'seither starke Einfluss auf Kambodscha' der 'kommunistischen Vietnamesen' vonstatten ging? Wenn die Khmer ein Volk nicht leiden können, so sind das die geschäftstüchtigen Vietnamesen. In Kambodscha wird z.B. jede Prostituierte als 'Vietnamesin' bezeichnet.

    Ihren Artikel empfinde ich als Geschichtsklitterung. Warum tun Sie das, am Wissen kann es Ihnen doch kaum fehlen? http://www.weltreporter.n...

    Für die Heilung von Kambodschas Trauma wäre es sehr viel besser gewesen, Kaing Guek Eav zu lebenslanger Haft zu verurteilen.

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