Brunner-ProzessEhrliche Falschaussagen

Im Prozess um den getöteten Dominik Brunner haben sich Zeugen in Widersprüche verstrickt. Wissenschaftler erklären, warum der Mensch sich häufig falsch erinnert. von 

Solln Dominik Brunner Prozess Zivilcourage

Verschwommene Erinnerung: Was geschah wirklich am U-Bahnhof München Solln, wo Dominik Brunner zu Tode kam?  |  © Miguel Villagran/Getty Images

Ein Mann, der mitten im Leben stand, ist unter dramatischen Umständen gewaltsam getötet worden. Doch wie war der Ablauf in den alles entscheidenden Minuten genau? Vier Augenzeugen sagen aus – und präsentieren vier Versionen des Geschehens . Alle sind sie in sich stimmig und plausibel.

Was wie die Aussagen der Zeugen im Brunner-Prozess anmutet, ist der Kern eines der wichtigsten Werke der Filmgeschichte: Akira Kurosawa, der große Meister des japanischen Films, erzählt 1950 in Rashomon vom Tod eines edlen Samurai – und lässt den Zuschauer auf der Suche nach der Wahrheit verstört zurück.

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Lange vor den ersten Wissenschaftlern belehrte uns Kurosawa darüber, dass das menschliche Gedächtnis nicht wie ein Videorecorder funktioniert und jedes Geschehen minutiös aufzeichnet. Wir möchten gern glauben, dass Falschaussagen immer Lügen sind, die geschickte Ermittler, Richter – oder Krimileser – mit kriminalistischem Spürsinn entlarven. Wir möchten uns daran halten können, dass es reicht, die Glaubwürdigkeit einer Person zu ermitteln, die mit ihrem guten Charakter zusammenhängt.

Forscher wissen: Irren ist noch weiter verbreitet als das Lügen. Spätestens seit der Debatte über verfälschte Missbrauchserinnerungen aus der Kindheit, die in den neunziger Jahren geführt wurde, ist die unabsichtliche Falschaussage zum Thema geworden. Kognitionspsychologen interessiert schon länger, unter welchen Umständen das Gedächtnis uns besonders leicht im Stich lässt. "Dass wir einen Ablauf wirklichkeitsgetreu wiedergeben können, ist umso unwahrscheinlicher, je beiläufiger wir ihn wahrgenommen haben", sagt die Psychologin Anett Galow, die sich am Institut für Forensische Psychiatrie der Charité wissenschaftlich und praktisch mit der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen befasst.

Nur am Rande nehmen Menschen eine Situation wie die am S-Bahn-Gleis in Solln zum Beispiel wahr, wenn sie selbst gerade anderweitig beschäftigt sind und die Dramatik einer Situation in ihrem Vorfeld noch nicht erkennbar ist. Meist bekommen sie allenfalls Ausschnitte des Gesamtgeschehens wirklich selbst mit – und das in wenigen Minuten oder gar Sekunden. "Je mehr Informationen pro Zeiteinheit auf sie einströmen, desto mehr Fehler passieren später bei der Wiedergabe der Situation", sagt Galow. Auch die Zeit, die zwischen Ereignis und Befragung verstreicht, sorgt für Verfälschungen. Vor allem, wenn in der Zwischenzeit die Medien sich eines spektakulären Falls angenommen haben.

Aber die Zeugen werden dringend gebraucht. Und das Vertrackte ist, dass sie meist bei der späteren Befragung viel Vertrauen in das eigene Erinnerungsvermögen haben – mehr, als es verdient. Jeder akzeptiere zwar, dass Menschen sagen, etwas falle ihnen beim besten Willen nicht mehr ein, sagt der Mannheimer Kognitionspsychologe Edgar Erfelder, der sich wissenschaftlich mit der Entstehung fehlerhafter Aussagen beschäftigt. "Aber wenn ein glaubwürdiger Zeuge behauptet, ein bestimmtes Ereignis sicher erinnern zu können, dann scheinen Zweifel an seiner Aussage unangebracht."

Leserkommentare
  1. zu diesen "ehrlichen" Falschaussagen, weil einige Zeugen sich selbst bei "ehrlicher" Aussage auf der Anklagebank gesehen hätten. So ist doch für jeden Normalbürger nachvollziehbar, dass "man" lieber sagt: ich denke, der hat so oder so gehandelt -> auf jeden Fall so, dass keine unterlassene Hilfeleistung dabei herauskommt.

    So ein Verhalten liegt in der Natur derjenigen, die offensichtlich nur zugesehen und nicht gehandelt haben. Mutige hätten Herrn Brunner geholfen.

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    s.o.

  2. Verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion / mh

    • -Ziet-
    • 25. Juli 2010 17:06 Uhr

    ... wozu z.B. auch gehört erstmal in Ruhe alle Zeugen zu vernehmen und deren Protokolle auszuwerten ... letztlich auch zu sortieren, um die Positionen der Zeugen zum Geschehen physisch und affektiv zu klären.

    Den Richtern wird dann wohl auch die geplante Ortsbegehung ausschlußreich sein können.

    Demnach muß man nun erstmal rausfinden, wer von den Zeugen den Vorfall eher 'beiläufig' und welche Zeugen den Vorfall 'interessiert' (oder mit Betroffenheit) verfolgten.

    Dabei müßte dann noch rausgefiltert werden, welche der 'interessiert' Beobachtenden wieviel Momente des Vorspiels und Nachspiels mitbekommen hatten (manche waren ja nur als Gaffer kurz stehengeblieben, ohne den Anfang gesehen zu haben und sind dann auch gleich wieder weitergelaufen).

    Dann hat man eine Prioritätenliste.
    Beim Lokführer ist z.B. durchaus anzunehmen, daß er auch noch mit anderen Dingen beschäftigt war und sogar ganz eigene Interessen verfolgt, nämlich sich gegenüber potentiellen Vorwürfen abzusichern. Das erklärt dann auch dessen starke Abweichung von den anderen Zeugen.

    Was ich stark bewerten würde sind solche Hardfacts wie, ...
    ... daß einer einen Schlüsselbund zwischen die Finger klemmt und damit auf Gesicht und Kopf einschlägt ...
    ... daß zwei in Überzahl einen von vorn und hinten zeitgleich brutal angreifen ...
    ... auf einen am Bodenliegenden noch weiter mit Schuhen einzutreten ...
    ... daß die beiden beim Eintreten am Boden auf Gesicht und Kopf zielten ...

    ... da sehe ich Vernichtungswille!

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    ein guter Artikel
    man sollte erst mal alle Zeugenaussagen haben und sehen, welche Beobachtungen einander ausschließen oder sich gegenseitig bestätigen und welche Agenda einzelne Zeugen haben mögen.
    Nach diesen richtigen Einsichten schreiten Sie dann aber recht fix zur Bewertung individueller Aussagen nach ihrem eigenen bereits getroffenen Urteil.

  3. Verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche. Die Redaktion / mh

  4. Unglaublich wie viele Leute bei dem Thema geistig entgleisen.

    Besser keine BILD lesen!

    • sevens
    • 25. Juli 2010 19:14 Uhr

    Daß Wahrnehmung immer subjektiv ist, ist längst bekannt. Wie subjektiv sie aber tatsächlich sein kann und welche Folgen diese Subjektivität hat, darüber kann man sich trefflich streiten. Insbesondere in Paniksituationen wird Wahrnehmung extrem fokussiert. Es gilt, überlebenswichtige Informationen aufzunehmen - alles andere wird ausgeblendet und erst später wieder aufgefüllt, wenn der Gesamtzusammenhang erinnert werden soll. Die Gestalt-Psychologie beschreibt sehr gut, wie Menschen sich ein in sich stimmiges Gesamtbild konstruieren - das aber möglicherweise nicht sonderlich viel mit der objektiven Realität zutun haben muß. Der Mensch kann gar nicht anders: Er konstruiert sich seine Realität. Bei Kriminalfällen ist das ein Problem.

    • Atan
    • 25. Juli 2010 19:36 Uhr

    eine Novelle von Ryunosuke Akutagawa, einem der wichtigsten Schriftsteller des modernen Japan und Namensgeber des wichtigsten Literaturpreises. Ist zwar jetzt OT und bildungshuberisch, aber wir würden ja auch die "Katarina Blum" nicht in erster Linie als "Schlöndorff-Film" erinnert wissen wollen.
    Mit Bitte um Pardon für die Erbsenzählerei (ich gebe auch zu: der Film ist bei uns sicherlich bekannter und unbedingt sehenswert, aber die Novelle lohnt sich auch.)

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