Bisher hatte ein Paar, das von seiner erblichen Vorbelastung für lebensbedrohliche Krankheiten wusste, nur die Möglichkeit, ein schwer krankes Kind durch eine Spätabtreibung töten zu lassen. Theoretisch ist eine Abtreibung in einem solchen Fall  sogar bis kurz vor der Geburt möglich, und bedeutet, dass der Fötus oft schon so weit entwickelt ist, dass es außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig wäre. Ein grausamer Eingriff für die betroffenen Eltern, und wohl auch für den Arzt. Ein Berliner Frauenarzt hat drei Paaren dieses Leid erspart. Und genau dafür musste er sich nun vor einem deutschen Gericht verantworten.

Denn der Gynäkologe verwendete dafür die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) – ein gentechnisches Analyseverfahren, das Menschen mit Erbkrankheiten helfen kann. Die PID kann die gesunden Embryos im Reagenzglas von den kranken unterscheiden. Der Arzt kann daraufhin nur die gesunden Embryonen einpflanzen. Diese vorgeburtliche Auswahl galt aber im Gegensatz zur Spätabtreibung nach deutschem Recht als verboten. Um auf die aus seiner Sicht große Ungerechtigkeit in der deutschen Gesetzeslage hinzuweisen, hatte sich der Frauenarzt selbst angezeigt.

Nun ist der Fall vor dem fünften Strafsenat des Bundesgerichthofs in Leipzig gelandet. Und der stellte fest, dass Gentests an künstlich befruchteten Embryonen nicht strafbar sind. Die Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten außerhalb des Mutterleibs, die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, verstoße nicht gegen das Embryonenschutzgesetz, entschied der Bundesgerichtshof.  Die Bundesrichter bestätigten mit dieser Entscheidung auch den Freispruch, den das Berliner Landgericht für den 47-jährigen Gynäkologen getroffen hatte und verwarfen die Revision der Staatsanwaltschaft.

Der Wunsch der Paare, sich das Leid einer Spätabtreibung oder des Lebens mit einem behinderten oder sterbenden Kind zu ersparen, ist legitim, finden die Befürworter der PID. Das leuchtet ein. Die Argumente derer, die ihnen diesen Wunsch lieber verwehren wollten, sind viel umständlicher auf eine allgemeinverständliche Formel zu bringen. Dennoch sind sie nicht weniger bedenkenswert.

Am einfachsten haben es da noch die christlichen Lebensschützer. Für sie beginnt menschliches Leben mit dem Zeitpunkt der Befruchtung. Die Praxis der Spätabtreibung ist ihnen daher ebenso verhasst wie die gezielte Auswahl von Embryonen im Frühstadium.

Viele Behindertenverbände lehnen vor allem die Unterscheidung von wertem und unwertem Leben ab, die bei der Diagnose nötig würde. Wer wären wir denn, Menschen mit Down Syndrom das Lebensrecht abzusprechen, fragen sie. Und vermuten, dass man damit auch den mitleidlosen Blick auf all die anderen Defekte gnadenlos verschärfen würde, mit denen das Leben zwangsläufig einhergeht. Nach dem Motto: Na, hätte man denn das nicht verhindern können? Aus der Möglichkeit könnte bald eine Pflicht werden. Arme Frauen! Denn eine künstliche Befruchtung geht mit einer Hormonbehandlung einher, die sehr belastend ist für den Körper. Leidvermeidung scheint auch darüber hinaus ein trügerisches Versprechen zu sein. Die überwältigende Zahl der Behinderungen etwa entsteht während der Geburt, und nicht in den Genen.

Und dass die Ärzte sich für die Interessen der Frauen stark machen, hat auch mit ihren handfesten Interessen zu tun. Fortpflanzungsmedizin ist ein sehr gutes Geschäft. Hinter vorgehaltener Hand verraten Ärzte außerdem, dass sie Frauen aus anderen Kulturkreisen gelegentlich helfen, endlich den gewünschten Stammhalter zu bekommen.

 

Der stärkste Einwand der PID-Gegner ist wohl das Slippery Slope- oder auch Dammbruch-Argument. Natürlich betonen alle Befürworter der PID, dass man sie nur für besonders schwere Fälle von unheilbaren Erbkrankheiten zulassen wolle. Zunächst. Aber wer vermag zu sagen, ab wann ein Leben aussortiert gehört, und welche umfassende Verfügungsgewalt billigt man damit auch den Eltern über ihre Kinder zu? Da ist diese verführerische Macht des Machbaren: Ist ein Leben ohne Lippen-Kiefer-Gaumenspalte nicht auch viel besser als eines mit?

Das Designerbaby ist wohl ein übertriebenes Horrorszenario von Menschen, die die Möglichkeiten der Gentechnik maßlos überschätzen. Aber was, wenn sich eines Tages doch potenzielle Gen-Kandidaten für Aufmüpfigkeit, Homosexualität und Unsportlichkeit finden ließen? Dass Eltern daran interessiert wären, das Beste für ihr Kind zu verlangen, hält wohl jeder für gut möglich, der schon einmal die ehrgeizigen Gespräche am Rand eines Kinderspielplatzes mitgehört hat.

In die Zukunft schauen kann niemand. Aber Gegner wie Befürworter der PID haben gute Argumente auf ihrer Seite. Das Problem: Genauso wenig wie man ein bisschen todesstrafen und ein bisschen abtreiben kann, wird auch in diesem moralischen Konflikt die Gegenseite mit einer Entscheidung leben müssen, die wenig Raum für Kompromisse zulässt.

Interessant ist daher nicht das moralische Urteil als solches, sondern auch, was es über den politischen Umgang mit diesen Fragen sagt. Es sind Gerichte, nicht die Politiker, die die Richtung vorgeben. Dabei sind die hoch emotional geführten Debatten um das Embryonenschutzgesetz so alt wie das Gesetz selbst.

Wieder einmal jedoch sind es Praktiker, Ärzte, die mit einer Selbstanzeige zum Handeln zwingen. Das ist nicht einmal ungewöhnlich. Aber egal wie man inhaltlich zu der Entscheidung steht, bedauernswert ist, wenn solche Zukunftsfragen nicht entlang der üblichen politischen Prozesse ausgehandelt werden, sondern nach formal-juristischen, vermeintlich überlegenen Rationalitäten. Einen breiten Diskurs mit anschließender Entscheidung durch die Volksvertreter wäre man vor allem denen schuldig, die mit einer Entscheidung leben müssen, die ihren eigenen moralischen Grundüberzeugungen widerspricht.